Deutschland habe einen Beitrag zur Bewältigung der Euro-Krise geleistet: Das Konjunkturforschungsinstitut IMK attestiert einen Anstieg der Löhne in Deutschland, wodurch der Konsum gestiegen sei und sich der Außenhandelsüberschuss verringert habe. Doch das Ungleichgewicht zwischen Importen und Exporten sei noch immer viel zu groß.
Deutschlands Lohnentwicklung hat 2012 zur Milderung der Euro-Krise beigetragen, so das Fazit eines aktuellen Reports des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Direktor Gustav Horn sprach von einer "Trendwende": Die Arbeitskosten in der deutschen Privatwirtschaft stiegen 2012 um 2,8 Prozent. Zwischen 2000 bis zum Ausbruch der Krise 2008 waren die Arbeitskosten lediglich um 1,8 Prozent jährlich gewachsen.
Die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland kommt damit ausländischen Forderungen nach Erhöhung der Arbeitskosten und Abbau des Außenhandelsüberschusses entgegen. Internationale Kritiker warnten Deutschland wiederholt, es verhindere mit seiner Wirtschaftspolitik den Aufschwung in anderen EU-Ländern. Doch durch den Anstieg der deutschen Reallöhne wurde die Nachfrage nach inländischen wie ausländischen Produkten nun angekurbelt, was auf Dauer zur Erhöhung der Importe führt.
"Die Ungleichgewichte im Außenhandel der europäischen Staaten waren ein wesentlicher Krisenauslöser", sagte Horn. Er hält den Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz für sehr problematisch und unterstützt mit seiner Kritik am deutschen Außenhandel die Auffassung der EU-Kommission. Eine Verringerung der Exporte sei jedoch nicht nötig, ja sogar gefährlich. "Das Problem Deutschlands ist nicht der Exportüberschuss, sondern das Importdefizit."
Der Außenhandelsüberschuss Deutschlands wirke sich laut Horn negativ auf den ganzen Euro-Raum aus. Wegen der dominanten Rolle der deutschen Volkswirtschaft weise auch der Außenhandel der EU einen zu hohen Überschuss auf. Die Konsequenz: Eine Aufwertung der Gemeinschaftswährung, was wiederum die Exportfähigkeit aller Euro-Länder verringert.
Erfolgsmodell Deutschlands: Niedrige Arbeitskosten?
In den vergangenen Jahren beruhte die hohe Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in erster Linie auf gering steigenden Arbeitskosten. Das Resultat: niedrige Löhne, niedrige Nachfrage nach Importgütern und Überschuss im Außenhandel. Horn begrüßt, dass nun parallel zur Erhöhung der Löhne die Leistung der deutschen Wirtschaft stieg. Dadurch konnte die Wettbewerbsfähigkeit bewahrt werden.
In den Krisenstaaten wurden die Arbeitskosten bereits den Empfehlungen der EU angepasst und nach unten korrigiert. Dadurch werden Produkte aus den Krisenländern billiger und sind auf dem Exportmarkt konkurrenzfähiger. Horn zufolge sei die Lohnkorrektur ein harter Prozess gewesen, der aber zur Bekämpfung der Krise beigetragen hätte.
"Deutschland muss sein Soll erst noch erfüllen", sagte Horn und empfahl einen weiteren Anstieg der deutschen Arbeitskosten um drei Prozent in den kommenden Jahren. Dies würde der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft noch nicht weh tun. Sein Kollege Rudolf Zwiener sah die Rolle Deutschlands allerdings noch kritischer: "Deutschland drückt mit seiner Wettbewerbsfähigkeit andere Länder an die Wand."
Horn wehrte sich gegen die Sichtweise, der deutschen Wirtschaft müsse es schlechter gehen, damit sich die Wirtschaft in den Krisenländern erholen kann. "Es nützt nichts, wenn in Osteuropa der Absatzmarkt der deutschen Automobilindustrie wegbricht, sagte Horn. Deutschland könne durchaus auch weiterhin Exportweltmeister sein. Nur müsse gleichzeitig dafür gesorgt werden, dass alle EU-Länder einen ausgeglichenen Außenhandel haben.
Dabei käme es gar nicht darauf an, dass deutsche Verbraucher griechische Produkte kaufen. Wenn Deutschland beispielsweise vermehrt Güter seines Haupthandelspartners Frankreich importierte, würde Frankreich seinerseits mehr italienische oder spanische Produkte importieren, und Italien und Spanien dann wiederum mehr griechische.
IMK fordert Lohnerhöhung im Dienstleistungsbereich
Der Politik empfahl Horn durch die Festlegung der Rahmenbedingungen einzugreifen. Vor allem das eklatante Lohngefälle zwischen dem verarbeitenden Gewerbe und dem Dienstleistungssektor ist dem IMK ein Dorn im Auge. Die Arbeitskosten in der Industrie liegen im Durchschnitt 20 Prozent über den Arbeitskosten im Dienstleistungsbereich. "Das ist ein Extremfall" erklärt Horn. Und das obwohl in Deutschland weitaus weniger Menschen in der Industrie arbeiten als im Dienstleistungsbereich.
Ursache für diesen europaweit einmaligen Unterschied zwischen Industrie und Dienstleistungssektor ist laut Zwiener ein fehlendes Mindesteinkommen. Ein flächendeckender Mindestlohn könnte das Lohngefälle auf bis zu 15 Prozent reduzieren, wobei das in den Augen des IMK immer noch zu hoch wäre.
Da die Gehälter in der Industrie in der Regel über den 8,50 Euro pro Stunde liegen, hätte der Mindestlohn laut Horn keine nennenswerte Auswirkung auf die deutsche Industrie. Anders sehe es jedoch bei den Dienstleistungen aus, vor allem in Ostdeutschland.
Patrick Stief

