COVID-19: EU-Staaten auf steigende Selbstmordrate unvorbereitet

Selbstmordraten und psychische Probleme nehmen unter Europas Jugendlichen zu, aber die Regierungen sind nicht ausreichend darauf vorbereitet. [Shutterstock, Aonprom Photo]

Die COVID-19-Pandemie hat die psychische Gesundheit der Europäer:innen belastet und die Zahl der Selbstmorde unter jungen Menschen steigt. Doch in einer Reihe von Ländern haben die nationalen Gesundheitsbehörden bisher nur unzureichende Maßnahmen ergriffen, wie das EURACTIV-Netzwerk berichtet.

Im Dezember warnte der spanische Zweig von Save the Children, dass sich die Zahl der psychischen Probleme bei Kindern während der Pandemie verdreifacht hat, wobei 3 Prozent von ihnen Selbstmordgedanken haben.

Selbstmord ist die zweithäufigste Todesursache bei Menschen im Alter von 15 bis 29 Jahren, ein Trend, der sich über die letzten 13 Jahre verstärkt hat. Die darauf folgende öffentliche Debatte führte dazu, dass die spanische Regierung 100 Millionen Euro für eine neue Strategie zur psychischen Gesundheit bewilligte, zu der auch eine spezielle Selbstmord-Hotline gehört.

Der Sektor der psychischen Gesundheit leidet unter einem Mangel an Ressourcen. Patienten warten mindestens drei Monate und 35 Prozent sogar bis zu sechs Monate auf einen Behandlungstermin.

In Kroatien ist die Zahl der Selbstmorde im Jahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr leicht angestiegen, aber die Zahl der Selbstmorde in der Altersgruppe der 15- bis 25-Jährigen hat um 57,1 Prozent zugenommen. Am stärksten gefährdet sind jedoch die über 65-Jährigen, auf die fast 40 Prozent aller Fälle entfallen.

Die kroatische Regierung reagierte darauf mit der Bereitstellung von Telefonnummern und Online-Beratungsstellen auf den staatlichen Webseiten. Laut EURACTIV Kroatien ist die Nachfrage von Jugendlichen nach psychiatrischen Diensten beachtlich gewesen. Insgesamt ist die Zahl derjenigen, die sich in psychiatrische Behandlung begeben, um 20 Prozent gestiegen, wobei die meisten neuen Fälle auf junge Menschen entfallen.

In Bulgarien ist die Situation noch besorgniserregender. Zwar ist die Zahl der Selbstmorde seit 2013 insgesamt zurückgegangen, doch die überwiegende Mehrheit sind Teenager. Nach Angaben von EURACTIV Bulgarien nehmen sich jedes Jahr etwa 500 Menschen das Leben, 70 Prozent davon sind Jugendliche.

Es gibt keine staatlich geförderten Programme zur Suizidprävention. Wer Unterstützung benötigt, wendet sich an die Hotline des Vertrauens, die vom bulgarischen Roten Kreuz betrieben wird.

In Polen sind die Selbstmorde ebenfalls rückläufig, aber die Fallzahlen bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Außerdem steigt die Nachfrage nach psychiatrischer Betreuung, aber es steht nur ein Psychiater für je 20.000 Jugendliche zur Verfügung.

Im ersten Jahr der Pandemie hat die Regierung 3,1 Prozent des Haushalts für psychiatrische Behandlungen bereitgestellt. Im Januar 2021 stellte Premierminister Mateusz Morawiecki weitere 48 Millionen Euro für die psychiatrische Behandlung von Kindern und Jugendlichen bereit. Diese Beträge wurden bisher noch nicht bereitgestellt und selbst die Selbstmord-Hotlines werden von privaten Spendern finanziert.

Die psychiatrische Versorgung ist zwar theoretisch kostenlos, aber sehr schwer zugänglich, und in der Praxis sind die Wartezeiten sehr lang. Für die meisten Familien ist es schwierig, sich eine private Behandlung zu leisten.

In Italien hat die Regierung die Daten zu Selbstmorden seit 2017 nicht mehr aktualisiert. Im Jahr 2019 kündigten die Gesundheitsbehörden die Einrichtung einer Beobachtungsstelle für Selbstmord und Selbstmordversuche an, aber drei Jahre später ist sie immer noch nicht in Betrieb.

Darüber hinaus hat die Regierung kürzlich einen Vorschlag zur Änderung des Haushaltsplans abgelehnt, mit dem ein „psychologischer Bonus“ eingeführt werden sollte, um Menschen den Zugang zu einer Therapie zu erleichtern, berichtete EURACTIV Italien. Rund 10 Millionen Euro wurden im Mai 2021 für gefährdete Bevölkerungsgruppen, darunter Krebspatienten und Kinder, bereitgestellt, aber die Mittel wurden noch nicht verteilt.

