Alles #Neu: FDP-Chef Christian Lindner präsentiert Wahlprogramm

FDP-Chef Christian Lindner [EPA/BERND VON JUTRCZENKA]

Seit die FDP vor vier Jahren zum ersten Mal in ihrer Geschichte aus dem Bundestag flog, hat sich ein Mann um ihre Neuerfindung verdient gemacht: Christian Lindner. Porträt eines Einzelkämpfers.

Am heutigen Montag hat die FDP ihr Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2017 vorgestellt. Punkten wollen die Freien Demokraten, wie sie nun seit einiger Zeit heißen, mit einer selektiveren Einwanderungspolitik und einer vollständigen Digitalisierung des Landes. Das dazugehörige Hashtag gibt es auch schon: #Neu.

Es passt einerseits zur Grundidee des Liberalismus, dass jene Partei, die dessen Ideale in der deutschen Politik verkörpern soll, von einer einzigen Person geführt wird. Im Individualismus wie im Liberalismus herrscht das Paradigma der Freiheit und des Selbstverantwortungsanspruchs des Einzelnen. Diese Ideologie ist dem Chef der FDP, Christian Lindner, quasi in die DNA eingeschrieben.

Andererseits entstand der Liberalismus einmal aus Opposition zum Absolutimus des 17. und 18. Jahrhunderts, was wiederum nicht zur „One-Man-Show“ (Spiegel Online), zur „Ein-Mann-Kapelle“ (SZ) des Christian Lindners passt.

Mit dem Porsche zur Uni und nebenbei ein Unternehmen gründen

Lindner, 1979 in Wuppertal geboren und bei der Mutter in Wermelskirchen aufgewachsen, stellt sich bereits in frühen Jahren breit auf. Er absolviert seinen Zivildienst, tritt aber danach der Bundeswehr bei, um sich als Reserveoffizier bei der Luftwaffe ausbilden zu lassen. Er studiert Politikwissenschaft, Staastsrecht und Philosophie in Bonn und schließt 2006 mit einem Magister über das Thema „Steuerwettbewerb und Finanzausgleich. Kann die Finanzverfassung reformiert werden?“ ab. Eine Promotion beim sozialdemokratischen Parteienforscher Frank Decker wird der politischen Karriere geopfert.

Lindner muss ein eher ungewöhnlicher Student gewesen sein. Einer, der mit einem alten Porsche zur Uni fährt und nebenbei mithilfe von staatlichem Kapital eine Internetfirma gründet, die später pleite geht. Auch als Unternehmensberater und im Stromhandel arbeitet Lindner bereits während des Studiums.

All dem geht der Parteieintritt mit 18 Jahren in die FDP voran, schnell ist er Vorsitzender der Jungen Liberalen in NRW. Nach den NRW-Wahlen im Jahr 2000 wird Lindner mit 21 Jahren zum jüngsten Abgeordneten in der Geschichte NRW’s, mit 25 folgt der geschmeidige Übergang in die Bundespolitik, als Generalsekretär.

Es ist die Karriere eines Senkrechtstarters, der selbst die weniger rühmlichen Episoden wie die Pleite seiner Internetfirma Moomax GmbH noch gut umzudeuten versteht. Als ihm sein eigenes erfolgloses Unternehmertum von einem Abgeordneten im NRW-Landtag vorgehalten wird, schießt er scharf: „Welchen Eindruck macht so ein dümmlicher Zwischenruf wie Ihrer auf irgendeinen gründungswilligen jungen Menschen?“ Und zerlegt den SPD-Politiker unter Beifall und Gejohle vor versammelter Menge. „So, das hat jetzt Spaß gemacht“, grinst Lindner und richtet sich das Jacket. Anschließend lobte er den Unternehmergeist, spricht sich für mehr Respekt für Jungunternehmer aus und wünscht sich eine Kultur der zweiten Chance. Das Youtube-Video der Szene wurde zehntausendfach gesehen.

