Die europäische Finanzkrise hat sich im zweiten Quartal erneut zugespitzt. Je nachdem, wie stark die einzelnen Länder davon betroffen waren, fallen die Einschätzungen der Verbraucher zu Konjunktur-, Einkommens und Konsumentwicklung höchst unterschiedlich aus. EURACTIV.de dokumentiert die Ergebnisse des GfK Konsumklima Europa und USA. Heute: Überblick über die Konjunkturerwartung.
In den vergangenen Wochen und Monaten ist die Finanzkrise in Europa in Form einer Verschärfung der Bankenkrise zurückgekehrt. Wie eng das Schicksal der Staaten dabei mit dem der Banken verknüpft ist, zeigt der Fall Spanien. Die EU hat einem Rettungspaket von 100 Milliarden Euro für die Regierung in Madrid zugestimmt, um ihre Finanzinstitute zu retten. Auch Griechenland und Irland haben bereits Milliardenhilfen erhalten, um ihre Banken zu stützen.
Je schlechter die Lage der Staaten ist, desto kritischer wird es auch für die Banken. Diese Verknüpfung ist in der Krise noch enger geworden. Auf der einen Seite helfen die Finanzinstitute ihren angeschlagenen Regierungen, indem sie ihre Staatsanleihen aufkaufen. Auf der anderen Seite springen die Staaten ein, wenn es für ihre Banken eng wird.
Geht es dem Finanzsektor in einem Land schlecht, steigt faktisch die Staatsverschuldung. In der Folge senken die Rating-Agenturen schnell die Bonitätsbewertung für das jeweilige Land. So kürzlich geschehen in Italien.
Auf dem EU-Gipfel Ende Juni in Brüssel haben die europäischen Regierungschefs nun eine Ausweitung der Hilfen zur Stützung von Euro-Wackelkandidaten beschlossen. Die bestehenden Instrumente der Hilfsfonds EFSF (European Financial Stability Facility) und ESM (European Stability Mechanism) sollen künftig "flexibel“ eingesetzt werden können, um die Staatsanleihenmärkte zu stabilisieren.
Krisenländer sollen so künftig leichter auf den Euro-Rettungsfonds zugreifen können und weniger Auflagen erfüllen müssen. Italien und Spanien leiden derzeit unter hohen Zinsen und haben akute Schwierigkeiten, sich neues Geld an den Märkten zu besorgen. Der Krisenfonds ESM soll Banken künftig direkt unterstützen dürfen.
Bislang war das laut ESM-Vertrag nicht möglich. Das Geld sollte an die Regierung des jeweiligen Landes überwiesen werden, was die Schulden des jeweiligen Staat erhöhen würde, obwohl Italien und Spanien dagegen protestiert haben. Sie forderten, dass diese Zahlungen direkt an die zu rettenden Banken gehen, um den nationalen Haushalt nicht zu belasten. Voraussetzung dafür ist aber, dass vorher eine einheitliche Bankenaufsicht in der Euro-Zone geschaffen wird, bei der die Europäische Zentralbank (EZB) eine zentrale Rolle spielen soll.
Zusätzlich wurde ein Konjunkturprogramm von 120 Milliarden Euro beschlossen. Die Märkte reagierten auf die Schnellmaßnahmen bislang positiv.
Ob diese Maßnahmen eine Entschärfung der Finanzkrise bewirken und ein Auseinanderfallen der Eurozone verhindern, werden die nächsten Monate zeigen. Entscheidend wird der Reformwille der betroffenen Länderregierungen sowie der jeweiligen Bevölkerung sein.
USA
In den USA kommt die Wirtschaft noch nicht so richtig in Schwung. Experten glauben, dass sie gerade eine zweite Talsohle durchleben könnte. Um sie zu stimulieren, hat die Regierung kürzlich beschlossen, die Lohnsteuer von aktuell 4,2 Prozent das Jahr 2012 über beizubehalten. Das ist eine Reduzierung um zwei Prozentpunkte, die im Januar 2011 eingeführt wurde.
Amerikaner hoffen auf wirtschaftliche Erholung
Die Amerikaner sind offensichtlich insgesamt der künftigen Entwicklung ihrer Wirtschaft gegenüber deutlich positiver gestimmt als die Europäer. Zudem hoffen Sie in den nächsten Monaten auf eine Erholung am Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenrate ist im April mit 8,1 Prozent auf den niedrigsten Wert seit Januar 2009 gesunken.
Viele Ältere gehen in vorzeitigen Ruhestand
Dieser Rückgang der Arbeitslosigkeit ist darauf zurückzuführen, dass inzwischen viele ältere Arbeitnehmer in den vorzeitigen Ruhestand gegangen sind, da sie keinen neuen Job bekommen haben.
