SEPA: „Politik und Banken sind in der Pflicht“

Die Entscheidung für den einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum (SEPA) ist längst gefallen. Politik, Banken und Unternehmen müssen nun den Bankkunden IBAN und BIC erklären. Foto: dpa

Interview mit Werner Strecker (Deutsche Bahn)Auf EU-Ebene werden derzeit die Feinheiten zum einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum (SEPA) verhandelt. Aus der deutschen Politik und Wirtschaft gibt es dazu heftige Kritik. Werner Strecker, Verantwortlicher für Zahlungssysteme bei der Deutsche Bahn, erläutert die Knackpunkte bei der SEPA-Umstellung.

Zur Person

" /Werner Strecker leitet den Bereich Zahlungssysteme und Electronic Banking bei der Deutschen Bahn. Strecker verantwortet damit die Umstellung des Zahlungsverkehrs auf die Vorgaben im einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum (SEPA). 


EURACTIV.de: Die Verhandlungen zur Umstellung des elektronischen Zahlungsverkehrs im einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum (SEPA) sind fast abgeschlossen. Die Deutsche Bahn ist von der SEPA-Umstellung massiv betroffen. Halten Sie die SEPA-Umstellung für sinnvoll?

STRECKER: Angesichts der auf EU-Ebene diskutierten Endtermine stellt sich die Frage nach dem Sinn einer solchen Umstellung nicht mehr. Jetzt heißt es: handeln, nicht mehr fragen. Die Jahrtausendwende oder die Euro-Bargeld-Einführung waren auch feste Termine, zu denen IT und Geschäftsprozesse umgestellt werden mussten – ob man wollte oder nicht.

Als global agierender Konzern müssen wir sicherstellen, dass wir den Zahlungsverkehr mit unseren Privatkunden und Geschäftspartnern auch nach der SEPA-Umstellung reibungslos abwickeln können. Wir haben uns daher schon frühzeitig im Jahr 2007 mit SEPA befasst. Zum offiziellen SEPA-Start im Januar 2008 haben wir eine Intranetseite gelaunched, um unsere Verantwortlichen in IT und Buchhaltung zu sensibilisieren: Leute, da kommt etwas auf uns zu, das wir uns nicht aussuchen können.

Software und IT – SEPA-ready


EURACTIV.de:
Ist die SEPA-Umstellung also nur eine Frage von Software und IT?

STRECKER: Nein. Die Software-Umstellung allein reicht nicht, sie ist aber eine wichtige Voraussetzung. Alle IT-Verfahren im Konzern müssen so angepasst werden, dass der Zahlungsverkehr nach den neuen SEPA-Vorgaben abgewickelt werden kann. Bei der Bahn gibt es etwa 1.000 IT-Verfahren. Davon haben wir am Ende einer Prüfung rund 50 IT-Verfahren mit SEPA-Relevanz identifiziert. Damit sind IT-Anwendungen gemeint, die den Zahlungsverkehr oder die dafür relevanten Stammdaten unserer Kunden und Geschäftspartner betreffen.

Bis Ende 2010 sollten alle SEPA-relevanten IT-Verfahren "SEPA-ready" sein. Das heißt: Alle Kunden- und Geschäftspartnerdaten können dann mit der internationalen Kontonummer IBAN und der internationalen Bankleitzahl BIC erfasst werden und der Zahlungsverkehr kann über das dann gültige Zahlungsformat XML abgewickelt werden. Das wäre das rein IT-technische, dazu kommen aber auch viele neue Geschäftsprozesse und vor allem die Kommunikation in Richtung unserer Kunden und Geschäftspartner.

EURACTIV.de: Und ist die Bahn jetzt SEPA-ready?

