Kontaktbeschränkungen wohl Hauptursache für psychische Probleme in der Pandemie

"Im Durchschnitt haben Frauen in der EU während der Pandemie jede Woche 36 Stunden unbezahlte Betreuungsarbeit geleistet, das sind fast 2000 Stunden pro Jahr", so Carlien Scheele, Direktorin des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE). [ eldar nurkovic / SHUTTERSTOCK]

Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Kontaktbeschränkungen die Hauptursache für die Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit während der Corona-Pandemie waren.

Lockdown-Maßnahmen und ihre Auswirkungen werden seit dem Beginn der Corona-Pandemie heftig debattiert. Die Forschung hat gezeigt, dass sich während der Pandemie die psychische Gesundheit im Durchschnitt verschlechtert hat. Expert:innen und politische Entscheidungsträger:innen haben zum Handeln aufgerufen.

Um der Ursachen für diese mentale Belastung nachzugehen, haben zwei neuen Studien, die am Donnerstag (21. April) im Fachmagazin The Lancet veröffentlicht wurden, den Zusammenhang zwischen den Corona-Beschränkungen und der psychischen Gesundheit während der Pandemie sowie die Entwicklung der mentalen Verfassung untersucht.

Beide Studien zeigten, dass strengere politische Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie mit einer schlechteren psychischen Gesundheit verbunden waren.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass striktere politische Maßnahmen und die Intensität der Pandemie beide mit einer schlechteren psychischen Gesundheit verbunden sind, und zwar in ähnlichem Maße“, heißt es in einer der Studien.

Die Wissenschaftler:innen sammelten Daten zur psychischen Gesundheit über den „Corona Behavior Tracker“ des Imperial College London, mit zwei verschiedenen Maßstäben für die psychische Gesundheit: psychische Belastung und Lebensqualität.

Anhand eines Indexes zur Bewertung der Intensität der Maßnahmen der Länder gegen die Pandemie unterteilten die Autor:innen die einbezogenen Länder in solche mit Eliminierungsstrategien (Australien, Japan, Singapur und Südkorea) und solche mit Abschwächungsstrategien (Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, Kanada, die Niederlande, Norwegen, Spanien, Schweden und das Vereinigte Königreich).

Das bedeutet, dass letztere sich für eine Milderung der Auswirkungen der Pandemie entschieden haben, anstatt zu versuchen, die Übertragung in der Gesellschaft völlig zu unterbinden.

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In den Ländern, in denen eine Strategie zur Eindämmung der Folgen verfolgt wurde, die aus zeitweiligen Abriegelungen, der Schließung von Arbeitsplätzen und Schulen, Kontaktbeschränkungen, Gesichtsmasken und der Absage öffentlicher Veranstaltungen bestand, stellten die Forschenden eine allgemeine Verschlechterung der Lebensqualität fest.

Maßnahmen zur sozialen Distanzierung wie die Einschränkung von Versammlungen und die Aufforderung, zu Hause zu bleiben, waren mit einer höheren psychischen Belastung verbunden.

Andererseits haben Maßnahmen wie die Schließung von Schulen und Arbeitsplätzen nicht zu einer Verschlechterung der mentalen Gesundheit geführt.

„Eindämmungsstrategien können zumindest teilweise mit schlechteren Ergebnissen für die psychische Gesundheit verbunden sein, weil lange Schließungen und physische Distanzierung soziale Verbindungen behindern“, sagte Mitautor Rafael Goldszmidt.

„Strategien, die auf die Beseitigung der Übertragung abzielen und dabei frühzeitige Maßnahmen und gezielte Strenge erfordern, können die Zahl der Todesfälle verringern und gleichzeitig die psychische Gesundheit der Menschen schützen“, fügte er hinzu.

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Nicht alle sind in gleicher Weise betroffen

Wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits in der Vergangenheit gewarnt hat, wirken sich Lockdowns auf die psychische Gesundheit für verschiedene gesellschaftliche Gruppen unterschiedlich aus. Die Organisation wies darauf hin, dass junge Menschen, Frauen und Menschen mit vorbestehenden körperlichen Erkrankungen mit größerer Wahrscheinlichkeit Symptome von psychischen Erkrankungen entwickeln.

Die zweite Lancet-Studie, die mit australischen Teilnehmenden durchgeführt wurde, kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass Frauen stärker von der Abriegelung betroffen waren als Männer. Außerdem waren vor allem 20- bis 29-Jährige besonders stark betroffen.

„Während die Auswirkungen der Lockdowns auf die psychische Gesundheit der Gesamtbevölkerung gering waren, gab es für einige Gruppen erhebliche und klinisch relevante Auswirkungen. Frauen, insbesondere diejenigen in Familien mit kleinen Kindern, waren am stärksten betroffen. Für sie lag die Wahrscheinlichkeit einer Verschlechterung ihrer mentalen Gesundheit in jeder Altersgruppe über der ihrer männlichen Altersgenossen“, sagte einer der Autoren der zweiten Studie, Mark Wooden, Professor an der Universität von Melbourne.

„Dieser geschlechtsspezifische Effekt kann auf die zusätzliche Arbeitsbelastung zurückzuführen sein, die mit der Arbeit von zu Hause verbunden ist, während sie gleichzeitig ihre Kinder betreuen und erziehen müssen, was die bereits bestehenden Ungleichheiten bei den Haushalts- und Betreuungsaufgaben noch verstärkt“, fügte er hinzu.

Dieser Punkt wurde auch während einer Sondersitzung des interparlamentarischen Ausschusses Anfang März im Zusammenhang mit dem Frauentag diskutiert, wie EURACTIV berichtete.

„Im Durchschnitt haben Frauen in der EU während der Pandemie jede Woche 36 Stunden unbezahlte Betreuungsarbeit geleistet, das sind fast 2000 Stunden pro Jahr. […] Das bedeutet, dass Frauen seit Beginn der Corona-Krise buchstäblich eine Doppelschicht gearbeitet haben“, sagte Carlien Scheele, Direktorin des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE), auf der Ausschusssitzung im März.

[Bearbeitet von Alice Taylor]

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