Der Indikator der Konjunkturerwartung ist seit August letzten Jahres von -3,9 Punkten kontinuierlich auf aktuell 21,2 Punkte gestiegen. Der Durchschnittswert für den bisherigen Erhebungszeitraum liegt bei 9 Punkten. Hinsichtlich ihrer weiteren finanziellen Lage zeigen sich die US-Bürger dagegen etwas weniger optimistisch: Die Einkommenserwartung liegt aktuell bei 14,7 Punkten; der Durchschnittswert beträgt 20 Punkte.
Zurück zu alten Gewohnheiten: Kauf auf Pump
Die Konsumlaune der Verbraucher ist schlecht, die Einzelhandelsumsätze in den USA sind im Mai zum zweiten Mal in Folge gesunken. Entsprechend ist die Anschaffungsneigung der amerikanischen Verbraucher in den vergangenen Monaten wieder gefallen. Im Juni erreichte sie nur noch -9,6 Punkte. Der Durchschnittswert beträgt -7 Punkte.
Dabei sind die Amerikaner längst wieder in alte Gewohnheiten zurückgefallen. Weil Löhne und Gehälter kaum steigen, kaufen die Konsumenten wieder auf Pump. In den vergangenen Monaten nahmen sie so viele Kredite auf wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die Sparquote sank auf das niedrigste Niveau seit Ende 2007.
Immobilienmarkt noch lang nicht gesund
Der Immobilienmarkt hat seine Talsohle inzwischen erreicht. Teure Mieten und rekordtiefe Hypothekenzinsen ermuntern die US-Bürger wieder zum Hauskauf. Doch von gesunden Verhältnissen ist der Immobilienmarkt weit entfernt. Experten rechnen nicht vor dem Jahr 2016 mit einer Rückkehr zur Normalität.
Bankensektor noch nicht erholt
Auch der Bankensektor hat sich noch nicht von der Hypothekenkrise erholt. Viele wichtige Banken sind in den letzten Wochen von Ratingagenturen in ihrem Ranking herabgestuft worden.
Hinzu kommt, dass die europäische Finanzkrise die Börsen weltweit hat sinken lassen. Die Märkte haben dadurch viel Vertrauen verloren. Angesichts dieser Situation schauen die amerikanischen Verbraucher genau auf ihre Ausgaben. Experten gehen davon aus, dass sie auch mittelfristig nicht mehr konsumieren werden.
DEUTSCHLAND
Die Turbulenzen im Euro-Raum durch den zum Befragungszeitpunkt ungewissen Wahlausgang in Griechenland sowie die Rettungsaktion für den spanischen Bankensektor haben dem Konjunkturoptimismus der deutschen Verbraucher einen deutlichen Dämpfer versetzt. Das sich eintrübende internationale Umfeld zeigt nun offenbar auch Wirkung bei den Konjunkturaussichten der Deutschen.
Krise lässt Konjunkturerwartung sinken
Die anhaltenden Diskussionen um die Zukunft der gemeinsamen Währung sowie die Bereitstellung finanzieller Mittel zur Stabilisierung des spanischen Bankensystems steigern in den Augen der Bürger die Risiken auch für die deutsche Konjunktur. Die Konsumenten befürchten offenbar, dass sich Deutschland über kurz oder lang dem Abwärtstrend im Euro-Raum nicht vollkommen entziehen kann.
Risiken für die Exportwirtschaft
Vor allem für die Exportentwicklung bestehen durch die Rezession nicht unbeträchtliche Risiken auf wichtigen europäischen Absatzmärkten. Dies entspricht auch der Einschätzung der gewerblichen Wirtschaft. Die Unternehmen befürchten eine zunehmende Beeinträchtigung ihres Geschäfts durch die Eurokrise.
Inflation hat nachgelassen
Wachsende Beschäftigtenzahlen sowie im Vergleich zu den Vorjahren spürbar verbesserte Tarifabschlüsse lassen die Erwartungen an die weitere Einkommensentwicklung jedoch weiter steigen. Hinzu kommt, dass der Inflationsdruck zuletzt nachgelassen hat. Die Preissteigerung für die Lebenshaltung ist im Mai unter die psychologisch wichtige Schwelle von 2 Prozent gesunken. Dadurch sehen die Konsumenten ihre Kaufkraft gestärkt.
Zudem ist es für viele Konsumenten aufgrund des fehlenden Vertrauens in die Finanzmärkte sowie des historisch niedrigen Zinsniveaus nicht sehr attraktiv, ihre finanziellen Mittel anzusparen. Stattdessen tendieren sie eher dazu, werthaltige Anschaffungen zu tätigen.
