Andriukaitis: Europa sollte bei neuen Pflanzenzuchtmethoden führend sein

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Ist überzeugt von den Vorteilen neuer Pflanzenzuchtmethoden: Ex-Kommissar Vytenis Andriukaitis. [Sarantis Michalopoulos]

Die EU ist führend im „wissenschaftsbasierten Kampf“ gegen den Klimawandel und sollte auch bei der Innovation im Pflanzenzuchtbereich führend sein, schreibt Vytenis Andriukaitis. Seiner Ansicht nach habe „eine Flut von Angst“ in Europa Innovationen  bisher „vertrieben“.

Der Litauer Vytenis Andriukaitis war in der EU-Kommission von Jean-Claude Juncker Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Er hat sich bereits des Öfteren für „neue Rahmenbedingungen“ bei der Regelung von Pflanzenzuchtmethoden ausgesprochen.

Fast seit Beginn unserer Zivilisation haben wir Menschen Pflanzenzüchtung praktiziert. Wir haben mit verschiedenen Arten und Pflanzensorten experimentiert, mit einigen beeindruckenden Ergebnissen. Wir haben Mais aus Teosinte und Erdbeeren aus Waldbeeren gezogen.

Natürliche Selektion und künstliche Methoden wurden eingesetzt, um gewünschte Mutationen zu erzeugen und verbesserte Züchtungen zu erhalten.

Jetzt haben wir einen schnelleren Weg gefunden, um noch bessere Sorten zu züchten, zu mischen und zu produzieren – nämlich durch Gentechnik. Das könnte wie eine Erfolgsgeschichte klingen, oder? Leider hat eine wahre Flut von Misstrauen und Angst diese Innovationen aus der EU vertrieben.

Die harte Arbeit unserer Wissenschaftler hat anderen Ländern, in denen Innovation nicht mit Angst begegnet wird, Vorteile gebracht. Noch trauriger ist, dass der strenge Regulierungsprozess so schwerfällig geworden ist, dass er die kleinen und mittelständischen Unternehmen in Europa aus diesem Wissenschaftsbereich verscheucht hat: Nur große, vor allem ausländische multinationale Konzerne sind in der Lage, die gestellten Hürden zu überwinden und Gewinne zu erzielen.

Stehen wir nun an einem neuen Scheideweg beim Thema Innovation? Wahrscheinlich. Angesichts des Klimawandels und einer wachsenden Weltbevölkerung ist die Ernährungssicherheit zu einem zentralen Anliegen geworden. Die globale Nahrungsmittelproduktion steht bereits unter enormem Druck.

Es gibt die Besorgnis, dass die Ernteerträge in Europa stagnieren und aufgrund der sich ändernden Klimabedingungen voraussichtlich weiter zurückgehen werden. Das gilt auch für einige wichtige Getreidekulturen.

Ich möchte hier auch auf die Schädigung der Böden, den übermäßigen Einsatz von Pestiziden, oder die Notwendigkeit der Erhaltung der biologischen Vielfalt und der Bestäuber hinweisen. Können wir es uns also wirklich leisten, neue Pflanzenzuchttechniken (NBTs) komplett abzulehnen?

Ich habe das Gefühl, wir müssen dies überdenken.

Wir müssen die Pflanzensorten dringend verbessern, um sie widerstandsfähiger gegen Krankheiten sowie andere abiotische und biotische Belastungen zu machen. Dazu gehört auch, sie widerstandsfähiger gegen Dürre oder Überschwemmungen zu machen, ihren Nährwert zu verbessern und sie vollkommen sicher zu machen.

Dafür brauchen wir Innovationen. Die EU sollte in diesem Bereich eine führende Rolle spielen. Bei dem Tempo, in dem sich die Welt verändert, können wir uns nicht den Luxus erlauben, uns nur auf die natürliche Auslese zu verlassen. Wenn wir nicht in der Lage sind, uns zu verändern und Innovationen zu begrüßen, werden wir, Europa, zu einem echten Museum für veraltete Landwirtschaft werden.

Pflanzenzüchtung ist unerlässlich, um neue Herausforderungen zu bewältigen und den sich wandelnden Bedürfnissen gerecht zu werden. Wir brauchen Pflanzenzüchtung, die international wettbewerbsfähig ist, und wir müssen innovative, zugängliche Technologien und Ansätze fördern.

Dazu gehört vor allem, dass [die Methoden] kleinen privaten und öffentlichen Organisationen zugänglich gemacht werden. Es ist möglich, Wege zu finden, die ein hohes Maß an Sicherheit und einen starken Schutz der biologischen Vielfalt garantieren, ohne dass dabei die Innovation auf der Strecke bleibt.

Es versteht sich von selbst, dass es innerhalb der EU zahlreiche Vorstellungen diesbezüglich gibt. Innovative Zuchttechniken sind ein Beispiel, das einen solchen positiven Fortschritt unterstützt. Sie sind besonders interessant wegen ihres Potenzials, nützliche, zielgerichtete Merkmale in Pflanzen einzubauen, ohne dafür fremde Gene einbringen zu müssen.

Zu den bekanntesten und sich schnell entwickelnden Techniken gehört die gezielte Mutagenese, die auch als „Geneditierung“ bezeichnet wird. Diese Methoden weisen ein großes Potenzial für eine breite Palette von Anwendungen im Agrar- und Nahrungsmittelsektor auf (z.B. zur Verbesserung der Trockenheitstoleranz und der Fettsäurezusammensetzung bei Sojabohnen, zur Verbesserung der Krankheitsresistenz und zur Verringerung brauner Flecken bei Kartoffeln, zur Verbesserung des Wachstums und der Futterverwertung bei Fischen).

