Studie: „Kleiner Mann“ ist nicht der typische AfD-Wähler

AfD-Anhänger in Berlin. Foto: dpa

Es sind vor allem die „kleinen Leute“ mit eher niedrigem Einkommen und geringem Bildungsgrad, die AfD wählen, lautet die gängige Meinung. Doch ganz so einfach ist es nicht, zeigt nun eine Studie zum typischen Wähler der rechtspopulistischen Partei.

Die These ist weit verbreitet: Diejenigen, die am wenigsten verdienen, jene mit dem geringeren Bildungsgrad und dem höheren Risiko in die Arbeitslosigkeit und prekäre Arbeitsverhältnisse zu rutschen, sind die typischen Wähler der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD).

Der Frust dieser Wähler, so heißt es oft, würde sie in die Arme populistischer Parteien treiben, die vermeintlich einfache Antworten auf komplexe Fragen und Probleme bieten. Fakt ist: Die AfD hat seit ihrer Gründung im Jahr 2013 zahlreiche Wahlerfolge erzielt, ist seither in das Europaparlament und in 13 deutsche Landtage eingezogen.

Zwar ist mit den inneren Querelen in der Partei sowie der wachsenden Skepsis gegenüber europaspepischen Parteien nach dem Brexit-Votum und der Wahl von Donald Trump die Unterstützung für die AfD deutlich gesunken. Nach einer aktuellen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen würden bei der Bundestagswahl im September aber immer noch sieben Prozent der Wähler für die AfD stimmen.

AfD verliert zunehmend an Wählergunst

Die AfD rutscht Umfragen zufolge in der Wählergunst immer weiter ab. Stärkste Kraft ist die Union.

Sicher ist nun auch: So verlockend die Annahme vom Stereotyp des AfD-Symphatisanten auch ist – sie stimmt nicht. Stattdessen kommen die Wähler dieser Partei aus allen Statuslagen – sowohl hohen als auch niedrigen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftlichen Analyse auf Grundlage neuerer repräsentativer Umfragedaten, die der Soziologe Holger Lengfeld von der Universität Leipzig nun präsentiert. Seine Untersuchung zeigt: Es sind die Bezieher durchschnittlicher oder höherer Einkommen sowie Ostdeutsche und männliche Wahlberechtigte, die dazu neigen, die AfD zu wählen.

„Meine Analyse zeigt, dass Personen mit niedrigem sozialen Status keine höhere Wahrscheinlichkeit als Personen mit höheren Status haben, sich bei der Bundestagswahl 2017 für die AfD auszusprechen“, sagt Lengfeld. Es gebe sogar eher eine leichte statistische Tendenz, dass die sogenannten Bessergestellten mit dieser Partei sympathisieren, heißt es in der Studie, deren Ergebnisse nun in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie veröffentlicht wurden.

EU-Wissenschaftler: Etablierte Parteien sollten von Populisten lernen

Experten sehen den Aufstieg von Populisten als Zeichen einer gesunden Demokratie und als Chance für die etablierten Parteien.

Der Grund, so der Forscher, könnte in der Programmatik der AfD liegen: „In wirtschaftlichen Fragen ist es eine liberale, den freien Wettbewerb fordernde Partei, die den Sozialstaat klein halten möchte. Das liegt in der Regel im Interesse der Bessergestellten“, erklärt Lengfeld, der derzeit Leiter des Instituts für Soziologie der Universität Leipzig ist. Für seine Untersuchung nutzte er repräsentative Umfragedaten des Instituts infratest dimap, die im November vergangenen Jahres unter 1.031 in Deutschland wahlberechtigten Personen erhoben wurden.

„Modernisierungsverliererthese“ widerlegt

Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts stand die sogenannte „Modernisierungsverliererthese“. Diese besagt, dass sich Menschen, die von der wirtschaftlichen Entwicklung in den vergangenen 20 Jahren wenig profitiert haben oder sich von ihr abgehängt fühlen, von den etablierten politischen Parteien abwenden und aus Protest extremistische Parteien wählen.

Populismus: Warum die Provokationen der AfD verpuffen

Immer wieder nutzt die AfD Terroranschläge für Attacken auf den politischen Gegner. Doch die Taktik könnte ihr sogar schaden.

„Vor Beginn des Bundeswahlkampfs haben führende Vertreter von SPD, CDU und Die LINKE im Sinne der Modernisierungsverliererthese – ohne diese ausdrücklich zu benennen – das Erstarken der AfD mit der wirtschaftlichen Enttäuschung der sozial Schwächeren in Deutschland begründet“, sagt Lengfeld. „Als Reaktion darauf wurde formuliert, dass man sich um diese Schwächeren nun verstärkt kümmern muss und einen Teil des Wahlkampfs daran ausrichten sollte.“ Seine Analyse zeigt jedoch, dass diese These zur Erklärung des Erstarkens der AfD nicht zutrifft.

Selbsteinschätzung der Befragten

Lengfeld will mit seiner Untersuchung nicht nur die Hintergründe von Wahlentscheidungen verstehen, sondern denkt auch praktisch. Ein Ziel seiner Arbeit sei es, die politischen Parteien über die Folgen ihrer Entscheidung für eine bestimmte Wahlkampfstrategie zu informieren, meint er. „Mein Beitrag besagt: Wer als etablierte Partei Wahlversprechen an Modernisierungsverlierer abgibt, also zum Beispiel die Steuern für Geringverdiener senken will, um auf diese Weise den ‚kleinen Mann‘ davon abzuhalten, AfD zu wählen, wird damit nicht erfolgreich sein.“

Lengfelds Untersuchung ist die einzige, die die Modernisierungsverlierer nicht nur über die Bestimmung des sozialen Status, sondern auch mit einer Selbsteinschätzung der Befragten prüft. Sie sind gefragt worden, ob sie sich als Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung fühlen. Auch diese Messung spreche gegen die Modernisierungsverliererthese.

Weitere Informationen

OSZE prüft AfD-Antrag über Beobachtung der Bundestagswahl

Die OSZE lässt die AfD warten - sie will erst im Sommer entscheiden, ob sie Wahlbeobachter zur Bundestagswahl schickt.