STRECKER: Noch nicht ganz. Bei einigen Verfahren muss noch nachgebessert werden. Wir liegen aber gut im Zeitplan. Der bisherige Verhandlungsstand auf EU-Ebene sieht vor, dass nationale Überweisungen noch bis Februar 2013 und nationale Lastschriftverfahren bis Februar 2014 verwendet werden dürfen. Wir wollen bei der Bahn möglichst sechs Monate vor dem offiziellen Ablaufdatum den Zahlungsverkehr auf SEPA-Verfahren umgestellt haben. Das kann nur schrittweise erfolgen. Eine gleichzeitige Umstellung aller alten Verfahren auf SEPA von einem Tag auf den nächsten funktioniert nicht. Bis dahin verbleibt aber nicht mehr viel Zeit, insbesondere in Anbetracht vieler neuer Geschäftsprozesse, wie zum Beispiel der Aufbau einer Mandatsverwaltung für Lastschriften.

Sonderstellung Deutschlands

EURACTIV.de: In Deutschland gibt es viele kritische Stimmen zu SEPA. Es ist von einer deutschen Sonderrolle im europäischen Zahlungsverkehr die Rede. Ist SEPA gut für Europa, aber schlecht für Deutschland?

STRECKER: Das Ziel einer Single Euro Payments Area (SEPA) ist sehr erstrebenswert. Auch aus dem europäischen Gedanken heraus ist SEPA sinnvoll. Wenn ich nur nationale Interessen im Auge hätte, würde ich es sicherlich anders beurteilen, wie viele Kollegen aus dem Handel oder aus der Politik das getan haben. Da fiel ja sogar das Urteil: "Das ist der größte Schwachsinn aller Zeiten" (EURACTIV.de vom 11. Mai 2011).

Deutschland hat tatsächlich eine Sonderstellung, denn hier wird seit über 30 Jahren die Lastschrifteinzugsermächtigung genutzt. Diese Zahlungsweise ist sowohl in der Form als auch im Volumen einmalig in Europa. Etwa 40 Prozent des gesamten Zahlungsverkehrs in Europa entfallen auf Deutschland. Es ist auch der größte Lastschriftmarkt in Europa. Andere Länder haben mit der EU-Verordnung keine Probleme, weil sie ein geringes Lastschriftaufkommen haben und das Verfahren selbst auch anders abwickeln. Diese Länder haben also weder mit dem Umstellungstermin ein Problem, noch mit der Migration von Einzugsermächtigungen zu SEPA-Mandaten. Doch in Deutschland müssen wir uns diesem Thema stellen – egal ob ich das persönlich gut finde oder nicht.

SEPA als politisches Projekt


EURACTIV.de:
Und finden Sie es gut?

STRECER: Es gibt ein erhebliches Verbesserungspotential.

EURACTIV.de: Was sollte verbessert werden und von wem?

STRECKER: Vor allem muss die Kommunikation besser werden. Jeder ist von SEPA betroffen. Das zeigt sich allein am Zwang, jedes Bankkonto über IBAN und BIC zu identifizieren. Den Menschen muss also erklärt werden, dass sich liebgewonnene Dinge verändern werden. Die Bundesregierung sagt, die Banken sind dafür verantwortlich. Die Banken meinen, die Bundesregierung ist verantwortlich, denn es handelt sich um ein politisches Projekt. Bisher wird die Verantwortung hin und her geschoben und wir als Unternehmen hängen irgendwo dazwischen.

Banken in der Pflicht

EURACTIV.de: Was spricht dagegen, dass die Unternehmen die Aufklärungsarbeit übernehmen?

STRECKER:
Wieso sollten wir Aufklärungsarbeit über ein Bankprodukt leisten? SEPA wurde von uns weder gewünscht noch initiiert. SEPA ist ein von der EU-Kommission initiiertes politisches Projekt, das in erster Linie die Bankensphäre betrifft und durch Standardisierung und Harmonisierung mehr Wettbewerb im Zahlungsverkehr bringen soll. Wenn jedoch Unternehmen frühzeitig auf SEPA-Verfahren, zum Beispiel bei Lastschriften, umstellen wollten, hätten diese den schwarzen Peter, Kunden und andere Geschäftspartner zu kontaktieren und zu informieren, weil Banken dies bislang nicht im ausreichenden Maße getan haben. Dabei ist es naheliegend, dass die Banken auf breiter Front ihre Kunden auf zukünftige Änderungen aufmerksam machen. Schließlich geht es hier um eine Bankdienstleistung, nämlich Zahlungsverkehr.

