Regionen brauchen dringend Brexit-Strategie

Containerschiffe im Hafen von Seebrügge. [shutterstock/ Steve Allen]

Der Brexit wird viele praktische Konsequenzen für die regionale Wirtschaft haben. Besonders Hafenstädte wie Seebrügge in Belgien, die viel Handel mit Großbritannien betreiben, werden betroffen sein. Ein Blick auf zwei Seiten des Ärmelkanals.

Riesige Containerschiffe schieben sich tagtäglich durch den Hafen von Seebrügge im belgischen Flandern. Über 17 Millionen Tonnen Fracht wurden letztes Jahr von der kleinen belgischen Stadt aus nach Großbritannien verschifft,  umgekehrt kommen stolze 78% aller britischer Exporte im Hafen an. Ab dem 29. März 2019, dem Tag des Brexits, wird daher einiges anders laufen in Seebrügge. Studien zu den Auswirkungen des Brexit gehen davon aus, dass primär handelsintensive Regionen, vor allem Hafenstädte, vom Brexit betroffen sein werden.

Karl Vanlouwe ist Abgeordneter im belgischen Parlament und vertritt die Region Flandern im Ausschuss der Regionen der EU. Er ist sehr besorgt darüber, was der Brexit für Flandern bedeuten könnte. „Das wichtigste Ziel der flämischen Regierung ist es, einen soften Brexit zu haben. Wir sind auf niedrige Zölle angewiesen, keiner will eine Grenze zu Großbritannien wie früher“, sagt er.

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Besonders Hafenstädte dürften die Auswirkungen des Brexit sehr praktisch zu spüren bekommen. Werden wieder Zollkontrollen eingeführt, bedeutet das einen erheblichen logistischen und räumlichen Aufwand. Besonders Waren für die „just-in-time“ Produktion, etwa Komponenten der rund 2,8 Millionen Neufahrzeuge, die Seebrügge jährlich passieren, werden schnell durch den Zoll gebracht und verschifft werden müssen. In Hinblick darauf sollen kommenden Herbst über 140 neue Zollbeamte in Seebrügge eingestellt und ausgebildet werden, hat der belgische Finanzminister Johan Van Overtveldt verkündet.

Der Brexit muss aus den Konferenzräumen raus

Auf der anderen Seite des Ärmeskanals, im Land des schwarzen Humors, macht man bereits Witze: die Zufahrtsstraße zum Hafen von Dover würde bald zum Parkplatz für tausende Autos werden. Es gibt einfach nicht genug Platz, um die Hafenkapazitäten auszubauen, sollte die Grenze wieder eingeführt werden und die Autos sich stauen.

Zollunion nach dem Brexit: Ein Kompromiss, den keiner will

Während Brexit-Gegner das Prinzip der Freizügigkeit beibehalten wollen, fordern die Befürworter eines harten Brexits eine „echte“ Trennung von der EU. Am Ende könnte es zu einem Kompromiss kommen, den keiner wirklich will.

„Über all diese regionalen und branchenspezifischen Probleme wird noch nicht wirklich gesprochen. In Konferenzräumen von Unternehmen ist das natürlich ein riesen Thema. Aber die Öffentlichkeit braucht ganz dringend einen Weckruf.“ meint Sir Albert Bore, Mitglied des Birminghamer Stadtrates und ebenfalls im Ausschuss der Regionen. „Wären die Menschen sich der unzähligen, komplizierten Konsequenzen des Brexit bewusst gewesen, denke ich nicht, dass sie dafür gestimmt hätten“, meint er.

Auch Bore’s Region hat einiges zu befürchten von einem harten Brexit, denn Birmingham ist ein wichtiger Standort der Automobil- und Luftfahrtindustrie. Das deutsche Unternehmen BMW produziert hier Motoren seine Jaguar Land Rover-Motoren, rund 800 Arbeitsplätze hängen direkt von der Produktion ab. Sollte kein Handelsabkommen nach dem Brexit erreicht werden, würden die Zollregeln der Welthandelsorganisation greifen. Zehn Prozent Einfuhrzölle auf Autos und über vier Prozent auf Zuliefereteile würden dann laut Angaben der KfW anfallen. Das dürfte für die in Birmingham angesiedelte Produktion ein großer Kostenfaktor werden, zumal viele Zulieferer für die Produktion in der EU sind. Höchst wahrscheinlich werden sie nicht alle durch den britischen Markt bedient werden können.

Lieferketten in Europa werden schon ein Jahr vor dem Brexit zerstört

Der Brexit zeigt seine Wirkung: Unternehmen bauen ihre Lieferketten um, britische Manager klagen über steigende Kosten und Auftragsverluste.

„Dadurch werden vermutlich die Preise hoch gehen. Und wer weiß, ob BMW auf Dauer überhaupt weiter bei uns produzieren wird“, meint Bore. „Wir schließen uns selber von allen Vorteilen des Binnenmarktes aus.“

Ehrlich kommunizieren

Die Frage ist, was Regionen tun können, um ihre Wirtschaft zu schützen. Sir Bore nennt ein Beispiel aus Birmingham: Als BMW 2001 große Teile seiner Produktion ins entfernte Oxford verlagerte, erarbeitete die Stadtverwaltung eine wirtschaftliche Folgenabschätzung und lokalisierte alle Beteiligten der Produktionskette. Durch gezielte Fortbildungen und Programme habe man die Folgen gut abfedern können, meint Bore. Genau das, so seine Schlussfolgerung, müssten die Regionen für ihre wichtigsten Branchen tun. Es müsse ein Rahmen für lokale Firmen geschaffen und soweit wie möglich Hilfsprogramme aufgestellt werden. Einige Regionen, die Flandern, haben bereits Brexit-Analysen durchgeführt. Laut Ausschuss der Regionen trifft das aber höchstens auf ein Drittel der EU-Regionen zu. Er forderte daher im April einen EU-Fonds zur Unterstüzung besonders hart betroffener Regionen gefordert.

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Vor allem muss die Politik ehrlich und ungeschönt kommunizieren, was das für die regionale Wirtschaft bedeuten wird, fordert Bore. „Bisher sehe ich aber keine öffentliche Debatte dazu. Wir schlafwandeln in eine mögliche, wirtschaftliche Katastrophe hinein“.

Zurück in Flandern hat Karl Vanlouwe zusammen mit einer Delegation von EU-Regionalvertretern den Hafen von Seebrügge besucht. „Das Motto der Hafenangestellten war klar: Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor – und hoffen auf das Beste“.

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