Seit Einführung der Gemeinschaftswährung waren noch nie so viele Menschen in der Euro-Zone arbeitslos. Die höchsten Quoten und die höchsten Anstiege verzeichnen Griechenland und Spanien.
Mehr als 17 Millionen Frauen und Männer waren im Februar ohne Job – 162.000 mehr als noch im Monat davor. Damit steigt die Arbeitslosenquote in der Währungsgemeinschaft auf 10,8 Prozent. Dies teilte das Statistikamt Eurostat am Montag mit. Höher lag die Rate zuletzt im April 1997 mit 10,9 Prozent.
Acht Mitgliedsstaaten verzeichneten über ein Jahr betrachtet einen Rückgang der Arbeitslosenquote und achtzehn einen Anstieg. Die höchsten Anstiege verzeichneten Griechenland (von 14,3 Prozent auf 21,0 Prozent zwischen Dezember 2010 und Dezember 2011), Spanien (von 20,6 Prozent auf 23,6 Prozent) und Zypern (von 6,7 Prozent auf 9,7 Prozent).
Ein Ende der Jobkrise ist nicht in Sicht. Experten sagen einen weiteren Anstieg voraus. Die Europäische Zentralbank (EZB) steht damit vor einem schwierigen Spagat: Konjunkturflaute und hohe Arbeitslosigkeit rechtfertigen weitere Zinssenkungen, die steigenden Preise sprechen aber dagegen.
Ökonomen zufolge wird die Arbeitslosenquote weiter anziehen. "Wir rechnen mit elf Prozent am Jahresende", sagte Raphael Brun-Aguerre von JP Morgan. "Im öffentlichen Dienst fallen Stellen weg, die Einkommen sinken, der Konsum schwächelt. Der Konjunkturausblick trübt sich damit ein und wird die Jobkrise verschärfen."
Bestätigt wird das durch die Umfrage des Markit-Instituts unter 3.000 Industriefirmen. Der dabei ermittelte Einkaufsmanagerindex fiel um 1,3 auf 47,7 Punkte und entfernte sich damit weiter von der 50-Punkte-Marke, ab der Wachstum signalisiert wird. "Zur anhaltenden Misere in den Peripherie-Ländern kommt nun auch die neuerliche Schwäche in Kernländern wie Deutschland und Frankreich hinzu", sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. Die Industrie habe sich im ersten Quartal als Wachstumsbremse erwiesen und dürfte damit eine Rezession nicht verhindert haben.
Selbst die erfolgsverwöhnte deutsche Industrie kann sich dem Abwärtstrend nicht entziehen. "Der zweijährige Jobaufbau ist damit erst einmal zum Stillstand gekommen", schrieben die Markit-Experten. Wegen der Konjunkturflaute wird weltweit zurückhaltender investiert. Das spürt die deutsche Industrie besonders, weil sie Investitionsgüter wie Maschinen und Anlagen zu ihren Verkaufsschlagern zählt.
Allerdings ist die Lage in den 17 Ländern mit der gemeinsamen Währung höchst unterschiedlich. Während die Arbeitslosigkeit in Österreich (4,2 Prozent), den Niederlanden (4,9 Prozent), in Luxemburg (5,2 Prozent) und in Deutschland (5,7 Prozent) trotz Konjunkturflaute niedrig ist, fällt die Bilanz vor allem in den südlichen Ländern wesentlich schlechter aus.
Die höchsten Arbeitslosenquoten haben Spanien (23,6 Prozent) und Griechenland (21,0 Prozent), die mit einer schweren Schulden- und Wirtschaftskrise kämpfen. Die Regierungen haben Ausgaben gekürzt, Staatsbedienstete entlassen und Steuern erhöht, um die Neuverschuldung zu drücken. Dadurch steht die Währungsunion vor einer Rezession.
Für die EZB erschwert das die Geldpolitik. Während die schwierige Lage in Krisenstaaten wie Spanien weitere Zinssenkungen rechtfertigen würde, ist der Leitzins von einem Prozent für Deutschland nach Meinung vieler Experten jetzt schon zu niedrig und kann sich in einer höheren Inflation entladen. Die hartnäckig hohe Teuerung spricht ebenso gegen billigeres Geld. Mit 2,6 Prozent liegt die Inflationsrate in der Euro-Zone schon jetzt deutlich über der Marke von zwei Prozent, bis zu der die EZB von stabilen Preisen spricht. Langfristig drohen zusätzliche Risiken, weil die Notenbank viel billiges Geld an die Banken verteilt hat, um eine Kreditklemme zu verhindern. Gelingt es ihr nicht, dieses Geld rechtzeitig wieder einzuziehen, könnte das die Preise für viele Waren nach oben treiben.
EURACTIV/rtr/dto
Links
EURACTIV Brüssel: Eurozone unemployment reaches near 15-year high (3. April 2012)
EURACTIV Frankreich: Chômage record dans la zone euro en février (2. April 2012)
Dokumente
Eurostat: Arbeitslosenquote des Euroraums bei 10,8% (2. April 2012)

