EU-Agenturchefin: Die Pandemie ist noch nicht vorbei

Andrea Ammon, Direktorin des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten [European Parliament Multimedia Centre]

Europa lockert die Beschränkungen, schließt Impfzentren und verzeichnet sinkende Todesraten, doch die COVID-19-Fälle nehmen zu. Die Direktorin der EU-Agentur für Infektionskrankheiten warnt vor möglichen Varianten.

Die COVID-19-Situation in Europa sah zumindest eine Zeit lang vielversprechend aus. Die Fallzahlen gingen deutlich zurück und die Mitgliedstaaten begannen, Beschränkungen zu lockern.

Doch seit letzter Woche sei eine Trendwende zu beobachten, so Andrea Ammon, Direktorin des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC), bei einem Treffen im Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments (ENVI).

„Die Zahl der gemeldeten Covidfälle, die in den letzten Wochen rückläufig war, steigt nun wieder an. Allerdings sind die Testverfahren mittlerweile so unterschiedlich, dass es sehr schwierig ist, eine Bewertung vorzunehmen“, sagte sie vor den Abgeordneten.

„Eine gute Nachricht ist, dass die Sterblichkeitsrate weiter abnimmt. Trotzdem sterben in der EU noch immer mehr als 6.000 Menschen pro Woche an COVID“, fügte Ammon hinzu. Sie bestätigte, dass die Belegung der Intensivstationen weiterhin relativ gering sei.

Eine wachsende Zahl von EU-Ländern hat die Beschränkungen trotz der steigenden Infektionszahlen aufgehoben. Am vergangenen Wochenende trat in Deutschland ein neues Gesetz in Kraft, wodurch die meisten der COVID-19-Beschränkungen entfallen. Die neuen Auflagen wurden eingeführt, obwohl die Inzidenz in Deutschland ein Rekordhoch von rund 1.870 pro 100.000 Personen verzeichnet.

Das Tragen der Maske ist nicht länger vorgesehen – öffentliche Verkehrsmitteln sowie Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen ausgenommen. Strengere Vorschriften können außerdem für Einzelfälle, sogenannte „Hotspot“-Gebiete, erlassen werden.

Auch in den Ländern, die ihre Beschränkungen Anfang des Jahres aufgehoben haben, scheint es keine großen Bedenken zu geben. Am Sonntag (20. März) sagte der stellvertretende irische Premierminister Leo Varadkar, die steigenden Fallzahlen seien „ein Grund zur Sorge, aber kein Grund zur Panik“.

Irland hat im Januar alle Beschränkungen aufgehoben und sieht derzeit auch keine Wiedereinführung vor. Stattdessen will die Regierung sicherstellen, dass so viele Menschen wie möglich eine Auffrischungsimpfung erhalten.

Österreich scheint das einzige EU-Land zu sein, das Maßnahmen verschärft. Gesundheitsminister Johannes Rauch kündigte am Freitag (18. März) an, dass FFP2-Masken in Innenräumen wieder zur Pflicht werden.

Welche Impfungen für ukrainische Geflüchtete?

Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, werden die Aufnahmestaaten von ukrainischen Flüchtigen aufgefordert, dafür zu sorgen, dass Impfstoffe vorhanden sind. Nicht alle dort umgänglichen Impfstoffe werden in der zugelassen, wobei die WHO den Einsatz von Mischimpfstoffen empfiehlt.

Wir müssen uns auf den Winter vorbereiten – erneut

Die Aufhebung der Beschränkungen und der Rückgang der COVID-bedingten Todesfälle könnten den Eindruck erwecken, dass wir das Schlimmste hinter uns haben. „Wir sollten uns dessen nicht so sicher sein“, warnte Ammon und fordert die Mitgliedstaaten auf, sich auf den nächsten Winter vorzubereiten.

„Wir glauben, dass wir im Winter einen weiteren Anstieg der Fälle erleben könnten. Es könnte dieselbe Variante sein oder auch eine andere. Deshalb müssen wir im Sommer wachsam sein, um zu sehen, was im Umlauf ist“, sagte sie. Die Direktorin der EU-Agentur für Infektionskrankheiten betonte, dass man vor erneuten COVID-Ausbrüche gewappnet und neue Varianten frühzeitig erkennen müsse.

Ammon fügte hinzu, dass hohe Impfquoten trotz der Schließung von Zentren nach wie vor unerlässlich sein. Die durchschnittliche Impfrate in den EU/EWR-Ländern liegt derzeit bei 72 Prozent, wobei 52 Prozent bereits eine dritte Dosis erhalten haben. Dieser Mittelwert spiegelt jedoch nicht die Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten wider, von denen einige immer noch mit einer niedrigen Quote zu kämpfen haben.

„Ich denke, wir [werden] im Herbst wieder [Impfzentren] brauchen. Ich hoffe also, dass es bereits Konzepte gibt, wie sie [dann] reaktiviert werden können.“

Mit anderen Worten: COVID ist noch nicht auf dem Rückzug. Ammon warnte davor, die Pandemie voreilig als beendet zu betrachten, da sie immer häufiger als endemisch bezeichnet werde.

„Ich möchte ein Wort der Warnung aussprechen: Endemisch bedeutet nicht, dass die Krankheit nicht mehr gefährlich ist oder nicht mehr häufig auftritt“, erläutert sie.

„Um es ganz klar zu sagen: Es gibt endemische Krankheiten, die schwerwiegend sind und sehr häufig vorkommen. Wir müssen uns also darauf einigen, was wir meinen, wenn wir sagen, dass eine Krankheit endemisch ist“, schloss sie.

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Alice Taylor]

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