Wie Wahlumfragen die Wähler beeinflussen

Über Wahlumfragen wird immer häufiger in den Medien berichtet. Doch wie sehr richten sich die Wähler danach? [Foto: Alexandru Nika]

Über Wahlumfragen wurde noch nie soviel berichtet wie heute – auch vor der Bundestagswahl. Doch wie sehr wirkt die Berichterstattung darüber auf die Wähler aus? Das haben nun Wissenschaftler eingehend untersucht.

Noch nie gab es so viel Berichte über Wahlumfragen – nicht nur gefühlt. Tatsächlich hat sich zwischen 1980 und 2013 die Umfragen-Berichterstattung verfünffacht und ist inzwischen wichtiger Teil der Zeitungs-, Fernseh- und Online-Berichterstattung vor Wahlen. Wissenschaftler haben nun untersucht, welchen finalen Einfluss das auf die Medien hat – und damit auf die Wähler.

„Wahlumfragen haben einen hohen Nachrichtenwert – nämlich bereits vor der Wahl abschätzen zu können, wer die Wahl gewinnen wird. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen die „Sonntagsfrage“ und die Kandidatenbeurteilungen“, erklärt Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Das Potenzial von Umfragen, etwas über die Motive von Wählern zu erfahren, werde hingegen seltener ausgeschöpft, konstatiert er.

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Wie hat sich Berichterstattung über Wahlumfragen entwickelt?

Der Kommunikationswissenschaftler befragte im September 2017 gemeinsam mit seinem Team die 862 Mitglieder der Bundespressekonferenz nach ihren Einstellungen zu Wahlumfragen, ein Viertel beteiligte sich an der Umfrage. Zudem untersuchten sie die zu den Bundestagswahlen von 1980 bis 2013 die Medienberichterstattung in den jeweils drei Monaten vor der Bundestagswahl auf die Inhalte. Dafür analysierten die Forscher 2.550 Artikel in vier überregionalen Tageszeitungen. Für die Bundestagswahlen von 1980 bis 2002 wurde zudem anhand repräsentativer Wahlumfragen die Wirkung veröffentlichter Umfrageergebnisse auf die Wählerinnen und Wähler analysiert.

Im Mittelpunkt der Studie standen somit drei Fragen: Was denken Journalisten über Wahlumfragen? Wie wird über Wahlumfragen berichtet? Wie wirken sich Berichte über Wahlumfragen auf das Wählerverhalten aus?

Wie gehen Journalistinnen und Journalisten mit Umfragen um?

Die Befragung der Journalisten zeigt: „Journalisten arbeiten mit Umfragen, sehen aber negative Konsequenzen für das Wählerverhalten“, so Brettschneider: 30 Prozent der Bundespressekonferenzmitglieder verwenden Umfragen „häufig“ als Zusatzinformation in der politischen Berichterstattung, 48 Prozent greifen „manchmal“ auf Umfragen zurück, 22 Prozent arbeiten „selten“ oder „nie“ mit Umfragen.

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Allerdings glauben auch 85 Prozent der Bundespressekonferenzmitglieder, dass sich die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen auf das Wählerverhalten auswirkt. Am häufigsten nennen sie laut der Studie die Mobilisierung, den Mitläufer-Effekt und das taktische Wählen. Davon halten 47 Prozent diesen Einfluss für „negativ“, nur acht Prozent finden ihn „positiv“.

Nehmen die Wähler die Wahlumfragen überhaupt wahr?

Wahlumfragen werden fast von allen Wählern wahrgenommen, so Brettschneider, stoßen aber vor allem bei politisch interessierten Menschen auf Interesse. Zwischen 1957 und 2002 habe sich der Anteil der Bevölkerung, der Umfrageergebnisse vor Wahlen wahrnimmt. von 17 auf 75 Prozent vervielfacht.

Beeinflussen Wahlumfragen die Wahlbeteiligung?

Politikern, Journalisten und auch Wissenschaftlern vermuten meist, dass sich die Umfragen entweder auf die Wahlbeteiligung oder aber auf die Stimmabgabe für eine bestimmte Partei auswirken. Dass aber ein Defätismuseffekt einsetze,  die Anhänger des vermeintlichen Wahlverlierers der Wahl also fernbleiben, weil ihre Niederlage ohnehin schon festzustehen scheint, kann laut Brettschneider nicht bestätigt werden. Ebenso wenig konnte er feststellen, dass Anhänger des vermeintlichen Wahlsiegers oder unentschlossenen Wahlberechtigte der Wahl eher fernbleiben, wenn der Ausgang bereits festzustehen scheint.

Beeinflussen Wahlumfragen die Stimmabgabe der Wählerinnen und Wähler?

Nachweisbar ist hingegen, dass Umfragen für taktische Wähler wichtig sind. Das betrifft der Analyse zufolge vor allem Wählerinnen und Wähler der FDP und der Grünen. Nach den Bundestagswahlen 1983, 1987 und 1994 gaben ein Viertel bis ein Drittel derjenigen Wähler, die Wahlumfragen wahrgenommen hatten, an, diese hätten für ihre Stimmabgabe eine Rolle gespielt.

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Und nach der Bundestagswahl 1990 sagten 14 Prozent der Wähler, die Umfrageergebnisse wahrgenommen hatten, sie seien durch diese beeinflusst worden. Nach der Bundestagswahl 2002 gaben dies acht Prozent an. Die Wirkungen ergeben sich aus dem Verhältniswahlrecht und der Fünf-Prozent-Klausel. Sie betreffen eher die Wähler der kleinen Parteien sowie einige Wähler ihrer potentiellen Koalitionspartner.

Sogenanntes taktisches Wählen oder Koalitionswählen konnte schon bei mehreren Bundestagswahlen beobachtet werden. dabei erhält eine andere als die präferierte Partei die Stimme. Beispielsweise können sich Anhänger einer Volkspartei für den kleineren Koalitionspartner entscheiden, damit dieser die Fünf-Prozent-Hürde nimmt und eine Mehrheit für die gewünschte Koalition zustande kommt. Bei den Bundestagswahlen 1983 und 1994 wurde dieses Verhalten als „Leihstimmen“-Wählen bezeichnet: CDU-Anhänger haben die FDP gewählt, um deren Einzug in den Bundestag und damit eine Fortsetzung der Koalition sicherzustellen.

Tatsächlich haben Umfrageergebnisse vor allem bei den Bundestagswahlen 1983 und 1994, als der Einzug der Liberalen eher als ungewiss galt, für die FDP-Wähler eine besondere Rolle gespielt. Etwa die Hälfte der FDP-Wähler, die Umfragen wahrgenommen hatten, ließ sich durch diese auch beeinflussen. Auch für die Unions-Wähler waren sie von gewisser Bedeutung, was vermuten lässt, dass einige von ihnen taktisch gewählt haben.“

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