Die Partei updaten

In schwierigen außerparlamentarischen vier Jahren seit der letzten Bundestagswahl hat Lindner die FDP komplett erneuert. Um es mit seinen Worten zu sagen: „Im Grunde genommen haben wir runtergefahren und neugebootet, und am Ende kam ein Upgrade dabei raus.“ Solche Sätze sagt Lindner gerne, sie passen zum Geist der neuen Freien Demokraten.

Der ist digital, global und #Neu. Mit markigen Motti wie „German Mut“ und „Es geht um unser Land“ sowie unkonventionelle Werbespots – all das geht auf die Kreuzberger Werbeagentur Heimat zurück – wird ein neues Image der Liberalen gebastelt. Nach dem Brexit lässt man LKW durch London fahren mit der Aufschrift „Dear start-ups, keep calm and move to Berlin“. Und während des NRW-Wahlkampfes im Frühling 2017 spricht Lindner in Anspielung auf das US-Dorado der Start-ups vom „Silicon NRW“, das endlich wieder für prickelnde Aufbruchsstimmung im Land von Kohle und Stahl sorgen soll.

Flexible Inhalte, magentafarbene Versprechen

Lindner wird als Lichtgestalt der wiederauferstandenen Liberalen gefeiert, seine Auftritte in Turnschuhen oder auch mal im Unterhemd im Werbespot avancieren zu kultigen Social-Media-Hits. Das neue magentafarbene Image der Freien funktioniert auch politisch. Die FDP kann bei den diesjährigen Landtagswahlen große Erfolge feiern und ist als Koalitionspartner mit der CDU (NRW) und der CDU und den Grünen (Schleswig-Holstein) inzwischen wieder in Regierungsverantwortung.

Eurozone: FDP fordert den Grexit

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Und inhaltlich? Da ist Lindner flexibel. Was liberale Grundideale angeht, darf es mal mehr, mal weniger sein. Beim Thema Sicherheitspolitik sollen zwar sogenannte „Gefährder“ überwacht werden, nicht jedoch normale Bürger. Für die Sicherheit des Landes sollten mehr Polizisten verantwortlich sein, nicht Paragrafen. Geflüchtete sollen grundsätzlich in die Heimat zurückkehren, dafür müssten kompetente Fachkräfte aus dem Ausland geholt werden. In Deutschland herrsche ein „leistungsskeptisches bis -feindliches Klima“, kritisiert Lindner bei der Vorstellung des Programms für die Bundestagswahl.

Ein Porträt über Christian Lindner ist auch immer ein Porträt über seine neu erfundenen Freien Demokraten und umgekehrt. Wer sonst sollte die Partei tragen? Seit der NRW-Wahl hat die FDP sich mehr bemüht, die One-Man-Show von Lindner um ein paar Nebenrollen zu ergänzen. Lindner selbst hatte nach der Wahl gesagt, es gebe keine „Strategie der Fokussierung auf wenige Gesichter“.

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Lindner soll laut Umfrage „eine wichtige Rolle“ spielen

Die neuen Plakate für die Bundestagswahl zeigen jedoch allein Lindner. Der wird wie ein Model von dem Fotografen Olaf Heine in Szene gesetzt, der ansonsten Bono, Iggy Pop oder die Band Rammstein fotografiert.

Lindner kann gelassen nach Berlin schauen, wo er sich in rund zwei Monaten wohl wieder sieht. Seine Freien Demokraten stehen bundesweit in Umfragen zwischen acht und neun Prozent, beim vergangenen Parteitag wurde er mit 91 Prozent der Stimmen  zum Vorsitzenden wiedergewählt. Und in einer repräsentativen Umfrage des Spiegels wünschen sich 38 Prozent der Befragten, dass Lindner in Zukunft „eine wichtige Rolle“ spielen soll. Die Chancen dafür stehen so gut wie nie.