ITALIEN
Die erneute Verschärfung der Finanzkrise hat die Wirtschaft fast jedes europäischen Landes überrascht. Allerdings gibt es mit Rumänien und Portugal auch zwei Lichtblicke. Am schlechtesten beurteilen die Italiener (-60,2 Punkte) und Tschechen (-57,1 Punkte) die Chancen auf wirtschaftliche Erholung.
Am höchsten sind die Werte in Frankreich (-8,2 Punkte), Rumänien (-2,6 Punkte) sowie in Deutschland (3,0 Punkte). Der Durchschnitt in der Europäischen Union liegt bei -35 Punkten. Die USA* weisen ein Niveau von 21,2 Punkten auf.
Italien hat sich zum Sorgenkind der EU entwickelt
Die Konjunkturerwartung hat in Italien in den vergangenen drei Monaten stark abgenommen. Lag sie im März noch bei -22,5 Punkten, ist sie bis Juni auf -60,2 Punkte abgerutscht. Das Land hat sich zum Sorgenkind der EU entwickelt. Es steckt tief in der Rezession, und es sieht nicht so aus, als würde es bald wieder herauskommen.
Nachdem die italienische Wirtschaft im ersten Quartal 2012 um 0,8 Prozent geschrumpft ist, deuten erste Zahlen daraufhin, dass sich die schlechte Entwicklung auch im zweiten Quartal fortgesetzt hat. Möglicherweise könnte dieses Jahr sogar das schlimmste Rezessionsjahr in Italiens Geschichte werden.
Konsumenten kappen Einkäufe wie nie zuvor
Die Konsumenten kappen ihre Einkäufe wie nie zuvor. Als Folge brechen die Umsätze der Wirtschaft weg. Und der Staat muss seine harten Sparprogramme durchziehen. Auch der Export ist derzeit keine Hilfe. Die Industrie ist auf dem Weltmarkt immer weniger präsent. Italien exportiert nur noch Waren im Wert von 375 Milliarden Euro.
Seit sich in Spanien die Bankenkrise wieder verschärft hat, steht auch Italien an den Märkten unter strenger Beobachtung. In den letzten Wochen wurde es von Ratingagenturen in seiner Bonitätsbeurteilung herabgestuft. Solange die Wirtschaft sich nicht erholt, wächst der Schuldenberg umso schneller. Zudem muss das Land immer höhere Zinsen für Staatsanleihen bezahlen. Es bleibt abzuwarten, ob der EU-Gipfel Ende Juni dauerhaftes Vertrauen für die Märkte gebracht hat.
ÖSTERREICH
In Österreich hat sich die Konjunkturerwartung in den letzten Wochen und Monaten wieder deutlich gebessert – auch wenn der Indikatorwert im Juni wieder etwas nachgab. Im März stand er noch bei -30,5 Punkten, stieg zwischenzeitlich auf -10,2 Punkte und liegt aktuell bei -18,6 Punkten.
Dies zeigt, dass die Bevölkerung Vertrauen in die Maßnahmen der österreichischen Regierung hat. Die Bürger haben das jüngste Reformpaket der österreichischen Bundesregierung mit seinen Steuer- und Einsparungsmaßnahmen als konkreten Schritt hin zu einer Schuldenbremse und somit zu langfristig soliden Staatsfinanzen wahrgenommen.
Starkes Selbstvertrauen in die heimische Wirtschaft
Die deutliche Erholung des Indikators Konjunkturerwartung gerade in einer Phase, in der sich die europäische Finanzkrise erneut dramatisch zugespitzt hat, zeugt auch vom Selbstvertrauen der Österreicher in ihre heimische Wirtschaft. Sie besteht aus vielen konkurrenzfähigen Dienstleistern und zahlreichen mittelständischen Industriebetrieben, die in den vergangenen Jahren enormes Risiko eingegangen sind. Mit Exportquoten um 95 Prozent haben sie eine ganze Reihe globaler Nischenmärkte erobert.
Weltweit eines der wohlhabendsten Länder geworden
Relativ unbemerkt von den anderen europäischen Ländern hat sich Österreich zu einem der wohlhabendsten Länder weltweit entwickelt. Es generiert mittlerweile die dritthöchste Wirtschaftsleistung pro Kopf in Europa. Aufgrund dieser soliden Wirtschaftsbasis wird Österreich die europäische Krise vermutlich weitgehend unbeschadet überstehen. Davon sind zumindest die österreichischen Verbraucher überzeugt.
