Weltfrauentag: Zeit für einen Blick auf pandemiebedingte Ungleichheiten

Roberta Metsola, Präsidentin des Europäischen Parlaments. [Europäisches Parlament]

Im Vorfeld des Weltfrauentages hat das Europäische Parlament eine Diskussion über die unverhältnismäßigen Auswirkungen der Pandemie auf Frauen gestartet, die infolge von Lockdowns und Ausgangssperren mit mehr unbezahlter Pflegearbeit, Gewalt und einer verschlechterten psychischen Gesundheit konfrontiert waren.

Während die Pandemie sich weltweit ausbreitete und viele Länder zu Lockdowns zwang, wurden die Nebenwirkungen der Ausgangsbeschränkungen deutlich.

„In den letzten zwei Jahren hat man gesehen, dass die unverhältnismäßigen Auswirkungen der Pandemie auf Frauen, die bezahlte und unbezahlte Pflegearbeit leisten, unsere gesamte Gesellschaft betreffen“, sagte die Präsidentin des Europäischen Parlaments, Roberta Metsola, während einer Sondersitzung des interparlamentarischen Ausschusses letzte Woche (3. März).

„Die Pandemie hat auch die unverhältnismäßigen Auswirkungen der Telearbeit auf Frauen deutlich gemacht. (…) Der Preis dafür war, dass von Frauen immer noch erwartet wird, dass sie die Hauptverantwortung für Familie und Haushalt tragen, und dass es für sie noch schwieriger als zuvor wurde, Beruf und Familie zu vereinbaren“, fügte Metsola hinzu.

In einem Kurzbericht weist das Parlament darauf hin, dass 81 Prozent der Frauen und 48 Prozent der Männer täglich Pflegeaufgaben übernehmen. Insgesamt waren 94 Prozent der Frauen mehrmals in der Woche mit unbezahlter Pflegarbeit beschäftigt, verglichen mit 70 Prozent der Männer, wobei die Zahlen von Land zu Land variieren.

Der Bericht bezieht sich auf eine andere Studie des Parlaments vom letzten Jahr, die zeigte, dass die Pandemie größere Auswirkungen auf Wirtschaftssektoren mit einem höheren Anteil an Frauen in der Belegschaft hatte. Die Pandemie führte zu einem ungleichen Anstieg der unbezahlten Pflegearbeit für Frauen und zu mehr Gewalt gegen Frauen, einschließlich häuslicher Gewalt.

„Im Durchschnitt haben Frauen in der EU während der Pandemie jede Woche 36 Stunden unbezahlte Pflegearbeit geleistet, das sind fast 2000 Stunden pro Jahr. (…) Das bedeutet, dass Frauen seit Beginn der Corona-Krise im wahrsten Sinne des Wortes eine Doppelschicht gearbeitet haben“, so Carlien Scheele, Direktorin des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE).

Sie betonte, dass es Veränderungen im privaten Bereich brauche, dass es aber auch einen Bedarf an erschwinglichen professionellen Pflegediensten gebe und die Zukunft des Home Office sorgfältig geregelt werden müsse.

Eine am Freitag (4. März) veröffentlichte Eurobarometer-Umfrage ergab außerdem, dass 77 Prozent der Frauen in der EU der Meinung sind, dass die Corona-Pandemie in ihrem Land zu mehr körperlicher und emotionaler Gewalt gegen Frauen geführt hat. Achtunddreißig Prozent der Frauen stimmten zu, dass die Pandemie ihr Einkommen beeinträchtigt hat.

Darüber hinaus stimmte 1 Prozent der Frauen voll und ganz oder eher zu, dass sie aufgrund der Pandemie in Erwägung gezogen oder beschlossen haben, die Zeit, die sie für bezahlte Arbeit aufwenden, dauerhaft zu reduzieren.

Auch die Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit wurden thematisiert: 41 Prozent der Frauen waren der Meinung, dass sich Lockdowns und Ausgangssperren erheblich negativ auf ihre psychische Gesundheit auswirkten, wobei die Zahlen je nach soziodemografischer Gruppe und Land variierten.

In einem am Dienstag (2. März) veröffentlichten Kurzbericht der Weltgesundheitsorganisation heißt es weiter, die Ergebnisse würden darauf hindeuten, dass Frauen während der Pandemie in Bezug auf ihre psychische Gesundheit stärker beeinträchtigt worden seien als Männer.

Frauen schultern drei Viertel der Pflegearbeit in der EU

Der Großteil der Pflegearbeit in der EU wird von Frauen, so genannten „informellen Pflegekräften“, unentgeltlich geleistet, womit Geschlechterungleichheiten verschärft werden, so ein Bericht der ungarischen EU-Abgeordneten Katalin Cseh.

Neuer Rechtsakt in Sicht

„COVID hat letztlich die wahre Natur und das wahre Ausmaß der Ungleichheiten aufgezeigt, die Frauen immer noch ertragen müssen. Und es liegt an uns (…), dies zu bekämpfen“, sagte Metsola.

Auch die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Věra Jourová, sagte, die Pandemie habe eine Gelegenheit geschaffen, „dafür zu sorgen, dass die Wiederaufbaubemühungen inklusiv sind und dass wir besser wiederaufbauen, auch im Hinblick auf die Rolle der Frauen.“

Sie fügte hinzu, dass die Kommission Initiativen zur Förderung der Geschlechtergleichstellung vorschlagen werde, darunter einen „umfassenden Rechtsakt zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt.“

Der Kommissarin zufolge wird dieser Rechtsakt „alle Arten von Gewalt gegen Frauen kriminalisieren, für die wir eine Rechtsgrundlage im Vertrag haben, und die Prävention und den Schutz der Opfer verbessern.“

In Bezug auf Frauen auf dem Arbeitsmarkt sagte Jourová, die Kommission setze sich weiterhin dafür ein, „den Zugang von Frauen zum und ihre Beteiligung am Arbeitsmarkt zu stärken”. Die EU-Exekutive habe sich zudem das Ziel gesetzt, bis 2030 einen Frauenanteil von 75 Prozent auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen.

Das gleiche 75 Prozent-Ziel war auch in einer früheren Strategie namens Europa 2020 enthalten. Diese wurde 2010 von der Barroso-Kommission vorgestellt, sollte aber bis 2020 erreicht werden.

„Jetzt verschieben wir es, und das zeigt, dass wir etwas falsch machen. Wir ergreifen nicht genug Maßnahmen“, sagte Jourová.

Die französische Ministerin für Geschlechtergleichstellung, Élisabeth Moreno, hob die Ankündigung der französischen EU-Ratspräsidentschaft hervor, zwei Initiativen vorzuschlagen.

Eine davon soll das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern beseitigen und den Zugang zum Arbeitsmarkt verbessern, die andere betrifft die Frauenquote in den Vorständen großer Unternehmen.

„Wir wollen eine Gesellschaft, die alle ihre Bürger:innen, Männer und Frauen, schützt und in der alle Grundrechte geachtet werden. Das bedeutet, dass wir die Lehren aus der Pandemie ziehen müssen, zu denen auch die anhaltende Ungleichheit gehört“, so Moreno.

Neuer Bericht: Pandemie bringt großen Rückschlag für Gleichstellung der Geschlechter

Ein neuer Bericht zeigt, dass die COVID-19-Pandemie sich negativ auf die Gleichstellung der Geschlechter sowie auf psychische und reproduktive Gesundheit in ganz Europa ausgewirkt hat.

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Alice Taylor]

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