EU-Gesundheitschefin will mehr Informationen über die Genombearbeitung

"Ich habe immer deutlich gemacht, dass wir eine breite und offene Debatte darüber führen müssen, ob und wenn ja, wie die Biotechnologien dazu beitragen können, unser Ernährungssystem sowohl für die Bürger als auch für die Umwelt nachhaltiger zu gestalten", so Kyriakides. [EPA/OLIVIER HOSLET]

This article is part of our special report Innovation, GAP und der Green Deal: Eine komplizierte Kombination?.

Die neue EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides wünscht sich mehr Informationen über das umstrittene Thema der Genom-Editierung und scheint vorerst weniger begeistert zu sein als ihr Vorgänger Vytenis Andriukaitis.

„Zu diesem Zweck und auf Wunsch der EU-MinisterInnen im vergangenen Herbst werden wir eine Studie über neue genomische Techniken vorbereiten, die für das Frühjahr 2021 vorgesehen ist“, teilte sie gegenüber EURACTIV mit.

Die Thematik der Gen-Editierung und der Biotechnologie im Allgemeinen in der EU-Landwirtschaft steht im Mittelpunkt, seit der Europäische Gerichtshof 2018 entschieden hat, dass durch Mutagenese-Pflanzenzuchttechnik gewonnene Organismen GVO sind und grundsätzlich unter die GVO-Richtlinie fallen sollten.

In dem Antrag für die Studie, der dem Rat bis Ende April 2021 vorgelegt werden soll, heißt es, dass das Urteil zwar „rechtliche Klarheit“ über den Status der neuen Mutagenese-Techniken gebracht hat, es aber noch Ungewissheit darüber gibt, wie die nächsten Schritte auf nationaler Ebene sowie in der Wissenschaft und Forschung aussehen werden.

Französische Abgeordnete fordert "Realismus" in der "Farm to Fork"-Strategie

Der Teil des Pflanzenschutzes in der bevorstehenden „Farm to Fork“-Strategie (dt. “Vom Erzeuger zum Verbraucher”) sollte einen realistischen und wissenschaftlich fundierten Ansatz verfolgen, sagte die französische konservative Europaabgeordnete Anne Sander gegenüber EURACTIV.

Kyriakides zufolge sind Innovationen in allen ihren Formen unerlässlich, „insbesondere wenn wir die derzeitige Abhängigkeit von chemischen Pestiziden verringern wollen, wie wir es in unserer Mitteilung zum Green Deal im Dezember angekündigt haben“.

„Ich habe immer deutlich gemacht, dass wir eine breite und offene Debatte darüber führen müssen, ob und wenn ja, wie die Biotechnologien dazu beitragen können, unser Ernährungssystem sowohl für die Bürger als auch für die Umwelt nachhaltiger zu gestalten“, fügte sie hinzu.

Die zypriotische Politikerin verwies auch auf die GM-Debatte, die in der EU seit vielen Jahren kontrovers geführt wird.

Feuer mit Feuer bekämpfen: Die neue Art der Schädlingsbekämpfung

Biologische Pestizide gewinnen als nachhaltige und praktikable umweltfreundliche Alternative zu chemischen Pestiziden rasch an Aufmerksamkeit. Allerdings werden sie derzeit durch eine unangepasste Regulierung behindert.

„Obwohl es in der EU fast keinen Anbau von GVOs gibt – was eine Entscheidung der Mitgliedsstaaten ist – werden GVO-Produkte zur Fütterung von Nutztieren importiert“, betonte sie.

Auf der anderen Seite hat sich der ehemalige EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis stärker für die Bearbeitung von Genen ausgesprochen, obwohl er sich erst gegen Ende seiner Amtszeit dazu äußerte.

“Die wissenschaftlichen Fakten sprechen für sich selbst. Wir wissen, dass diese neuen Züchtungstechniken uns helfen können, zentrale Herausforderungen wie Ernährungssicherheit und Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu bewältigen. Das Potenzial scheint endlos zu sein, von verbesserten agronomischen Eigenschaften bis hin zu einer Reduzierung des Pestizid- und Herbizideinsatzes,” schrieb der litauische Politiker in einem Op-ed für EURACTIV im Dezember 2019.

Andriukaitis: Europa sollte bei neuen Pflanzenzuchtmethoden führend sein

Die EU ist führend im „wissenschaftsbasierten Kampf“ gegen den Klimawandel und wird auch bei der wissenschaftsbasierten Innovation im Pflanzenzuchtbereich führend sein, schreibt Vytenis Andriukaitis.

Bessere Kommunikation?

Es ist jedoch nicht klar, wie und ob diese neue Spitzentechnologie im europäischen Kampf gegen den Klimawandel eingesetzt werden soll.

Umweltschutz-NGOs lehnen die Genbearbeitung mit Nachdruck ab, da es sich um einen Versuch der Agrar- und Lebensmittelindustrie handele, „neue GVO“ auf den Markt zu bringen.

Die EU-Landwirte ihrerseits sagen, dass es ihrer Wettbewerbsfähigkeit auf globaler Ebene schaden würde, wenn sie die Genbearbeitung unter die GVO-Gesetzgebung stellen würden. Viele sind der Meinung, dass dies sie daran hindern würde, Mittel zur Steigerung ihrer Produktivität einzusetzen.

Ende Januar kam der US-Landwirtschaftsminister Sonny Perdue zu einer Reihe von Treffen mit EU-Beamten zusammen, darunter Stella Kyriakides und EU-Landwirtschaftskommissar Janusz Wojciechowski.

US-Agrarminister: EU sollte auf Wissenschaftler hören, nicht auf NGOs

Entscheidungsträger der EU sollten wissenschaftlich fundierte Entscheidungen treffen, wenn sie ihren europäischen Landwirten helfen wollen, so Sonny Perdue. Vorsichtiger müsse man seiner Meinung nach hingegen bei der „Angstmacherei“ einiger NGOs sein.

Auf die Frage von EURACTIV, ob er der Meinung sei, dass die politischen Entscheidungsträger der EU bereit seien, eine Debatte über die Zukunft der Biotechnologie im Block zu eröffnen, antwortete er: „Es gab eine gewisse Besorgnis hinsichtlich der Fähigkeit, einigen der NGOs entgegenzuwirken, die hier draußen Angst verbreiten“.

Perdue drängte die EU-PolitikerInnen auch dazu, die Hintergründe der Genbearbeitung den Bürgern und Bürgerinnen besser zu vermitteln.

„Wir haben die Verantwortung, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass es sich dabei nicht um irgendwelche seltsamen Frankenstein-Gene handelt,“ so Perdue.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Britta Weppner]

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