Nicht nur Asien und Amerika: Umdenken in Europas Konzernen

An die 300 regionale Headquarter ausländischer multinationaler Konzerne, die für Mittel- und Osteuropa zuständig sind, sitzen in Wien. Foto: Hartmut910 / pixelio.de

Anstatt Produktionen in asiatische Billigländer zu verlagern, sollten europäische Industriekonzerne auf viel nähere Destinationen eingehen. Auch Österreich will der Abwanderung von Industriebetrieben gegensteuern.

Wenngleich Österreich mit einer Arbeitslosenrate von 4,3 Prozent den Spitzenplatz in der EU einnimmt und mit 8,3 Prozent bei der Jugendarbeitslosigkeit Vize-EU-Meister (hinter Deutschland) ist, so sind gezielte Maßnahmen notwendig, um flächendeckend gute Ergebnisse zu erreichen. Mehr Aufmerksamkeit gilt daher vor allem dem industriellen Sektor, wo wegen des Kostendrucks Betriebe in Billig-Produktionsländer abwandern und damit Arbeitsplätze verloren gehen.

Um zukunftssichere neue Arbeitsplätze schaffen zu können, muss noch mehr in Forschung, Entwicklung und Innovation investiert werden. Um sich nicht nur mit guten Nischenplätzen zufrieden zu geben, sind kleine Staaten wie Österreich auf die EU angewiesen. Die Europäische Kommission hat bereits die Weichen in Richtung einer neuen Industriepolitik gestellt, um den Industrieanteil an der europäischen Wertschöpfung wieder zum Wachsen zu bringen. Das soll vor allem mit mit dem Rahmenprogramm "Horizon 2020" und seinen Säulen "societal challenges" und "industrial leadership" erfolgen. 

Österreichs Regierung springt nun auch auf diesen Zug auf. Das Infrastrukturministerium eröffnet die Diskussion am 12. März mit einer Tagung "Braucht Europa eine neue Industriepolitik?"

Handlungsbedarf bei Forschung und Entwicklung

Die Wirtschaftskrise hat die Bedeutung gezeigt, die der Förderung einer vielseitigen und wettbewerbsfähigen Basis der verarbeitenden Industrie einschließlich kapitalintensiver und hochmoderner Sektoren zukommt. Immerhin sind in Europa 25 Prozent der in der Privatwirtschaft Beschäftigten in der verarbeitenden Industrie, 25 Prozent im Bereich industriebezogener Dienstleistungen tätig. Darüber hinaus erfolgen 80 Prozent der gesamten privatwirtschaftlichen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in der verarbeitenden Industrie.

Für den Generalsekretär der Österreichischen Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer, ein Anlass, von der Regierung mehr industriepolitische Initiativen und ein Umdenken zu verlangen. Europas Industriebetriebe expandieren nach Asien und Amerika. Die beiden Regionen versprechen niedrige Arbeitskosten, geringe Steuerbelastungen und damit Gewinn. Doch Konzerne aus diesen Regionen finden selten den Weg nach Europa, wenn es um Produktion, Forschung und Entwicklung geht. Hier ist dringend Handlungsbedarf gegeben.

Mehr Augenmerk auf Donauregion

Dieser könnte zum Beispiel darin bestehen, dass die EU in Bulgarien oder Rumänien – und das ist für Österreich als besonders in dieser Region engagierter Wirtschaftspartner wichtig – die industriellen Infrastrukturen stärker fördert. Dazu gehört allerdings auch ein Umdenken in den Industriekonzernen selbst. Anstatt Produktionen in asiatische Billigländer zu verlagern, gäbe es viel nähere Destinationen zu bedienen. Wie jüngste Statistiken zeigen, liegt etwa in Bulgarien (Rumänien steht kaum besser da) die Kaufkraft bei nur 38 Prozent des EU-Durchschnitts. Da ist die Schaffung neuer Arbeitsplätze ein Gebot der Stunde, um sozialen Konflikten den Boden zu entziehen.

Die Stärkung der so genannten EU-Donauraumregion wiederum ist vor allem auch in Zusammenhang mit der Förderung von Forschung und Innovation von Bedeutung, immerhin liegen 22 Universitätsstädte an dieser Lebensader, deren geistiges Potenzial darauf wartet, besser genützt und eingesetzt zu werden.


Herbert Vytiska (Wien)


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EURACTIV.de
: Wiener Kongress über europäische Headquarter / Konzerne und Krise: Was tun mit den Osteuropa-Zentralen? (2. Oktober 2012)

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