Obwohl die psychische Versorgung kostenlos ist, arbeiten nur 5 Prozent der 130.000 italienischen Psychologen in öffentlichen Einrichtungen. Vom Orden der Psychologen veröffentlichte Daten zeigen, dass 21 Prozent der Patient:innen eine psychologische Behandlung abbrechen, weil sie sich diese nicht leisten können, und mehr als ein Viertel der Patient:innen, die eine Behandlung beginnen wollten, dies aus demselben Grund nicht taten.

Außerdem stellte ein Bericht des Kinderkrankenhauses Bambino Gesu in Rom fest, dass sich die Zahl der Krankenhausaufenthalte wegen Selbstmord und Selbstverletzung in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen während der Pandemie verdoppelt hat.

Die Länder bemühen sich dem Trend ein Ende zu setzen

Der Rückgang der allgemeinen Selbstmordrate ist auch in Slowenien zu beobachten. Im Jahr 2020 wurden keine Selbstmorde bei Jugendlichen unter 14 Jahren gemeldet, aber in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen war ein Anstieg zu verzeichnen.

In den ersten Tagen der Pandemie startete eine Regierungskampagne, nachdem ein Anstieg der Einweisungen in psychiatrische Kliniken gemeldet wurde. Zudem gibt es vier nationale Beratungsstellen für Bedürftige, die allen Altersgruppen bei Fragen der psychischen Gesundheit und der Suizidprävention helfen.

Doch obwohl im Land psychiatrische Betreuung kostenlos ist, mangelt es an Betten und Personal, vor allem an Fachkräften für die Betreuung Kindern und Jugendlichen.

In der Slowakei war die Zahl der gemeldeten Selbstmorde im Jahr 2020 so niedrig wie nie zuvor, allerdings mit einem Anstieg bei den 30-50-Jährigen. Dies könnte zum Teil auf die von der Regierung ergriffenen Maßnahmen zur psychischen Gesundheitsversorgung zurückzuführen sein.

Im Februar 2021 richtete die Regierung einen Ausschuss für psychische Gesundheit ein, und eine Reform ist bereits geplant. Es gibt staatliche und private Beratungsstellen für psychische Gesundheit, die Beratungsgespräche mit Therapeuten per Videoanruf oder Chat anbieten. Der nationale Gesundheitsdienst bietet zwar persönliche Behandlungen an, allerdings gibt es lange Wartelisten und die aktive Suche nach Hilfe ist mit einem Stigma behaftet.

Was junge Menschen betrifft, so meldete die staatliche Hotline einen fünffachen Anstieg der Anrufe und Berichte über Selbstmordgedanken, obwohl die Hotline mit der Nachfrage nur schwer Schritt halten kann.

In Tschechien ist die Selbstmordrate seit den 1990er Jahren zurückgegangen, liegt aber immer noch über dem EU-Durchschnitt.

Die Pandemie hat sich zwar bisher nicht auf die Selbstmordrate ausgewirkt, aber lokale Experten haben davor gewarnt, dass sie bald einen verzögerten Anstieg erwarten. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass die Zahl der an psychischen Problemen, insbesondere Depressionen und Angstzuständen, leidenden Menschen um das 2-3fache ansteigt.

Während der Pandemie wurden mehrere Projekte ins Leben gerufen, um Menschen zu helfen, die unter psychischen Problemen leiden, darunter kostenlose Online-Expertendienste oder Webinare über psychische Gesundheit.

In Serbien meldeten die Behörden unterdessen keinen Anstieg der Selbstmordfälle und keine Probleme bei der Versorgung derjenigen, die sie benötigen.

Im März 2020 errichteten die Klinik für psychiatrische Erkrankungen Dr. Laza Lazarevic und das nationale Gesundheitsministerium landesweite Telefonleitungen, um allen Bürgern kostenlose psychosoziale Unterstützung und Hilfe bei der Suizidprävention zu bieten.

Die Klinik erklärte gegenüber EURACTIV.rs, dass die Zahl der Anrufe seit Beginn der Pandemie nicht gestiegen sei. Nach Angaben der Behörden ist professionelle Hilfe rund um die Uhr verfügbar und es gab keine Unterbrechung während der Pandemie.

**Artikel geschrieben mit Unterstützung von EURACTIV Italien, EURACTIV Bulgarien, EURACTIV Serbien, EURACTIV.com, EURACTIV Tschechien, EURACTIV Polen, EURACTIV Slowakei, STA, EURACTIV Spanien und EURACTIV Kroatien

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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