Franzosen kaufen, Polen knausern, Briten sparen

Die Kauflust ist vielerorts gebremst. Diese Schaufensterpuppen sind nicht nackt, weil das Modegeschäft leergekauft wurde, sondern weil es in Konkurs ging. Foto: dpa.

Die Anschaffungsneigung von Europas Konsumenten unter der Lupe zeigt die Kluft zwischen konsumieren wollen und konsumieren können – mit großen Unterschieden von Land zu Land. EURACTIV.de dokumentiert die Ergebnisse des GfK Konsumklima Europa und USA.

In den meisten Ländern Europas ist die Anschaffungsneigung relativ konstant auf einem niedrigen bis sehr niedrigen Niveau. In einigen Ländern ist sie in den vergangenen ein bis zwei Monaten gestiegen. Die Verbraucher befürchten im Zuge der europaweiten Konsolidierungsbemühungen weitere Steuererhöhungen.

In einigen Ländern sind bereits Mehrwertsteuererhöhungen zum Beginn des nächsten Jahres beschlossen. Die Konsumenten sehen daher, dass es aktuell günstig ist, größere Anschaffungen zu tätigen. Allerdings besteht zwischen konsumieren wollen und konsumieren können noch ein großer Unterschied. Viele Bürger können sich größere Anschaffungen einfach nicht leisten, auch wenn es sinnvoll wäre, sie jetzt zu erwerben.

Die niedrigste Anschaffungsneigung gibt es derzeit in Großbritannien (-42,3 Punkte), in Portugal (-43,2 Punkte) und in Griechenland (-45,2 Punkte). Am meisten konsumieren möchten die Bulgaren (8,5 Punkte), Österreicher (22,4 Punkte) sowie die Deutschen (32,7 Punkte).

Der Durchschnitt in der Europäischen Union liegt bei -23 Punkten. Die USA weisen ein Niveau von -9,6 Punkten auf.

GROSSBRITANNIEN

Die Anschaffungsneigung der Briten hat sich über die vergangenen drei Monate hinweg zwar leicht gebessert, das Niveau ist jedoch mit -42,3 Punkten nach wie vor extrem niedrig. Im März lag der Wert bei -49,5 Punkten.

Das erneute Abgleiten der britischen Wirtschaft in die Rezession zu Beginn dieses Jahres wurde von den enttäuschten Verbrauchern mit verursacht. Auf der anderen Seite hat diese Tatsache die Briten weiter verunsichert.

Auch wenn Großbritannien nicht dem Euro angehört, spürt es die Konsequenzen daraus. Zum einen ist das Land über Weltbank und IWF ebenfalls an den Rettungsschirmen beteiligt. Zum anderen wirkt sich die Krise über geringere Exporte ganz direkt auf die britische Wirtschaft aus.

Staatsdefizit fast verdoppelt

Hinzu kommt, dass Großbritannien die Folgen der ersten Finanzkrise nach der Lehman-Pleite im Herbst 2008 vor Beginn der zweiten Finanzkrise noch nicht überstanden hatte. Diese Krise hat den Staat viel Geld für Konjunkturprogramme gekostet. Das Staatsdefizit hat sich fast verdoppelt. Die Arbeitslosigkeit, vor allem die Langzeitarbeitslosigkeit steigt weiter.

Diese Entwicklungen führen dazu, dass die Verbraucher ihr Geld zusammenhalten und sich genau überlegen, welche Anschaffungen unbedingt notwendig sind. In den letzten Wochen kam noch eine sehr lange Schlechtwetterperiode hinzu, die den Briten die Lust am Einkaufen zusätzlich getrübt hat.

FRANKREICH

In Frankreich hat sich die Ausgabebereitschaft der Verbraucher in den vergangenen Monaten kontinuierlich erhöht. Der Indikator Anschaffungsneigung liegt aktuell bei -17,6 Punkten. Das ist der höchste Wert seit November 2007. Nachdem die Wirtschaft Ende letzten Jahres überraschend gewachsen war, ist sie in diesem Jahr wieder in die Rezession abgeglitten.

Bonität herabgestuft

Die Krise hat Frankreich erneut erreicht. So wurde die Bonität des Landes im Frühjahr von mehreren Rating-Agenturen herabgestuft. Das Land muss höhere Zinsen für seine Staatsanleihen zahlen, und die französischen Banken stecken tief in der Finanzkrise.

Dies resultiert vor allem aus einem intensiven Engagement in den Krisenstaaten Griechenland, Spanien und Portugal, wo die großen französischen Banken Tochterunternehmen halten und mit hohen Krediten involviert sind.