Sie können sich auch im Gesundheitssektor als wertvoll erweisen (z.B. in der Gentherapie sowie für Studien von Erkrankungsverläufen und -mechanismen). Mit diesen Techniken können wir viel schneller vorankommen. Es geht hier um die Entwicklung neuer Züchtungen in nur zwei oder drei Jahren – im Vergleich zu klassischen Techniken, die mehr als zehn Jahre in Anspruch nehmen können.

Ich denke, das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass wir eine ernste Debatte darüber brauchen. Eine Debatte mit Fakten auf dem Tisch und in Form einer offenen Diskussion.

Der EU-Gerichtshof erklärte im Juli 2018, dass die derzeitige Richtlinie zu gentechnisch veränderten Organismen (GVO) auch für Organismen gilt, die durch neue Mutagenesetechniken gewonnen wurden.

Im Oktober des selben Jahres, also kurz nach dem Gerichtsurteil, gab die zuständige Gruppe des Beratungsmechanismus der Europäischen Kommission [Scientific Advice Mechnism, SAM] – die die Europäische Kommission unabhängig berät – eine Erklärung ab.

Darin hieß es, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Entwicklungen dazu geführt haben, dass die bestehende GVO-Gesetzgebung nicht mehr zweckdienlich sei und überarbeitet werden müsse. Die Gruppe drängt daher auf eine umfassendere Diskussion darüber, wie wir unsere Lebensmittel in der EU produzieren wollen. Ich stimme diesen Schlussfolgerungen zu.

Die Debatte beschäftigt auch die Wissenschaftsgemeinschaft sehr. Viele Wissenschaftler sind der Meinung, dass Produkte, die durch neue Züchtungstechniken gewonnen werden, nicht den bisherigen Rechtsvorschriften für GVO unterliegen sollten. Und sie betonen insbesondere, dass Landwirte und Züchter in der EU, insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen, nicht vom wissenschaftlichen Fortschritt und von verbesserten Sorten profitieren werden.

Es ist inzwischen bekannt, dass ich in den letzten Monaten eine klare Position in dieser Debatte vertreten habe. Als ich im vergangenen Herbst auf einem Bürgerdialog in Italien sprach, habe ich deutlich gemacht, dass wir Geld, Zeit und Ressourcen in neue landwirtschaftliche Technologien investieren müssen.

Europa kann es sich einfach nicht leisten, aufzugeben und am Straßenrand stehen zu bleiben, während unsere Hauptkonkurrenten vorbeiziehen!

Die wissenschaftlichen Fakten sprechen für sich selbst. Wir wissen, dass diese neuen Züchtungstechniken uns helfen können, zentrale Herausforderungen wie Ernährungssicherheit und Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu bewältigen. Das Potenzial scheint endlos zu sein, von verbesserten agronomischen Eigenschaften bis hin zu einer Reduzierung des Pestizid- und Herbizideinsatzes.

Nehmen wir das Beispiel von glutenarmem, nicht-transgenem Weizen – der zur Herstellung von glutenarmen Lebensmitteln verwendet werden könnte. Diese Art von Weizen wurde vor kurzem von Forschern aus Spanien und den USA dank einer Gen-Editiertechnik entwickelt.

Ein weiteres gutes Beispiel sind Kartoffeln mit nicht-bräunenden Eigenschaften, die entwickelt wurden und die auch weniger Asparagin produzieren. Sie bieten somit ein großes Potenzial, die Bildung von Acrylamid um 60-70 Prozent zu reduzieren, wenn die Kartoffeln bei hohen Temperaturen gebacken, gebraten oder geröstet werden.

Andere Erkenntnisse können uns bei der Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten wie Xylella, Kiefernnematoden und ähnlichem helfen.

Ich bin Mediziner; es ist für mich absolut klar, dass Forschung und Innovation der Gesellschaft wichtige Vorteile bringen können. Die Wissenschaft muss im Mittelpunkt stehen, wenn es darum geht, die Risiken und den Nutzen für Mensch, Tier und Umwelt zu bewerten.

Gleichzeitig müssen wir auch eine umfassendere Perspektive einnehmen und einen Dialog mit allen Bereichen unserer Gesellschaft führen; wir müssen denen zuhören, die Bedenken und oft auch Sorgen über diese wissenschaftlichen Entwicklungen äußern. Das Thema ist wichtig und von allgemeinem Interesse, deshalb müssen wir auf die Bedenken der Öffentlichkeit eingehen, insbesondere mit Blick auf ethische Werte.

Diese Debatte wird wahrscheinlich noch Jahre andauern, und das ist auch gut so. Denn die Wissenschaft wird sich weiterentwickeln, und wir werden uns neuen Herausforderungen stellen müssen. Aber wir sollten [Innovationen] nicht von vornherein aufgeben.

Wir sollten in voller Transparenz weiterdiskutieren, voreingenommene Ansichten vermeiden und offen für die Meinungen und Bedenken Anderer bleiben. Aber dieses Gespräch sollte nicht auf Kosten von Wissenschaft und Innovation gehen. Es ist auch wichtig, sich darüber einig zu sein, dass Fortschritt nur möglich ist, wenn er auf einer transparenten Wissenschaft beruht. Transparenz und Ethik in der Wissenschaft sind der Schlüssel. Es liegt an uns allen, die Wissenschaft zu unterstützen.

Die EU ist führend im wissenschaftsbasierten Kampf gegen den Klimawandel. Wir werden auch bei wissenschaftsbasierten Innovationen im Pflanzenzuchtbereich führend sein.

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Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung (Mitteilung) trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.

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