Neuer Schwung für berufliche Bildung?

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Für Auszubildende bei Mercedes und alle anderen gilt: Man lernt nie aus (Foto: dpa)

CEP-Analyse über die Vorstellungen der EU-KommissionDie Kommission hat ihre Vorstellungen von der Zukunft der beruflichen Bildung (Mitteilung KOM(2010) 296) präsentiert. Der Rat, die europäischen Sozialpartner und die Kommission werden Ende 2010 die Prioritäten des 2002 eingeleiteten Kopenhagen-Prozesses überprüfen. Dessen Umsetzung ist in den Mitgliedsstaaten bislang nicht vollständig erfolgt. Eine Analyse des Centrums für Europäische Politik (CEP).

Zwei Punkte sprechen nach Ansicht des CEP für die Initiative der Kommission: Die Vergleichbarkeit von Bildungskompetenzen erhöht die grenzüberschreitende Mobilität. Und die Förderung unternehmerischen Denkens in der beruflichen Bildung führt zu positiven Wachstums- und Beschäftigungseffekten.

Zwei Punkte sprechen aber nach CEP-Ansicht dagegen: Die Forderung der Kommission, in der beruflichen Erstausbildung auf spezielle Ausbildungsgänge zugunsten einer modularen Ausbildung zu verzichten, droht das duale Ausbildungssystem auszuhöhlen. Ferner: Obligatorische Auslandsaufenthalte und die Betonung von Schlüsselkompetenzen zu Lasten der beruflichen Qualifikation erhöhen die Ausbildungskosten und senken dadurch die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen.

Fachkräftemangel zeichnet sich ab

Nach Ansicht der Kommission ist eine gute Berufsausbildung die wichtigste Voraussetzung für einen nahtlosen Übergang ins Arbeitsleben. Und dem Fachkräftemangel, der sich abzeichnet, kann durch konsequente Weiterbildung, ausgehend von einer guten Berufsausbildung, am wirksamsten begegnet werden. Zudem lässt sich die grenzüberschreitende Mobilität der Arbeitnehmer verbessern, indem die Vergleichbarkeit der nationalen Abschlüsse gewährleistet wird und im Ausland erworbene Fähigkeiten im Inland anerkannt werden.

In ihrer Mitteilung macht die Kommission deutlich, dass der Kopenhagen-Prozess, mit dem die Mitgliedsstaaten bei der Modernisierung der beruflichen Bildungssysteme unterstützt werden sollten, „neuen Schwung“ erhalten müsse, damit sie ihre Systeme der beruflichen Aus- und Weiterbildung zukunftsfähig m

Ökonomische Folgenabschätzung des CEP

Die Vergleichbarkeit von Bildungskompetenzen stärkt den Binnenmarkt, denn sie schafft eine wichtige Voraussetzung für die grenzüberschreitende Mobilität von Lernenden und Arbeitnehmern. Daher ist die Kommission in ihrem Anliegen nachdrücklich zu unterstützen, dem Kopenhagen-Prozess mit eben dieser Zielsetzung „neuen Schwung“ zu verleihen.

Die Forderung der Kommission nach obligatorischen Ausbildungszeiten in anderen Ländern, die zudem von den Sozialpartnern finanziert werden sollen, ist jedoch abzulehnen: Zum einen ist dies ein zu weitgehender Eingriff in die Freiheitsrechte der Auszubildenden, da dies den Umzug in eine fremde kulturelle Umgebung zwingend macht.

Zum anderen erhöht dies die Kosten für die ausbildenden Unternehmen, ohne dass ein Mehrwert für diese gewährleistet ist. Es sollte vielmehr den Auszubildenden und den Unternehmen selbst überlassen bleiben, Auslandsaufenthalte in die berufliche Ausbildung einzubauen.

Damit Auslandsaufenthalte die Ausbildungszeiten nicht verlängern, setzt dies gleichwohl die Gleichwertigkeit und die Anerkennung der im Ausland erworbenen Kompetenzen voraus. Daher setzt sich die Kommission zu Recht für eine EU-weit einheitliche Qualitätssicherung (durch EQAVET) und Anerkennung (durch ECVET) ein.

Empfehlungen ohne Regelungsbefugnis

Die EU besitzt keine Regelungsbefugnisse für die konkrete Ausgestaltung der beruflichen Bildungssysteme in den Mitgliedsstaaten. Die Kommission kann daher nur Empfehlungen äußern.

Diese sind wie folgt zu bewerten: Die Kommission lässt ein Bekenntnis dazu vermissen, dass in erster Linie die Auszubildenden und Arbeitnehmer selbst für den Aufbau und Erhalt ihrer Beschäftigungsfähigkeit durch Bildung verantwortlich sind: Sie sind es, die von einer besseren Qualifikation in Form eines Arbeitsplatzes oder höheren Lohnes profitieren.

Es ist daher auch ihre Aufgabe, die „Vereinbarkeit von Arbeit, Lernen und Familie“ zu gewährleisten.