RUMÄNIEN
Die Konjunkturerwartung in Rumänien hat sich trotz der erneuten Zuspitzung der europäischen Finanzkrise weiter erholt. Lag der Wert im März noch bei -26,2 Punkten, ist er bis Juni auf -2,6 Punkte angestiegen und erreicht damit den höchsten Wert seit November 2008.
Seinen absoluten Tiefpunkt hatte der Indikator im Juni 2010 mit -71 Punkten. Seitdem hat sich die Konjunktur in Rumänien kontinuierlich und trotz aller Störfeuer aus Europa gefestigt. Im Jahr 2011 verzeichnete das Land ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent des BIP. Auch für 2012 sind die Wachstumserwartungen positiv und bewegen sich zwischen 1,5 und 2 Prozent des BIP.
Positive Entwicklung auf wackligen Füßen
Rumänien gelang es, für 2011 die gesetzte Defizitgrenze von 4,4 Prozent des BIP einzuhalten. Die offiziell registrierte Arbeitslosigkeit liegt bei 7,7 Prozent. Allerdings steht diese positive Entwicklung noch auf wackligen Füßen. Sie ist in hohem Maße von der Wirtschaftslage in der Eurozone abhängig, in die 55 Prozent der rumänischen Exporte gehen.
Für das Jahr 2012 hat sich die rumänische Regierung eine Neuverschuldungsgrenze von 1,9 Prozent des BIP gesetzt. Allerdings werden auch in Rumänien Stimmen lauter, wonach die notwendige Haushaltskonsolidierung nun durch verstärkte Wachstumsimpulse und deutliche Verbesserungen bei der Wettbewerbsfähigkeit ergänzt werden müsse. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung wird auch davon abhängen, inwiefern es Rumänien gelingt, die Binnennachfrage zu beleben.
PORTUGAL
Aktuell hat sich die Konjunkturerwartung in Portugal nur leicht verbessert: von -40,6 Punkten im März auf -37,7 Punkte im Juni. Allerdings verzeichnet das Land seit September letzten Jahres einen zwar langsamen, aber kontinuierlichen Anstieg. Der Wert für Juni ist sogar der höchste seit September 2010. Dies unterstützt die zuletzt positiven Berichte über das Land.
Zwar musste Portugal im vergangenen Jahr unter den europäischen Rettungsschirm schlüpfen, doch es nutzt die Hilfen und Reformvorgaben der EU, um wieder wettbewerbsfähig zu werden.
Sparkus mit harten Opfern
Die Regierung verlangt ihrem Volk mit seinem Sparkurs harte Opfer ab: Kürzungen im öffentlichen Dienst, im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsystem. Die Mehrwertsteuer stieg auf 23 Prozent. Ein Liter Super kostet wegen der Benzinsteuer mit 1,78 Euro mehr als in Deutschland. Urlaubs- und Weihnachtsgeld wurden im öffentlichen Dienst sowie bei Pensionären gekürzt. Der oberste Gerichtshof hat diese Regelung jedoch als nicht verfassungskonform beurteilt. Sie verstößt gegen den Gleichheitsgrundsatz. Dies bringt die Regierung in noch größere Schwierigkeiten, ihr Budget unter Kontrolle zu halten.
Vier Feiertage werden im Jahr 2013 wegfallen. Auf den meisten Autobahnen wird jetzt Maut kassiert; die Gesundheitskosten steigen aufgrund einer neuen Steuer.
In der Gesellschaft gibt es jedoch keinen Konsens darüber, dass die europäische Rettungsaktion die Reformen einfordert, die notwendig sind. Viele umgesetzte Reformen werden nicht als erfolgreich angesehen.
Hoffnung auf Überwindung der Krise
Dennoch hatten die Bemühungen Erfolg. Das Haushaltsdefizit von 9,8 Prozent im Jahr 2010 ist auf erstaunliche 4,5 Prozent des BIP im Jahr 2011 zurückgegangen. Der Tourismus wächst nach wie vor – wenn auch aufgrund der Nachfrage langsamer. Die Wirtschaft wird in diesem Jahr um rund 3 Prozent schrumpfen. Es ist also noch nicht alles auf einem guten Weg. Die Arbeitslosigkeit beispielsweise liegt derzeit bei rund 15 Prozent. Genauso wie die steigende Gesamtverschuldung des Staates, die 2012 nach EU-Schätzungen 114 Prozent des BIP erreichen wird. Portugal hat also noch einiges zu tun, hofft aber, die Krise zu überwinden.
(Wird morgen fortgesetzt)
Weitere Informationen unter http://www.gfk.com/consumer_climate_europe
