US-Agrarminister: EU sollte auf Wissenschaftler hören, nicht auf NGOs

Ist überzeugt von Züchtungstechniken wie CRISPR, und weniger von Warnungen oder zu viel Gentechnik-Regulierung: Agrarminister Sonny Perdue. [Sarantis Michalopoulos]

This article is part of our special report Innovation, GAP und der Green Deal: Eine komplizierte Kombination?.

Die politischen Entscheidungsträger der EU sollten wissenschaftlich fundierte Entscheidungen treffen, wenn sie ihrer Landwirtschaft helfen wollen, deren „legitime Bedenken und Ängste“ bezüglich Nachhaltigkeit zu überwinden. Das meint zumindest US-Landwirtschaftsminister Sonny Perdue.

In einem Pressegespräch in Brüssel am Montag vergangener Woche betonte Perdue weiter, EU-Politikerinnen und -Politiker seien schließlich nicht naiv, und ihnen sei bewusst, was die größten Herausforderungen in der Landwirtschaft sind.

Er sollte es wissen: Zuvor hatte er sich mit EU-Landwirtschaftskommissar Janusz Wojciechowski, Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides und Handelschef Phil Hogan getroffen.

Auf Nachfrage von EURACTIV, ob die politischen Entscheidungsträger der EU seiner Ansicht nach denn überhaupt bereit und gewillt seien, die entsprechende Diskussion über Biotechnologie (beispielsweise Geneditierung) in der Landwirtschaft zu eröffnen, sagte Perdue: „Wenn man Leute hat, die gewählt werden, müssen diese natürlich auf die öffentliche Meinung hören. Aber ich denke, dass sie auch Antworten bieten und ihre Verantwortung als Führungspersönlichkeiten verstehen müssen. Wir sollten politische Entscheidungen auf der Grundlage solider wissenschaftlicher Erkenntnisse treffen, gerade, wenn es um Lebensmittel geht. Und ich glaube, dass [die EU-Führungskräfte] dazu bereit sind.“

Kontroverse um neue Verfahren der Pflanzenzüchtung

Neue gentechnische Verfahren versprechen präzise Eingriffe ohne unerwünschte Nebeneffekte. Der EuGH will trotzdem eine strenge Regulierung. Darüber wird heftig gestritten.

Stattdessen hege er einige Bedenken bezüglich nicht-staatlicher Akteure: Einigen NGOs müsse gegebenenfalls entgegengewirkt werden, da diese „hier draußen Angst verbreiten“ würden.

Er erläuterte weiter: „Ich nehme mal das Beispiel von Speisesalz – das gefährlich sein kann, wenn man es in zu großer Menge konsumiert. Aber wir verwenden es dennoch regelmäßig. Und deshalb haben wir ebenso einen MRL-Wert (Rückstandshöchstwert) für Pestizide […] Es muss einen Wert geben, der sicher ist. Es ist ja nicht so, dass man krank wird, wenn man bei jeder Mahlzeit [eine gewisse Menge] Salz zu sich nimmt.“

Kritik an GAP 

Auch in Bezug auf die kommende Gemeinsame Agrarpolitik der EU nach 2020 zeigte sich Perdue besorgt. Die aktuellen Reformentwicklungen gingen nicht in die richtige Richtung: „Ich denke, die Landwirte haben da ein berechtigtes Anliegen. Die Bauern wollen keine Sozialhilfeempfänger sein. Ich bin besorgt, dass sich [die EU] in der Gemeinsamen Agrarpolitik auf einen Wohlfahrtsstaat zubewegt und versucht, damit das zu kompensieren, was sie den Bauern nicht erlaubt. Nämlich Dinge so zu tun, wie sie sie zu tun pflegen.“

2.500 Wissenschaftler fordern die EU auf, die "umweltschädigende" GAP zu reformieren

Mehr als 2.500 Wissenschaftler fordern das Parlament auf, sich „auf die Wissenschaft zu reagieren und unverzüglich eine tiefgreifende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU durchzuführen“.

Auch das Thema Biotechnologie (beispielsweise Geneditierung) in der EU-Landwirtschaft sorgt seit Längerem für Kopfzerbrechen. Dies gilt insbesondere, seit der Europäische Gerichtshof im Jahr 2018 entschied, dass Organismen und Pflanzen, die per Mutagenese-Techniken gezüchtet worden sind, als gentechnisch verändert angesehen werden müssen und daher unter die europäische GVO-Richtlinien fallen.

Die damalige Entscheidung war für einige Vertreterinnen und Vertreter der Agrarindustrie und der Landwirtschaft eine Überraschung. Ihrer Ansicht nach würden ihnen damit die „notwendigen Instrumente“ entzogen, die helfen könnten, Umweltprobleme anzugehen und mit anderen Landwirten auf der ganzen Welt zu konkurrieren.

Auf der anderen Seite begrüßten zahlreiche NGOs die Entscheidung und lobten, der Gerichtshof habe damit derartige „neue GVO“ daran gehindert, „durch die Hintertür“ auf den EU-Markt zu gelangen.

EU soll „klar kommunizieren“

Perdue hingegen verteidigt den Einsatz von Pflanzenzüchtungstechniken wie CRISPR deutlich. Bei diesen handele es sich um nicht-transgene gentechnische Züchtungstechniken: „Es ist im Wesentlichen eine natürliche Züchtungstechnik, die lediglich beschleunigt wird.“

Der amerikanische Politiker sieht in dieser Hinsicht seine europäischen Kolleginnen und Kollegen in der Pflicht: „Wir haben die Verantwortung, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass es sich dabei nicht um irgendwelche seltsamen Frankenstein-Gene handelt.“

Er forderte weiter: „Wir wissen, dass wir die Dinge mit Gentechnik bei ähnlichen Ergebnissen beschleunigen können – indem wir diese DNA manipulieren, um ein besseres Produkt effizienter oder effektiver, gesünder und sicherer zu machen. Auf genau diese Weise müssen wir das kommunizieren. Europa muss das der Öffentlichkeit vermitteln.“

Seiner Meinung nach müsste sich vor allem das EU-Parlament der angesprochenen Vorteile dieser Techniken bewusst werden.

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Die Menschheit braucht immer mehr Lebensmittel. Abhilfe schaffen sollen neue Methoden der Gentechnik wie die CRISPR-Genschere. Diese sind jedoch umstritten.

Perdue betonte mehrfach, Entscheidungen über Lebensmittel müssten auf wissenschaftlicher Grundlage getroffen werden sollten. Darüber hinaus müsse aber auch die europäische Öffentlichkeit einsehen, „dass ihre Produzenten, wenn sie sich für eine technologiefreie Zone entscheiden, einen enormen Nachteil haben werden“.

Dies gelte nicht nur gegenüber den Vereinigten Staaten, sondern auch gegenüber dem Rest der Welt, einschließlich Asien, wo sich derartige Techniken rasch verbreiteten.

Im Endeffekt hänge Umweltschutz eben auch von der Wirtschaft ab: „Wir wollen ökologische Nachhaltigkeit; wir wollen soziale Nachhaltigkeit; aber es muss auch wirtschaftliche Nachhaltigkeit geben. Wenn es keine wirtschaftliche Nachhaltigkeit und keinen Agrarsektor mehr gibt, wird es auch keine ökologische oder soziale Nachhaltigkeit geben.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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