Bayer: „Regulierung muss sich mit der Pflanzenzucht-Technologie weiterentwickeln“

Da Pflanzenzuchttechniken wie Geneditierung nach wie vor neuartig sind und sich weiterentwicklen, müssen auch die Risikoabschätzungen und entsprechenden Regulierungen immer weiter angepasst werden, so ein Molekularbiologe von Bayer.

Dr. Larry Gilberston ist Molekularbiologe beim Unternehmen Bayer Life Science. Im Interview mit EURACTIV.com spricht er über die technischen Hintergründe zur Geneditierung, die biologischen Unterschiede zu neuen Pflanzenzuchtmethoden und genetisch veränderten Organismen sowie die potenziellen Risiken dieser Techniken.

Herr Dr. Gilbertson, gibt es unterschiedliche Risiken bei genetisch veränderten Organismen (GVO) und sogenannten neuen Pflanzenzuchtmethoden (NBTs)? Falls ja, sollten diese dann unterschiedlich gehandhabt werden?

Im Grunde genommen handelt es sich bei beiden um GV-Technologien. Auch neue Züchtungstechnologien wie die Geneditierung verändern nämlich die DNA. Auf dieser Ebene sind sie also im Grunde genommen gleich. Und so gibt es keinen intrinsischen Unterschied im Risiko zwischen diesen beiden.

Dennoch erlauben uns die beiden unterschiedlichen Methoden, das Risiko auf unterschiedliche Weise zu bewerten. So können wir zum Beispiel bei GVO mit der Untersuchung des Gens, das wir einsetzen wollen, beginnen, bevor wir mit dem tatsächlichen Experiment starten, und es auf jede Art von potenziellen Risiken hin bewerten. Das können wir auch tun, nachdem es eingesetzt wurde – und wir können dies während des gesamten Entwicklungsprozesses weiter tun.

Im Grunde wird auch für neue Züchtungstechnologien gelten: Wir müssen sie bewerten. Und deshalb glaube ich nicht, dass es einen grundlegenden Unterschied in der Risikoeinschätzung zwischen diesen beiden Technologien gibt, da es sich bei beiden im Grunde lediglich um Veränderungen der DNA handelt.

Man kann aber auch nicht über das Risiko sprechen, ohne über den Nutzen zu sprechen. Denn natürlich werden diese Veränderungen vorgenommen, um einen Nutzen zu erzielen, einschließlich des Nutzens für eine nachhaltige Landwirtschaft, des Nutzens für die Landwirte und auch des Nutzens für die Verbraucher. Und während wir also die Risiken bewerten müssen, müssen wir uns auch an alle Vorteile erinnern, warum wir diese [Veränderungen] überhaupt durchführen.

Industrie vs. Bio-Bauern: Sind Zuchttechniken Genveränderung?

Versuche, sogenannte „neue Pflanzenzuchttechniken“ aus der EU-Gesetzgebung über gentechnisch veränderte Organismen auszuschließen, wären „ein schwerer Schlag für Verbraucher, Landwirte und Verarbeiter“, so der europäische Biobauernverband.

Sollten die jeweiligen Risikoabschätzungen dann unterschiedlich sein? Oder wären die selben Bewertungsverfahren für beide dieser unterschiedlichen Techniken anwendbar?

Da neue Züchtungstechnologien wie das Editieren von Genen noch neu sind und sich noch weiterentwickeln, entwickelt sich auch die entsprechende erforderliche Risikobewertung noch weiter. Und deshalb wissen wir noch nicht, wie es am Ende aussehen wird. Wir arbeiten aber schließlich in einer regulierten Welt: Deswegen werden die Bewertungen, die wir vornehmen, letztlich von den verschiedenen Ländern und ihren Regierungsorganen bestimmt werden.

Aber ich möchte darauf hinweisen, dass es grundlegend seit Jahrhunderten solche Veränderungen der DNA gibt, ebenso wie Züchtung, ebenso wie Mutagenese-Technologien. Und selbst die besagten neuen Züchtungstechnologien… Das sind alles nur Veränderungen in der DNA. Auf dieser Ebene geht es also nur darum, zu sehen, ob die verschiedenen Veränderungen neben den Vorteilen auch zusätzliche Risiken mit sich bringen.

Ist es denn wissenschaftlich überhaupt möglich, Organismen zu erkennen, die durch NBT gewonnen worden sind?

Kurz gesagt: Ja, es ist wissenschaftlich machbar. Denn bei all diesen Methoden – ob es sich nun um klassische Züchtung, Zufallsmutagenese oder diese neuen präzisen Geneditierungstechnologien handelt – nehmen wir präzise Veränderungen an der DNA vor. Und wir wissen, dass Veränderungen, die wir an der DNA vornehmen, wissenschaftlich nachweisbar sind. Die Arten von Veränderungen, die bei der Geneditierung auftreten, sind klein und ähneln sehr den natürlichen Mutationen.

Zusammengefasst: Jede Art von Veränderung in der DNA, ob sie nun natürlich oder im Labor vorgenommen wurde, ist wissenschaftlich nachweisbar.

Vytenis Andriukaitis: Neue Pflanzenzüchtungstechniken brauchen neue Rahmenbedingungen

Die „neuen Pflanzenzüchtungstechniken“ brauchen eine neue EU-Gesetzgebung, die die neuesten fortschrittlichen Technologien berücksichtigt, sagt EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis gegenüber EURACTIV.com.

Halten Sie die EU-Regulierungen zum Thema Geneditierung für ein Hindernis im Bereich Innovation? Oder persönlicher gefragt: Würden Sie als Forscher in Europa arbeiten wollen?

Nun, Regulierung ist wichtig. Aber übermäßige Regulierung kann leider Innovation im Keim ersticken. Wenn Sie in einem Bereich arbeiten, in dem Sie versuchen, etwas zu entwickeln, und die Anwendungen, die Sie zu entwickeln versuchen, zu stark reguliert sind… dann wäre ich persönlich davon abgeschreckt, in diesem Bereich weiter zu arbeiten. Und so hoffen wir, dass die Regelungen mit den wissenschaftlichen Veränderung Schritt halten werden.

Schließlich wollen wir nicht, dass jemand von den Möglichkeiten zur Innovation ausgeschlossen wird. Das sind großartige neue Instrumente für die Pflanzenzüchtung, und wir hoffen, dass jeder Zugang dazu haben wird.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

Neue Pflanzenzüchtungstechniken: EU-Kommissar Andriukaitis liegt falsch

Die EU-Kommission stellt diese strengen Regeln für genveränderte Pflanzen in Frage – das untergräbt die Nahrungsmittelsicherheit, meint die Organisation Slow Food.

Genom-Editierung: Corteva unterzeichnet ersten großen Vertrag mit europäischer Firma

Trotz der anhaltenden Rechtsunsicherheit in Europa hat das US-Agrarunternehmen Corteva Agriscience im vergangenen Dezember mit dem französischen Saatguthersteller Vilmorin & Cie. seinen ersten großen Vertrag über Genombearbeitungstools unterzeichnet.

Supporter

Bayer

From Twitter

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN