Neuer Bericht: Pandemie bringt großen Rückschlag für Gleichstellung der Geschlechter

Die Pandemie "wirft weiterhin ein Licht auf bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern", sagte EU-Gleichstellungskommissar Dalli bei der Vorstellung des Berichts. [FREDERICK FLORIN/EPA-EFE]

Die COVID-19-Pandemie hat sich negativ auf die Gleichstellung der Geschlechter sowie auf psychische und reproduktive Gesundheit in ganz Europa ausgewirkt, wobei in den letzen 12 Monaten wenig bis gar keine Fortschritte erzielt wurden. Das geht aus einem Bericht hervor, der am Donnerstag (28. Oktober) vom Europäischen Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) vorgelegt wurde.

Dem Bericht zufolge ist die Gesamtpunktzahl der EU im Gleichstellungsindex des Instituts im Vergleich zu 2020 nahezu stagniert und stieg lediglich um 0,6% auf 68 von 100 möglichen Punkten.

„Europa hat bei der Gleichstellung der Geschlechter schwache Fortschritte gemacht. Aber infolge der COVID-19-Pandemie zeichnen sich große Verluste ab“, sagte EIGE-Direktorin Carlien Scheele.

Während der Index jedes Jahr veröffentlicht wird, um zu ermitteln, wo die EU-Länder bei der Gleichstellung der Geschlechter stehen, konzentriert sich der diesjährige Bericht auf die Gesundheit und die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie.

„Die Beschäftigung mit dem heutigen Thema kommt zum richtigen Zeitpunkt, da die größte globale Gesundheitskrise, die wir je erlebt haben, weiterhin die bestehenden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern aufzeigt“, sagte die EU-Kommissarin für Gleichstellung, Helena Dalli, bei der Vorstellung des Berichts.

Frauen unverhältnismäßig stark von der Pandemie betroffen

Aus dem Bericht geht hervor, dass Frauen einem höheren Risiko ausgesetzt sind, sich mit dem Virus anzustecken, da sie im Gesundheitssektor überrepräsentiert sind. Darüber hinaus war das Gesundheitspersonal laut der Studie auch psychisch besonders belastet.

„COVID-19 hat sich verheerend auf Frauen und Mädchen ausgewirkt“, sagte Hans Henri Kluge, Direktor des WHO-Regionalbüros für Europa, bei der Präsentation des Berichts. „Es hat die bestehenden Ungleichheiten verschärft und Frauen unverhältnismäßig stark belastet, auch im Gesundheitswesen“, fügte er hinzu.

Während Frauen häufiger an COVID erkrankten, waren die Hospitalisierungsraten bei Männern vergleichsweise höher. Den Forscher:innen zufolge hängt dies mit Vorerkrankungen zusammen, die bei Männern häufiger vorkommen, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.

Die Gleichstellung der Geschlechter wurde auch in anderen Bereichen als der Gesundheit beeinträchtigt. So seien beispielsweise die wirtschaftlichen Folgen der Krise für Frauen schwerwiegender und langwieriger als für Männer, erklärte Scheele. Den Forscher:innen zufolge liegt dies daran, dass Frauen in anderen Berufen tätig sind als Männer und einen höheren Anteil an unbezahlten Pflegeaufgaben übernehmen.

Unerfüllte Gesundheitsbedürfnisse

Aus dem Bericht geht auch hervor, dass der Zugang zu Gesundheitsdiensten in der EU noch immer nicht überall gleich ist. Während etwa 3% der Männer und Frauen angeben, dass ihr Bedarf an medizinischen Untersuchungen nicht gedeckt ist, ist die Quote bei bestimmten Gruppen von Frauen, wie älteren oder weniger gebildeten Frauen (4%) und Alleinerziehenden (5%), besonders hoch.

„Der gleichberechtigte Zugang zu qualitativ hochwertigen Gesundheitsdiensten, einschließlich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und der damit verbundenen Rechte, ermöglicht es Frauen und Männern in all ihrer Vielfalt, ein erfülltes und aktives Leben in der Gesellschaft zu führen“, sagte Dalli.

Sie fügte hinzu, dass die Kommission bereit sei, die Mitgliedstaaten durch das EU4Health-Programm dabei zu unterstützen, „das in der Charta der Grundrechte und in der Säule der sozialen Rechte verankerte Grundrecht jedes Menschen auf Zugang zur Gesundheitsversorgung anzuerkennen“.

EU4Health: Gesundheitskommissarin will Zuschüsse für Gesundheits-NGOs wieder einführen

Die Europäische Kommission wird Betriebskostenzuschüsse für NGOs des Gesundheitswesens im Rahmen des EU4Health-Programms wieder einführen, versprach die EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides, nachdem sich europäische Gesundheits-NGOs diese Woche in einer Online-Kampagne zusammengeschlossen hatten.

Das EU4Health-Programm, das EU-weit mit 5,3 Milliarden Euro ausgestattet ist, wurde als Reaktion auf die Pandemie ins Leben gerufen und soll die Widerstandsfähigkeit der Gesundheitssysteme verbessern. Zu den zehn Zielen des Programms gehört es, den Zugang zur Gesundheitsversorgung zu verbessern und medizinische Produkte und Geräte erschwinglicher zu machen.

Neben dem EU4Health-Programm bekämpft die Kommission laut Dalli auch Ungleichheiten durch die EU-Strategie zur Gleichstellung der Geschlechter und den Europäischen Aktionsplan zur Säule der sozialen Rechte.

Geburtenrate gesenkt

Der Zugang zu Behandlungen und Dienstleistungen „selbst in den robustesten Gesundheitssystemen“ sei während der Pandemie weiter gefährdet gewesen, betonte Dalli. „Vor allem Frauen und Mädchen hatten aufgrund von Schulschließungen, Mobilitätseinschränkungen und wirtschaftlicher Not Schwierigkeiten, Informationen über Menstruationshygiene und Hygieneartikel zu erhalten“, fügte sie hinzu.

Der eingeschränkte Zugang zu Diensten der sexuellen und reproduktiven Gesundheit könnte auch einer der Gründe dafür sein, dass die Geburtenraten seit Beginn der Pandemie zurückgegangen sind, insbesondere in den am stärksten betroffenen Ländern, so das EIGE. Die Forscher:innen nannten auch psychische Belastungen, wirtschaftliche Unsicherheit und eine Zunahme der unbezahlten Betreuungsarbeit von Frauen als Faktoren, die Paare dazu veranlassten, ihre Kinderpläne zu verschieben oder aufzugeben.

Unabhängig von der Pandemie stellte der Bericht fest, dass der Zugang von Frauen zur sexuellen und reproduktiven Gesundheitsversorgung unzureichend ist, da die begrenzte Verfügbarkeit, der Zugang zu Verhütungsmitteln, die hohen Kosten und die Stigmatisierung Hindernisse darstellen. Darüber hinaus ist der Zugang zu einem sicheren Schwangerschaftsabbruch und zur medizinischen Versorgung von Müttern laut EIGE in der EU nach wie vor ungleich.

EU-Parlament fordert allgemeinen Zugang zu Abtreibung, Verhütung und Aufklärung

Das EU-Parlament hat für eine Resolution zur sexuellen reproduktiven Gesundheit und den Rechten von Frauen gestimmt. Das Parlament fordert darin die Mitgliedsstaaten auf, den Zugang zu Abtreibung, Verhütung und Sexualaufklärung zu verbessern und sicherzustellen.

[Bearbeitet von Alice Taylor]

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