Hat das EU-COVID-Zertifikat den europäischen Sommer gerettet?

Obwohl einige Mitgliedstaaten die EU-Bescheinigungen auch für den Zugang zu Restaurants und öffentlichen Ämtern übernommen haben, waren sie ursprünglich dafür gedacht, dass Bürger:innen im Sommer innerhalb der EU frei und sicher reisen können. [EPA-EFE/STEPHANIE LECOCQ]

Das digitale COVID-Zertifikat wurde ursprünglich eingeführt, um den Sommer für europäische Urlauber:innen zu retten. Jetzt, da das schöne Wetter vorbei ist, stellt sich die Frage, ob das funktioniert hat.

Wir sind inzwischen mit dem COVID-Zertifikat der EU und seinem QR-Code vertraut, die nachweisen, dass Menschen geimpft, negativ getestet oder von COVID genesen sind.

Obwohl einige Mitgliedstaaten die EU-Bescheinigungen auch für den Zugang zu Restaurants und öffentlichen Ämtern übernommen haben, waren sie ursprünglich dafür gedacht, dass Bürger:innen im Sommer innerhalb der EU frei und sicher reisen können.

Aus demselben Grund sollten sie auch den angeschlagenen europäischen Tourismussektor retten.

Der für den Binnenmarkt zuständige EU-Kommissar Thierry Breton sagte kürzlich in einer parlamentarischen Anhörung, dass „die Aussichten für den Tourismussektor im Jahr 2020 in der gesamten Branche düster waren, und das war etwas, worüber wir uns letztes Jahr am meisten Sorgen gemacht haben“.

Die COVID-19-Belastung für die Reisebranche wird deutlich, wenn man sich die Daten über die Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben ansieht. Die jährlichen Schätzungen von Eurostat zeigen einen drastischen Rückgang, nachdem die Zahlen bis zur Pandemie in Europa ein Jahrzehnt lang gestiegen waren.

Im März 2020 führten der Ausbruch der COVID-19-Pandemie, der Beginn der Abriegelung in den meisten EU-Ländern und die Reisebeschränkungen zu einem starken Rückgang der Übernachtungen in den Beherbergungsbetrieben der EU: -61 % im Vergleich zum März 2019.

Der Rückgang verstärkte sich im April, einem Monat der vollständigen Abriegelung in den meisten Ländern, mit -95% im Vergleich zum April 2019. Ähnlich war es auch im Mai und Juni 2020.

Laut der Europäischen Kommission haben die Einführung der Impfstoffe und die Einführung des digitalen COVID-Zertifikats dazu beigetragen, die Situation zum Besseren zu wenden.

Breton äußerte sich recht optimistisch über die vergangene Sommersaison: „Trotz der schwierigen Situation ist der Sommer 2021 besser verlaufen als wir erwartet haben“.

Der Tourismussektor sei noch nicht an dem Punkt angelangt, „den wir uns wünschen würden“. „Dennoch können wir sagen, dass die vergangene Saison gezeigt hat, dass es wieder aufwärts geht“.

Er verwies auf den Vorschlag der Europäischen Kommission für das digitale COVID-Zertifikat im Februar 2021 als Hauptfaktor für die Wende.

Aber stimmt das?

Sechs Fakten zu den Corona-Zertifikaten der EU

Die EU-Kommission will eine unionsweite Impfbescheinigung für Reisen aufsetzen. Das vorgeschlagene Impfzertifikat solle dabei nicht als „zweiter Reisepass“ angesehen werden. Es gibt jedoch nach wie vor Bedenken.

Hat das COVID-19-Zertifikat funktioniert?

Das digitale COVID-Zertifikat der EU wurde vorgeschlagen, um das Reisen innerhalb der EU zu erleichtern und einen Flickenteppich der Mitgliedstaaten bei den Reisebeschränkungen zu vermeiden.

Nachdem im Dringlichkeitsverfahren ein politischer Kompromiss erzielt worden war, wurden im Juli die ersten digitalen COVID-Zertifikate der EU erstellt und überprüft.