So könnte zum Beispiel jede Bank durch eine einfache Abfrage am Konto feststellen, welcher Kunde mit welchen Unternehmen Lastschriftverfahren nutzt. Ein Service der Banken wäre dann, ihre Kunden gezielt auf den möglichen Kontakt durch die Unternehmen wegen der Ausstellung eines SEPA-Mandates zu informieren und bei der Gelegenheit auf die Notwendigkeit für dieses neue Dokument hinzuweisen, das dann an die Stelle seiner erteilten Einzugsermächtigungen tritt.

Denkbar wäre darüber hinaus, dass die Banken auf Basis dieser Abfrage den Kunden vorausgefüllte SEPA-Mandate an die Hand geben, die dann nur noch um Gläubiger-ID und Mandatsreferenz ergänzt werden müssten. Das hätte übrigens den Vorteil, dass die Angaben zu IBAN und BIC des Kundenbankkontos aus der richtigen Quelle, nämlich von der kontoführenden Bank kommen und nicht durch mögliche fehlerhafte "IBAN-Rechner" ermittelt wurden. Zwar müssten die Unternehmen dann immer noch mit den eigenen Kunden in Kontakt treten, aber die Kommunikation wäre thematisch vorbereitet.

Nach dem jetzigen Stand der Dinge aber müssten die Unternehmen jeden Kunden anschreiben und erklären, dass die bisherige Einzugsermächtigung nicht mehr gültig sein wird und ein neues SEPA-Mandat erteilt werden muss. Da gibt es nicht nur beim deutschen Handel sehr viele Unmutsäußerungen. Die Versicherungswirtschaft hat die Kosten für die Kommunikation mit ihren Kunden auf mehrere Milliarden Euro beziffert. Schließlich müssen SEPA-Mandate von allen Stammkunden angefordert und alle bestehenden Einzugsermächtigungen ersetzt werden.

Diesen Aufwand wollen auch wir als Deutsche Bahn vermeiden. Allein im Personenverkehr haben wir etwa vier Millionen Kunden, die ein Lastschriftverfahren mit uns betreiben. Wenn wir nur etwa zehn Euro für die Kommunikation pro Kunde kalkulieren – für das Anschreiben, die Aufklärung und die Umstellung, dann kommen wir schnell auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Politik in der Pflicht


EURACTIV.de:
Und wie soll dieser Aufwand vermieden werden?

STRECKER:
Die Politik und die Banken sind in der Pflicht. Wenn jetzt aus der Politik, egal von welcher Fraktion, SEPA kritisiert wird, dann kommt das ein bisschen spät. Der Bundestag hat es bis heute versäumt, ein Gesetz zu erlassen, das es deutschen Unternehmen erlaubt, bestehende Lastschrifteinzugsermächtigungen als wirksames SEPA-Mandat anzuerkennen. Es gibt deshalb noch keine Lösung, wie die bundesweit etwa 700 Millionen Vertragsverhältnisse bezüglich Lastschriften in SEPA-Mandate übergeleitet werden können.

Die Bahn braucht aber wie alle Unternehmen eine rechtssichere Grundlage, um auch künftig mit ihren Kunden den Zahlungsverkehr auf Lastschriftbasis abwickeln zu können. Eine entsprechende Entscheidung vertagen die Politiker seit Jahren. Es gibt aber noch einen kleinen Hoffnungsschimmer: Die Banken könnten ihre Allgemeinen Geschäftsbedingungen dahingehend ändern, dass die Einzugsermächtigungen in wirksame SEPA-Mandate überführt werden. Doch das wäre eine juristisch angreifbare nationale Lösung. Es geht aber um ein paneuropäisches Zahlungsverfahren. Viele vergessen das in der gegenwärtigen Diskussion. Wir sind Teil von Europa. Wenn also irgendeine europäische Bank unsere nationale Sonderlösung nicht anerkennt, haben wir ein Problem. Dieses Restrisiko bleibt.