Radikale Sparprogramme

Die zunehmende Staatsverschuldung zwingt die französische Regierung zu radikalen Sparprogrammen. Zudem rechnen die Verbraucher mit weiteren Steuererhöhungen. Da es der Bevölkerung noch relativ gut geht, überlegen sich viele Bürger, die es sich leisten können, jetzt das Geld in langfristige Anschaffungen zu investieren, anstatt es bei krisengeschüttelten Banken anzulegen.

POLEN

Die Anschaffungsneigung in Polen zeigt deutlich die Verunsicherung der Bevölkerung in Bezug auf die erneute Zuspitzung der Finanzkrise. Im März lag der Wert des Indikators noch bei -3,6 Punkten. Die Wirtschaftsdaten waren durchweg gut, und es konnte mit einer weiteren positiven Entwicklung des Landes gerechnet werden.

Angst vor dem Abwärtsstrudel der Krisenländer

Als sich im Mai jedoch die Situation in Griechenland und Spanien erneut zuspitzte, fiel der Indikator auf -28,4 Punkte. Im Juni hat er sich wieder etwas erholt und steht aktuell bei
-11 Punkten. Die Polen haben jedoch offensichtlich Angst, in den Abwärtsstrudel der Krisenländern mit hineingezogen zu werden.

Die Entwicklung aller drei Indikatoren verläuft sehr parallel zu der Entwicklung in den Krisenstaaten. Die Verbraucher sind davon überzeugt, dass die gute polnische Wirtschaftsleistung sich nicht wird halten können, wenn sich nicht insgesamt die Lage in ganz Europa, insbesondere in Griechenland, Spanien und Italien, verbessert. Da helfen ganz offensichtlich auch hohes Wirtschaftswachstum, sinkende Arbeitslosenzahlen und steigende Löhne und Gehälter nicht viel.

BULGARIEN

Auch in Bulgarien ist die Anschaffungsneigung im letzten Quartal kontinuierlich gestiegen. Lag der Wert im März bei -7,4 Punkten, ist er bis Juni auf 8,5 Punkte gestiegen. Damit ist Bulgarien neben Österreich und Deutschland das einzige der betrachteten Länder, das einen positiven Wert aufweisen kann.

Wirtschaft hat wieder Tritt gefasst

Die bulgarische Wirtschaft hat nach den Krisenjahren 2009 und 2010 wieder Tritt gefasst und ist im vergangenen Jahr um 2,2 Prozent gewachsen. Auch im ersten Quartal dieses Jahres hat sie zugelegt – um 0,5 Prozent. Das ist kein schlechter Wert in Anbetracht der Finanzkrise. Allerdings sinken die Prognosen für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr.

Gemischte Gefühle bei Verbrauchern

Auch die Arbeitslosigkeit ist mit etwa 11 Prozent nach wie vor hoch. Diese Situation verursacht bei den bulgarischen Verbrauchern durchaus gemischte Gefühle. Für die nächsten Monate besteht jedoch Hoffnung, da Bulgarien ein zwar langsames, aber stetiges Einkommenswachstum prognostiziert wird. Das ist in Zeiten der Krise eine gute Prognose und dürfte die Verbraucher positiv stimmen.

(Ende der dreiteiligen Serie)


Hintergrund


Zur Studie

Die Ergebnisse sind ein Auszug aus der internationalen Ausweitung der Studie GfK-Konsumklima MAXX und basieren auf Verbraucherinterviews, die im Auftrag der EU-Kommission in allen Ländern der Europäischen Union monatlich durchgeführt werden. Das GfK Konsumklima Europa gibt einen Überblick über die Entwicklung von Konjunktur- und Einkommenserwartung sowie der Anschaffungsneigung der Konsumenten in Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Spanien und Tschechien. Diese zwölf Länder umfassen rund 80 Prozent der Bevölkerung der 27 EU-Staaten.

Die GfK ist eines der größten Marktforschungsunternehmen weltweit. Ihre mehr als 11.500 Mitarbeiter erforschen, wie Menschen leben, denken und konsumieren. Sie liefert in über 100 Ländern das Wissen, das Unternehmen benötigen, um ihre Kunden zu verstehen. Im Jahr 2011 betrug der Umsatz der GfK 1,37 Milliarden Euro.


Links


Bisher auf EURACTIV.de erschiene
n:

(I) Verschärfung der Bankenkrise dämpft Europas Entwicklung (17. Juli 2012) 

(II) Sogar die Griechen schöpfen ganz vorsichtig Hoffnung (18. Juli 2012) 

Weitere Informationenwww.gfk.com bzw. http://www.gfk.com/consumer_climate_europe

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