Sieben Mitgliedstaaten – Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Griechenland, Kroatien, Polen und die Tschechische Republik – schlossen sich dem Gateway an und begannen mit der Ausstellung der ersten EU-Zertifikate, fast einen Monat vor dem 1. Juli. Bis zum 27. August wurden mehr als 350 Millionen COVID-Zertifikate ausgestellt, wie die Kommission in einem Tweet mitteilte.

„Die drei der vier Länder, die die besten Ergebnisse im Tourismus erzielt haben, sind die Länder, die das digitale Zertifikat im Juni eingeführt haben, und zwar sofort, so schnell sie konnten“, sagte Breton kürzlich.

Er fügte hinzu, dass das digitale Zertifikat dem Intra-EU-Tourismus geholfen hat, insbesondere im Juli und August.

Während die monatlichen Daten von Eurostat zu den Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben für August noch nicht vorliegen, zeigt ein Vergleich der Zahlen von 2019 bis 2021 für Mai, Juni und Juli Anzeichen für ein wiedererwachtes Interesse am Reisen.

Allerdings zeigen die Daten für Juli 2021 – dem Zeitpunkt der Einführung des Zertifikats – keinen starken Anstieg der Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben im Vergleich zu 2020.

Die Differenz ist sogar geringer als im Mai oder Juni, wenn man die Daten von 2021 mit denen von 2020 vergleicht. So gab es im Mai 2021 41 Millionen mehr Übernachtungen, im Juni waren es 37 Millionen, und im Juli wurden im Vergleich zu 2020 nur 16 Millionen mehr Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben verbracht.

Für einige ja

Einzelne Länder sagen jedoch, dass sie den Nutzen des Zertifikats sehen.

Ein:e Sprecher:in des kroatischen Tourismus- und Sportministeriums teilte EURACTIV mit, dass Kroatien allein im August bisher von 3,4 Millionen Tourist:innen besucht wurde, die rund 24 Millionen Übernachtungen verbuchten. Diese Zahlen entsprechen 87% der Ankünfte und 92% der Übernachtungen im gleichen Zeitraum im August 2019.

„Dank der Standardisierung der Reiseprozesse innerhalb der EU, einschließlich der Verfahren für EU-COVID-Bescheinigungen, ist das Reisen in größerem Umfang problemlos möglich, unabhängig von der epidemiologischen Situation in den einzelnen Ländern“, sagte ein:e Sprecher:in des kroatischen Ministeriums gegenüber EURACTIV.

Während Kroatien mit dem Zertifikat zufrieden war, kam der französische Bericht von ADN Tourisme – dem nationalen Verband der institutionellen Tourismusorganisationen, der eine erste Einschätzung der Trends der Tourismussaison 2021 vornahm – zu einem anderen Ergebnis. Der Bericht zeigt, dass viele Regionen Frankreichs feststellten, dass die Einführung des Gesundheitspasses im Juli tatsächlich zu einem Rückgang der Besucherzahlen in den Innenstädten führte, da sie eine gewisse Animosität der Kund:innen hervorrief.

Der Sommer ist vorbei, aber die COVID-Bescheinigungen bleiben bestehen. Und während das Virus mutiert, muss auch das Zertifikat angepasst werden. Die technischen Diskussionen über die COVID-19-Auffrischungsimpfungen sind noch nicht abgeschlossen. Ein:e Sprecher:in der Kommission sagte, dass „die Kommission weiterhin eng mit den Mitgliedstaaten zusammenarbeitet, um auftretende Probleme zu lösen“.

Dies betrifft nicht nur EU-Länder, sondern auch Drittländer, die ebenfalls daran interessiert sind, dem EU-System für digitale COVID-Zertifikate beizutreten. Bisher seien neun Nicht-EU-Länder – Norwegen, Island, Liechtenstein, die Schweiz, der Vatikan, San Marino, Nordmazedonien, die Türkei und die Ukraine – eingebunden, sagte der/die Kommissionssprecher:in.

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Zoran Radosavljevic]

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