Mythos „Modernisierungsopfer“: AfD-Wähler haben rechte Tradition

AfD, Alice Weidel, Alexander Gauland, NPD

Mit Gauland und Weidel an der Spitze zieht die AfD fulminant in den Bundestag ein. [Foto: 360b/Shutterstock]

AfD-Anhänger sind selten die Opfer der Modernisierung, als die sie meist gesehen werden. Oft folgen sie einer „Tradition des rechten Wählens“ mit Vorläufern in der NPD und bei den Republikanern, zeigt eine Analyse.

Selbst in Bayern ist sie einer Umfrage zufolge inzwischen drittstärkste Kraft in der Wählergunst: die AfD (Alternative für Deutschland). Während bei der vergangenen Wahl im Jahr 2013 die CSU 49,3 Prozent der Stimmen bekam, die SPD 20,0 Prozent und die Grünen auf 8,4 Prozent kamen, gewinnen die Rechtspopulisten vier Jahre nach ihrer Gründung auch in Bayern schnell an Boden. Laut einer Befragung des Institut GMS im Auftrag des Fernsehsenders Sat.1 liegt die Partei dort derzeit bei neun Prozent – noch vor der FDP mit acht Prozent.

Und auch bundesweite Umfragen weisen darauf hin, dass die als AfD drittstärkste Kraft und – würde die Große Koalition neu aufgelegt – als Oppositionsführer aus der Wahl hervorgehen könnte. In der jüngsten Emnid-Sonntagsfrage eine Woche vor der Wahl verzeichnete die Partei einen deutlichen Zuwachs auf nun elf Prozent. Damit liegt sie vor der Linken (zehn Prozent), der FDP (neun Prozent) und den Grünen (acht Prozent) – obwohl sich AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel zuletzt mit mehreren Skandalen konfrontiert sah. Die AfD dürfte somit mit mehr als 70 Abgeordneten in den Bundestag einziehen.

Umso mehr stellt sich wenige Tage vor dem 24. September die Frage, was Wähler antreibt, mit der AfD zu sympathisieren. Sind AfD-Anhänger tatsächlich mehrheitlich die, als die sie in Medien und politischen Analysen präsentiert werden – Opfer des wirtschaftlichen Strukturwandels, jene, die auf ihre Ängste vor einem wirtschaftlichen Abrutschen auf Protektionismus, Nationalismus oder schlicht Protest setzen?

EU-Wissenschaftler: Etablierte Parteien sollten von Populisten lernen

Experten sehen den Aufstieg von Populisten als Zeichen einer gesunden Demokratie und als Chance für die etablierten Parteien.

Für Bayern lässt sich das Erstarken der Partei vielleicht noch leichter erklären, denn hier tritt sie in Sachen Asylpolitik und Wertkonservatismus als Konkurrent der CSU auf. Und im Rest der Republik?

Analyse von Wahlergebnissen auch aus den 90er Jahren

Mit der Theorie, dass Wähler der AfD vorrangig Modernisierungsverlierer, also Opfer des wirtschaftlichen Strukturwandels seien, räumt nun zumindest eine neue Studie der Universitäten Bremen und Zürich auf. Während andere Untersuchungen wie etwa jene des Soziologen Holger Lengfeld von der Universität Leipzig schon gezeigt hatten, dass keineswegs nur die „kleinen Leute“ mit eher niedrigem Einkommen und geringem Bildungsgrad die AfD wählen, geht die aktuelle Analyse einen Schritt weiter.

Studie: "Kleiner Mann" ist nicht der typische AfD-Wähler

Es sind vor allem die „kleinen Leute“ mit eher niedrigem Einkommen und geringem Bildungsgrad, die AfD wählen, lautet die gängige Meinung. Doch ganz so einfach ist es nicht, zeigt nun eine Studie zum typischen Wähler der rechtspopulistischen Partei.

Sie nämlich schaut auf die länger zurückliegenden Wahlergebnisse  in jenen Regionen, in denen die AfD inzwischen besonderen Aufwind erfährt. Das Ergebnis: Einer der Erfolgsfaktoren für die AfD in den untersuchten Regionen ist offenbar eine seit den 1990er Jahren zu beobachtende „Tradition des rechten Wählens“, so der Politikprofessor Philip Manow vom Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik (SOCIUM) der Universität Bremen.

Republikaner und NPD als Vorläufer

Manow hatte gemeinsam mit seiner Kollegin Hanna Schwander von der Universität Zürich hat die Wahlergebnisse der Parteien bei der Bundestagswahl 2013 und der Europawahl 2014 in den gut 400 Kreisen und kreisfreien Städten der Bundesrepublik Deutschland verglichen und ausgewertet. Dabei berücksichtigen sie auch wirtschaftliche oder soziale Ungleichheit und kamen zu einem überraschenden Schluss: Diese Faktoren können den Aufstieg der rechtspopulistischen AfD so gut wie gar nicht erklären.

Vor der Bundestagswahl: mögliche Koalitionsparteien im Angriffsmodus

Grüne und Liberale attackierten sich am Wochenende gegenseitig. Am Ende ist die Zusammenarbeit jedoch für Beide die einzige Möglichkeit zu regieren.

Stattdessen wird aber eines deutlich: Eine Tradition rechten Wählens gab es schon in den 1990er Jahren in genau jenen Regionen, in denen die AfD zurzeit besonders punkten. „Dies sind aber nicht notwendigerweise ökonomisch abgehängte Regionen, wenn wir an Baden-Württemberg oder Sachsen denken“, mahnt Politikprofessor Manow. Der Erfolg rechter Parteien wie Republikaner oder NPD als Vorläufer sei dort bereits vor einem Vierteljahrhundert feststellbar.

„Unwahrscheinlich, dass AfD bald aus Parlamenten verschwindet“

„Dieser Befund lässt es als eher unwahrscheinlich erscheinen, dass die AfD aus denjenigen Parlamenten, in die sie hineingewählt wurde, bald wieder verschwinden wird – trotz einer momentan erfreulichen wirtschaftlichen Lage“, meint Manow.

Was Kritikern der AfD wie Angela Merkel und SPD-Kanzlerkanidat Martin Schulz bleibt, ist die Hoffnung auf die statistischen Fehler von bis zu drei Prozent, die bei jeder Wahlumfrage mitgerechnet werden muss. Schulz hatte die AfD kürzlich eine „Organisation von Hetzern“ genannt und auf Äußerungen von deren Spitzenkandidat Alexander Gauland und anderer AfD-Politiker gewarnt, die Partei sei „keine Alternative für Deutschland, sondern eine Schande für unsere Nation”.

Weitere Informationen

Merkel und Schulz wider die AfD

Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer haben die rechtspopulistische AfD nach Attacken des Spitzenkandidaten Alexander Gauland scharf kritisiert.

Subscribe to our newsletters

Subscribe