Wirtschaftsweiser Bofinger steht hinter Schulz‘ Vorschlägen

peter bofinger [Foto: Universität Würzburg]

Die Vorschläge des SPD-Kanzlerkandidaten zum Arbeitslosengeld stoßen beim Koalitionspartner Union und bei der Wirtschaft auf Widerstand gestoßen. Ein Wirtschaftsexperte aber gibt ihm Recht.

Der Wirtschaftsexperte Peter Bofinger hat die Vorschläge des SPD-Kanzlerkandidaten zur Verlängerung des Arbeitslosengeldes I begrüßt. „Martin Schulz hat in einem Punkt Recht: Die Globalisierung darf nicht dazu führen, dass Sicherheit auf der Strecke bleibt. Das Risiko, über Hartz IV ins Bodenlose zu stürzen, empfinden viele Menschen als große Belastung“, sagte er der „Nordwest-Zeitung“.

Schulz fordert Korrektur der Agenda 2010

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sucht in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik den Schulterschluss mit den Gewerkschaften.

Das Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung schlägt „eine Art Schadensfreiheitsrabatt“ in der Arbeitslosenversicherung vor: „Man könnte den Anspruch auf Arbeitslosengeld I abhängig davon verlängern, wie viele Beitragsjahre der Versicherte hat. Wer 30 Jahre lang gearbeitet hat und noch nie arbeitslos war, könnte dann länger Arbeitslosengeld I beziehen.“

Die Linkspartei erneuerte ihre Forderung an die SPD, über die Vorschläge von Schulz noch vor der Bundestagswahl im September im Bundestag abzustimmen. „Es gibt im aktuellen Bundestag eine Mehrheit von SPD, Linken und Grünen“, sagte Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht der „Rhein-Neckar-Zeitung“ am Dienstag. „Skeptisch macht aber, dass die SPD soziale Forderungen regelmäßig in Wahlkämpfen entdeckt“, fügte sie hinzu.

Die SPD und die K-Frage – ein Hang zur Sturzgeburt

FDP-Chef Christian Lindner warf dem SPD-Kanzlerkandidaten hingegen eine „Politik der Trostpflaster“ vor. Zwar halte er es für gut, dass Schulz die Vermögensverteilung in Deutschland ändern wolle. Aber Schulz verspreche den Menschen „ein Leben mit Stützrädern“. Er bringe Deutschland um Zukunftschancen, wenn er die Agenda 2010 „abwickeln“ wolle, sagte Lindner der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Mittwoch). Die FDP wolle die Menschen nicht alimentieren, sondern ihnen ermöglichen, sich selbst etwas aufzubauen.

Manfred Weber attackiert Martin Schulz' Reformpläne

Die Vorhaben von SPD-Kanzlerkandidat Schulz gefährden den Reformwillen in Europa, meint der Fraktionschef der konservativen EVP im EU-Parlament, Manfred Weber,

Als Weckruf an die CDU bezeichnete deren früherer Generalsekretär Heiner Geißler die SPD-Initiative. „Die CDU würde eine Riesendummheit begehen, die Pläne abzulehnen, nur weil sie von Schulz kommen“, sagte der frühere Bundesminister der „Passauer Neuen Presse“ (Mittwoch). „Einige wie der CDU-Mann Michael Fuchs und der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer schrecken nicht vor dieser Dummheit zurück“, kritisierte Geißler. Die Union solle sich daran erinnern, dass sie eine Volkspartei sei und kein Interessenverband der Arbeitgeber.

Die SPD sieht Merkel-Dämmerung und hält ihren Kandidaten für unfehlbar – selbst wenn der nun Schröders historische Großreformen kritisiert. Doch Schulz muss auch auf den zweiten Blick dem Wähler gefallen.

Rürup: "Mich stört, dass Martin Schulz bei der Agenda 2010 von 'Fehlern' redet"

Der langjährige Chef der Wirtschaftsweisen hält die Agenda 2010 insgesamt für einen Erfolg – und fordert im Interview mit EURACTIVs Medienpartner „WirtschaftsWoche“ ganz andere Reformschritte als Martin Schulz.

Die Wirtschaft und Koalitionspartner Union lehnen die Reformvorschläge von Schulz ab. „Wir haben die Arbeitslosigkeit seit 2005 halbiert. Was Kandidat Schulz fordert, gefährdet diesen Erfolg“, sagte CDU-Generalsekretär Peter Tauber dem „Handelsblatt“. Nötig sei dafür Flexibilität am Arbeitsmarkt, nicht eine längere Bezugszeit von Arbeitslosengeld. CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn kritisierte in der „Rheinischen Post“ (Mittwoch): „Es wäre gut, wenn Herr Schulz aus Brüssel mehr für die Zukunft Deutschlands drauf hätte, statt immer nur die Erfolge der Vergangenheit abwickeln zu wollen.“

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