Wahlkampf 2.0: Merkel spricht auf Youtube über Flüchtlinge und ihr Lieblings-Emoji

Angela Merkel stellte sich bei Youtube den Fragen von vier jungen Bloggern - hier [Foto: Screenshot Youtube/#DeineWahl]

Angela Merkel betrat am Nachmittag Neuland – auf Youtube. Live im Netz stellte sich die Kanzlerin den Fragen von YouTube-Stars – gewohnt sachlich und ohne zu überraschen.

Angela Merkels Lieblings-Emoji ist der Smiley. „Und wenn es gut kommt, noch ein Herzchen dran. Wenn’s mal nicht so gut ist, kann man auch mal die Schnute nehmen.“ Wer solche Details von der Bundeskanzlerin erfahren wollte, konnte sich am Mittwochnachmittag freuen.

Die Kanzlerin nimmt Kurs auf Wahlkampf 2.0. – und versucht auch, näher an die Digital Natives heranzurücken. Zum ersten Mal stellte sie sich dazu heute live auf Youtube zur Diskussion. Vier namhafte Stars der Plattform konnten auf dem YouTube-Kanal #DeineWahl ihre Fragen an Merkel richten, jeweils zehn Minuten lang.

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Türkei, Flüchtlingskrise, Donald Trumps eskalative Politik, Sexismus: Viele Themen sprachen  MrWissen2goItsColeslawIschtar Isik und AlexiBexi an – und auf alle reagierte Merkel mit der gewohnt pragmatisch-ruhigen Art. Weil die heiße Wahlkampfphase angebrochen ist, waren das Bundespresseamt als auch die ausführende Produktionsfirma vorab nicht müde geworden zu betonen, dass es keine inhaltlichen Absprachen zu  den Themen gegeben habe.

Flüchtlingspolitik und die Diskrepanzen mit Donald Trump

Überraschend war ohnehin nicht, was Merkel etwa zum Dauerthema Flüchtlinge sagte: „Wir können nur gut, friedlich und sicher leben, wenn wir uns nicht nur auf uns konzentrieren, sondern auch die Menschen um uns selbst ein Auskommen haben“, so die Kanzlerin. Darum werde auch  Entwicklungspolitik eine wachsende Rolle spielen.“ Wie viele Menschen Deutschland in den kommenden Jahren noch aufnehmen könne, wollte sie nicht beantworten. „Das kann man mit einer Zahl nicht benennen“, so Merkel.

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Und auch auf die Frage, ob US-Präsident Donald Trump sie mit seiner eskalativen Außen- und Twitterpolitik fuchsig mache, antwortete sie in alle Diplomatie: „Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede“. Beides sei in der Politik normal, über beides müsse man sprechen.

Potenzial Jungwähler

Klug war Merkels digitaler Vorstoß wohl dennoch: Zwar kämen CDU/CSU  laut aktuellen Umfragen bei der Bundestagswahl auf zwischen 38 und 40 Prozent, ihr größter Konkurrent SPD hingegen nur auf rund 25 Prozent. Dennoch müssen in der heißen Wahlkampfphase gerade die wenig Unions-affinen jungen Wähler umworben werden. Immerhin sind am 24. September 2017 rund drei Millionen Erstwähler aufgerufen, ihre Stimme abzugeben – 4,8 Prozent der Wahlberechtigten.

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Und da die vier jungen Youtuber insgesamt auf fast drei Millionen Abonnenten kommen, dürfte die Zahl der Zuschauer des Live-Talks mit der Bundeskanzlerin alles andere als marginal gewesen sein. Eine Herausforderung für Merkel. Denn unter jenen Zuschauern, die sich unter dem Hashtag #DeineWahl bei Twitter zu der Frage äußerten „Fühlt Ihr Euch als Wähler von der Politik gut abgeholt?“, fanden 59 Prozent: „Nein“.

Dass junge Menschen in der Politik deutlich unterrepräsentiert sind, bestätigen auch die Zahlen. Der durchschnittliche Kandidat ist laut einer Studie der Freien Universität Berlin zwischen 50 und 60 Jahren. Auch das wollten die Youtuber thematisieren.

Besonders Ischtar Isik, Beauty-Youtuberin, bohrte nach, wie die Politik die jungen Leute mehr erreichen kann. Merkel verwies zuerst auf Ihre Facebook- und Instagram-Kanäle und auf ihren wöchentlichen Video-Podcast auf Youtube. Dann mahnte sie an, welche Partei man wähle, mache sehr wohl einen Unterschied. Eine wirkliche Antwort auf die Frage fand sich in all dem nicht.

Merkel spricht über Hasskommentare – am Rand kommentieren die AfD-Anhänger

Und während die CDU-Vorsitzende zu der Frage, wie sie mit Hate Speech umgehe antwortete, „Hass und Zusspitzung sind immer ein Zeichen von Unfähigkeit, die Argumente richtig vorzubringen und ich bin traurig und erschüttert darüber, wie viele Menschen sich gar nicht mehr ohne Beleidigungen und Anmaßungen äußern können“, tauchten in den Kommentaren am Rande des Livestreams regelmäßig Aussagen pro AfD und Kommentare unter der Gürtellinie auf.

Studie: "Kleiner Mann" ist nicht der typische AfD-Wähler

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Inwiefern dieser Live-Talk wirklich Einfluss auf junge Zuschauer hatte, bleibt letztlich offen. Ob die Kanzlerin, die sich bereits 2015 – allerdings nicht live – vom YouTube-Star LeFloid ausfragen ließ, eine Wiederholung des Formats plant, auch nicht.

Auch ob die Spitzenkandidaten der anderen Parteien ähnliche Formate ausprobieren werden, ist bislang unklar. Knapp sechs Wochen blieben Martin Schulz und Co. noch, um auch ihre Lieblings-Emojis zu verraten. Viel Zeit ist das nicht mehr.

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