Auch viele Arbeitgeber werden zur Personalgewinnung und zur Deckung des eigenen Qualifikationsbedarfs ein hohes Eigeninteresse besitzen, die Arbeitsorganisation flexibler zu gestalten und „intensive Weiterbildungszeiten“ zu ermöglichen. Daher bedarf es auch keiner entsprechenden hoheitlichen Arbeitsmarktregelungen, wie sie die Kommission anregt.

Arbeitsmarkt? Soziale Gerechtigkeit?

Die Kommission empfiehlt zu Recht, „berufspraktische Bildungssysteme“ stärker zu nutzen. Das duale Ausbildungssystem etwa, das schulische mit berufspraktischer Bildung verbindet, weist im Vergleich zu einem rein schulischen Berufsbildungssystem zwar den Nachteil auf, dass die Zahl der Ausbildungsplätze stark von der konjunkturellen Entwicklung abhängt. Es gewährleistet jedoch die von der Kommission geforderte bedarfsgerechte Ausbildung, die die (Wieder-)Einstiegschancen in den Arbeitsmarkt verbessert. Denn Unternehmen bilden in der Regel nur dann aus, wenn sie einen entsprechenden Qualifikationsbedarf haben.

Dem Ziel einer bedarfsgerechten Ausbildung läuft es aber zuwider, wenn die Berufsbildung „über den reinen Arbeitsmarktaspekt“ hinausgehen soll, wie dies die Kommission aus Gründen der „sozialen Gerechtigkeit“ fordert.

Nur wirtschaftlich tragfähige Arbeits- und Ausbildungsplätze legen die Basis für einen „sozialen Aufstieg“: Das duale Ausbildungssystem etwa steht auch Schulabbrechern offen und führt diese – wie von der Kommission gewünscht – wieder an das Lernen heran.

Aushöhlung des dualen Ausbildungssystems

Es ist unbestritten, wie gefordert „weniger theoretisch Begabte“ und „benachteiligte Menschen“ zu integrieren. Die Anforderungen an die berufliche Bildung dürfen hierfür jedoch nicht abgesenkt werden. Der Erfolg des dualen Ausbildungssystems etwa ist gerade auf die verlässlich hohe Qualität der Ausbildungsgänge und ihrer Inhalte zurückzuführen.

Die Forderung der Kommission, spezielle Ausbildungsgänge in der beruflichen Erstausbildung zugunsten einer „modularen“ Ausbildung aufzugeben, ist daher kategorisch abzulehnen. Es droht eine Aushöhlung des dualen Ausbildungssystems.

Folge wäre außerdem eine Abkehr vom sogenannten Berufsprinzip und ein Verlust an Aussagekraft von Qualifikationen. Denn Unternehmen könnten nicht mehr auf eine staatlich zertifizierte Qualifikation in Gänze vertrauen, sondern müssten erworbene Qualifikationen einzeln prüfen.

Bereitschaft der Unternehmen sinkt

Die für eine qualitativ hochwertige Ausbildung notwendige Ausbildungsreife muss prioritär über das allgemeinbildende Schulsystem sichergestellt werden. Je stärker auch die Berufsbildung allgemeinbildende Inhalte vermitteln soll – wie es die Kommission etwa durch die Priorisierung von Schlüsselkompetenzen im Rahmen der beruflichen Bildung fordert –, desto weniger Zeit bleibt für die Vermittlung beruflicher Kenntnisse.

Dies führt jedoch zu einer sinkenden Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen und ist daher zu vermeiden.

Folgen für individuelle Wahlmöglichkeiten

Die geforderte höhere Durchlässigkeit zwischen beruflicher Bildung und der Hochschulbildung erhöht die individuellen Wahlmöglichkeiten. Darüber hinaus kann sie die gesamtwirtschaftliche Effizienz steigern, da sie eine schnellere Deckung des Fachkräftebedarfs ermöglicht. Dies gilt aber nur, wenn durch die höhere Durchlässigkeit das Niveau an Hochschulen nicht absinkt. Hierzu äußert sich die Kommission freilich nicht.

Folgen für Wachstum und Beschäftigung

Das Anliegen der Kommission, unternehmerisches Denken in der beruflichen Bildung zu fördern, ist zu begrüßen: Gerade im Handwerk sind Auszubildende von heute potenzielle Arbeitgeber von morgen. In der beruflichen Bildung vermitteltes unternehmerisches Denken erhöht die Bereitschaft, sich selbstständig zu machen. Dies führt somit mittel- bis langfristig zu positiven Wachstums- und Beschäftigungseffekten.

Folgen für die Standortqualität Europas

Je stärker die Berufsbildungssysteme eine bedarfsgerechte Ausbildung von Fachkräften ermöglichen, desto attraktiver wird Europa als Unternehmensstandort. Dies gilt freilich umso weniger, je stärker Berufsbildungssysteme zur Verwirklichung von „sozialer Gerechtigkeit“ beitragen sollen.

Autoren der Analyse: Klaus-Dieter Sohn und Benedikt Langner, Wissenschaftliche Mitarbeiter des Centrums für Europäische Politik (CEP), Freiburg.

Links:

Die vollständige Analyse sehen Sie – mit weiteren Informationen – hier.

Ansprechpartner: Klaus-Dieter Sohn (Mail: sohn@cep.eu)

Homepage des CEP

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