Was „fühlt“ Deutschland vor der Bundestagswahl?

Wie spiegelt sich die Stimmung der Deutschen, kurz vor der Bundestagswahl, in den sozialen Medien wider? [dpa, Archiv]

Mit Wahlprognosen ist das so eine Sache. Das haben BREXIT und die Präsidentschaftswahlen in den USA gezeigt. Verlässt man sich nur auf die Analyse einer „politischen repräsentativen Mitte“ können die Prognosen schon mal deutlich daneben gehen.

Vieles scheint bei Wahlen  durch das berühmte „Bauchgefühl“ beeinflusst zu werden.  Was wird den Kandidaten zugetraut oder welche Position der Parteien ist identisch mit der eigenen Erfahrungswelt. Vor allem, wenn man in der Flut von Informationen nur jene hört, die sich „emotional“ am lautesten hervortun. Darin sind sich viele Forscher einig, der zunehmende Trend  zur Meinungsäußerung  – und vor allem zur Meinungsbildung – über die Sozialen Medien, geht auch an den Bundestagswahlen nicht vorbei.

Vor allem extreme Parteien, die sich in den klassischen Medien unter- oder gar nicht repräsentiert fühlen, nutzen überproportional die demografische Altersstruktur der Nutzer – deren Bereitschaft  zu „Liken“ und zu kommentieren – um ein Stimmungsbild zu ihren Gunsten zu zeichnen. Doch wie realistisch ist diese Stimmung bei Vorhersagen zum Ausgang der Bundestagswahl?

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Das Handelsblatt Research Institute hat gemeinsam mit der Universität Passau und dem Social Sentiment Index im Rahmen der EU-Forschungsfinanzierung „Horizont 2020“  ausgewertet, was in Sachen Bundestagswahl auf Facebook & Co. „gefühlt“ wird. Daraus ist ein Stimmungsbarometer entstanden. Es wertet anhand von Onlinekommentaren nicht aus, was – sondern wie über Politiker, Parteien und Themen im Netz diskutiert wird. Acht EU-Partnerländer, darunter Italien, Österreich, Irland und Belgien (EURACTIV) haben die deutsche Stimmungslage zu ausgewählten Spitzenkandidaten, Parteien und politischen Themenfeldern untersucht.

Laut Jan Kleibrink, Senior Economist, beim Handelsblatt Research Institute, zeigen erste Analysen, dass vor allem extreme Parteien permanent und  „lautstark“ versucht haben, die Themen Soziales und Integration über die sozialen Medien hochzuhalten und zu dominieren. Mit einem gewissen Erfolg, wie die mediale Diskussion zum Wahlkampf zeigt. Hingegen tauchen Themen wie Bildung und Rente verhältnismäßig wenig auf, da sie vor allem ein „Stimmungsthema“ der älteren Wählergruppen sind.

Seit dem 22.08. werden über das Stimmungsbarometer Live-Daten eingespielt. Auf einer Skala von -1 (extrem negative) bis 1 (extrem positive) kann man sich dort anhand der Analyse aus den Kommentaren der sozialen Medien Facebook und Twitter über die Stimmungslage der Social Community zu Themen wie  Migration, Außen- und Finanzpolitik, Soziales oder Energiepolitik informieren.

Wie unterschiedlich die „gefühlte“ Stimmungslage der Deutschen, und auch wie beeinflussbar diese durch mediale Auftritte und Verlautbarungen ist, lässt sich dort gut ablesen. Während die Social Community drei Tage vor der Bundestagswahl, der SPD beim Thema Soziales zunehmend positiv gegenübersteht, ist die Entwicklung gegenüber dem AfD-Spitzenkandidaten Alexander Gauland eher volatil. Auch beim Thema Migration bleibt die Stimmung der Deutschen im erfassten Zeitraum fast unveränderlich im unteren positiven Bereich. Die positivsten Kommentare gelten – mit leichtem Vorsprung – der  CDU, gefolgt von FDP, SPD und den Grünen, während sich AfD und die Linken deutlich im unteren Bereich der „positiv“-Skala aufhalten.

Kann man also daraus ablesen, wie sich der deutsche Wähler am Sonntag verhalten wird? Mit Sicherheit nicht. „Dieses Tool dient nicht der Wahlvorhersage, sondern versteht sich als zusätzliche Analyse zu den klassischen Wahlprognosen“, erklärt Jan Kleibrink. Was das Barometer aber sehr wohl zeigt ist, dass das Themenspektrum des Wahlkampfes durchaus von den sozialen Medien beeinflusst wird. Wer seine Themen lautstark über die sozialen Medien verbreitet, wird gehört. Ob sich die Reaktion auf das Gehörte in den Wahlkabinen widerspiegelt, wird sich am Sonntag zeigen.

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