Avaaz: Ansätze der BigTech-Firmen gegen Desinformation nicht zufriedenstellend

"Polarisierende oder auch gefälschte Inhalte ziehen mehr User an und halten sie länger auf der Plattform. Daher gibt es keinen sonderlich starken Anreiz für große Plattformen, ihr Geschäftsverhalten grundlegend zu ändern. Dies würde ja schließlich ihrem werbeabhängigen Geschäftsmodell zuwiderlaufen." [Mix Tape / Shutterstock]

Die Organisation Avaaz fordert ein „Pariser Abkommen für Desinformation“, nachdem in einer von ihr durchgeführten Untersuchung erhebliche Versäumnisse bei den Bemühungen von Facebook, YouTube, Twitter und Instagram festgestellt wurden, COVID-19-Desinformation zu bekämpfen.

In den vorläufigen Ergebnissen der Studie wird Facebook als der größte „Verursacher“ von COVID-Desinformation genannt. YouTube ist derweil die Plattform, die in den meisten Verdachtsfällen untätig bleibt.

Die Europäische Kommission hatte vor kurzem ihren Leitfaden zur Stärkung des Verhaltenskodex für Desinformation von 2018 veröffentlicht. Im Mai berichtete EURACTIV, dass die EU-Exekutive außerdem weitere Maßnahmen zur Bekämpfung von Desinformation als Teil des vorgeschlagenen Digital Services Act (DSA) vorsieht.

Luca Nicotra, Kampagnendirektor bei Avaaz, erklärte gegenüber EURACTIV.com, dass diese Maßnahmen zusammengenommen eine „einmalige Gelegenheit bieten, einen Ansatz zu präsentieren, der durchaus die Ambition haben kann, das Problem wirklich anzugehen.“

Flut an Fake News zu Coronavirus: Alarmsystem der EU im Einsatz

Ein EU-Warnsystem zur Überwachung von Desinformation wurde nach einer Reihe von Fake News rund um den Coronavirus-Ausbruch erstmals genutzt.

 

Die Studie, die auf einer Veranstaltung am vergangenen Donnerstag (24. Juni) vorgestellt wurde, ergab, dass Facebook für 68 Prozent der gesamten Interaktionen in Reaktion auf faktengeprüfte COVID-Desinformation, die über die vier Plattformen hinweg dokumentiert wurden, verantwortlich war.

EURACTIV.com hat Facebook, dem auch Instagram gehört, und den Mutterkonzern von YouTube, Google, um Stellungnahmen zum Avaaz-Bericht gebeten. Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels erhielten wird jedoch keine Antwort.

Eine Sprecherin von Twitter erklärte hingegen, dass die Plattform ihre Bemühungen zur Bekämpfung von Desinformation seit dem Beginn der Pandemie ausgeweitet habe. „Sicherzustellen, dass verlässliche, authentische Gesundheitsinformationen auf Twitter leicht zugänglich sind, war eine Priorität – schon lange bevor wir uns mitten in einer globalen Pandemie befanden,“ sagte sie.

Die Studie ergab des Weiteren, dass die Plattformen bei 37 Prozent der untersuchten COVID-Desinformationsinhalte keine Maßnahmen ergriffen. In dieser Hinsicht war YouTube der größte „Sünder“: 92 Prozent der untersuchten pandemiebezogenen Desinformationen auf der Plattform blieben unbearbeitet.

Auffällig sind auch die Unterschiede zwischen einzelnen Sprachen: So wurden 84 Prozent der Desinformationsmeldungen in italienischer Sprache nicht bearbeitet, verglichen mit 29 Prozent in Englisch und 20 Prozent in Spanisch.

Die von Avaaz geforderte Vereinbarung über Desinformation würde bedeuten, dass große Tech-Unternehmen sich verpflichten, Desinformation stärker zu bekämpfen. „Wir stehen ganz grundsätzlich vor einer großen Bedrohung für unsere Informationsumgebung,“ warnte Aktivist Nicotra gegenüber EURACTIV. „Deshalb betonen wir, dass wir in diesem Bereich die größtmöglichen Ambitionen brauchen.“

Er erklärte weiter, einige der Punkte, die in dem Leitfaden zum Verhaltenskodex für Desinformation enthalten sind, seien zwar ermutigend, bei der tatsächlichen Überwachung der Einhaltung und bei der Bestrafung von Verstößen gebe es aber noch große Lücken. Zumindest solle es „Konsequenzen“ für das Markenimage von Plattformen haben, wenn diese sich nicht an den Kodex hielten.

Avaaz befürwortet derweil eine Verknüpfung des Kodex mit dem Digital Services Act. Der Hintergrund: Während der Kodex nicht rechtlich bindend ist, wird es der DSA sein. Plattformen, die die im Kodex skizzierten Maßnahmen bereits heute proaktiv umsetzen, könnten demnach zukünftige Strafen für die Nichteinhaltung vermeiden, die drohen, sobald der DSA tatsächlich geltendes Recht wird.

Kommission stellt "Leitlinien" gegen Desinformation vor

Die gestern veröffentlichten „Leitlinien zur Stärkung des Verhaltenskodex für den Bereich der Desinformation“ zeigen die Erwartungen der EU-Kommission in Bezug auf Anti-Desinformationsmaßnahmen für Online-Plattformen auf.

Die DSA-Bestimmungen zur Desinformation sind Teil eines breiteren Fokus auf Transparenz, insbesondere in der Online-Werbung, die einige in der Branche als direkt verantwortlich für das Ausmaß der Online-Desinformation sehen.

Sebastiano Toffaletti, Generalsekretär der European Digital SME Alliance, einer Vereinigung kleiner und mittelständischer IKT-Unternehmen, betont gegenüber EURACTIV, das Problem der Desinformation hänge eher mit dem stark werbeabhängigen Geschäftsmodell der großen Online-Plattformen zusammen als mit der Technologie an sich.

„Polarisierende oder auch gefälschte Inhalte ziehen mehr User an und halten sie länger auf der Plattform,“ erklärt er. „Daher gibt es keinen sonderlich starken Anreiz für große Plattformen, ihr Geschäftsverhalten grundlegend zu ändern. Dies würde ja schließlich ihrem werbeabhängigen Geschäftsmodell zuwiderlaufen.“

[Bearbeitet von Luca Bertuzzi/Zoran Radosavljevic]

Die Rechenschaftspflichten im Digital Services Act müssen bestehen bleiben

Die Bestimmungen des Digital Services Act zur Risikobewertung und Überprüfung von Tech-Unternehmen müssen bleiben und verbessert werden, wenn wir diese für schädliche Unternehmenspraxen und Rechtsverletzungen verantwortlich halten wollen, schreiben Nienke Palstra, Emma Ruby-Sachs, Claudia Prettner und Jesse Lehrich.

Kommission wünscht sich "Demonetarisierung" von Desinformation

Als Teil eines umfassenderen Versuchs, gegen gewisse Inhalte im Internet vorzugehen, hat die EU-Kommission die großen Digitalplattformen aufgefordert, Maßnahmen zu ergreifen, um Desinformation im Internet zu „demonetarisieren“. 

Russische Corona-Desinformation für den "heimischen Markt"?

Im Westen gehen viele davon aus, dass russische Stellen Desinformationen streuen, um so Misstrauen in westliche Institutionen zu befeuern. Allerdings könnte vielmehr das heimische russische Publikum das Hauptziel der Kampagnen sein.

Subscribe to our newsletters

Subscribe