Telefonverkauf und E-Commerce


EURACTIV.de:
Was müssen Unternehmen bei der SEPA-Umstellung noch berücksichtigen?

Jedes Unternehmen, das Lastschriften nutzen will, braucht eine Gläubiger-Identifikationsnummer der Bundesbank. Diese Gläubiger-ID ist eine Art Genehmigung für Unternehmen, um an Lastschriftverfahren teilzunehmen und bei Kunden abbuchen zu dürfen. Dann gibt es die SEPA-Mandatsreferenz. Diese Referenznummer findet sich auf dem Kontoauszug wieder, damit jede Seite nachvollziehen kann, für welche Vertragsleistung die Lastschrift gebucht wurde.

Unternehmen werden zudem zu einer sogenannten Mandatsverwaltung verpflichtet. Ein SEPA-Lastschriftmandat ist nicht mehr unbefristet gültig, sondern verfällt, wenn über einen Zeitraum von 36 Monaten keine Lastschrift getätigt wurde. Wir brauchen also eine Software, die überprüft, ob das Mandat für die Lastschrift noch wirksam ist. Dafür gibt es in Deutschland im Prinzip noch keine Standardanwendung. Das ist ebenso eine große Herausforderung für die Unternehmens-IT.

Es gibt aber noch ein weiteres SEPA-Problem. Das bisherige SEPA-Instrumentarium ignoriert die Besonderheiten im Fernabsatz per Telefonverkauf und E-Commerce. Die geplanten Vorlauffristen bei Lastschriftverfahren entsprechen in keiner Weise dem bisherigen Geschäftsmodell beim Telefonverkauf  und beim E-Commerce. Wir fordern ein E-Mandat, damit der Zahlungsprozess wie bisher zeitgleich mit dem Buchungsprozess initiiert werden kann. Es ist ein Unding, dass man Unternehmen in eine Zahlungswelt zwingt, in der es nicht das richtige Instrumentarium für diese Geschäftsmodelle gibt. Liebe Kreditwirtschaft, da müsst ihr noch nacharbeiten!

Effizienzeffekte in dreistelliger Milliardenhöhe


EURACTIV.de:
Es gibt viele Sorgen und Probleme mit SEPA. Gibt es auch Vorteile für Bürger und Wirtschaft?

STRECKER: Die deutschen Bankkunden werden wohl kaum finanzielle Vorteile haben. Deutsche Privatkunden werden wohl nur dann von SEPA profitieren, wenn sie die sprichwörtliche Ferienwohnung auf Mallorca haben und die Abgaben nun auch über ein deutsches Konto beglichen werden können, oder Rentenbezieher im EU-Ausland sind. Für Bankkunden in Italien oder Spanien könnte es aber interessant werden. Sie könnten zu den kostengünstigeren deutschen Direktbanken wechseln.

Deutschland ist ein Niedrigpreisland bei den Bankgebühren im EU-Vergleich für Privat- und teilweise auch Geschäftskunden. Italien oder Spanien sind dagegen Hochpreisländer. Die Gebühren unterscheiden sich teilweise drastisch – mit einem Faktor 20 bis 50.

Für deutsche Unternehmen wird sich mit SEPA bezüglich ihrer in Deutschland geführten Bankkonten also wenig verändern, doch für europaweit tätige Unternehmen ist es insgesamt eine sehr gute Lösung. Dank SEPA können Privatpersonen und Unternehmen problemlos zu einer kostengünstigeren Bank innerhalb Europas wechseln. Es gibt Kalkulationen, wonach bei einer vollständigen SEPA-Umsetzung die europäische Wirtschaft Effizienzeffekte in dreistelliger Milliardenhöhe erzielen wird.

Nachholbedarf an Aufklärung


EURACTIV.de:
Unter dem Vorsitz von Deutscher Bundesbank und Bundesfinanzministerium wurde am 31. Mai der nationale SEPA-Rat gegründet. Wird nun alles gut?

STRECKER:
Mit Verlaub, aber auch hier sind die Entscheider etwas spät dran. Wenn wir uns in unserem Unternehmen seit 2007 mit der SEPA-Umstellung befassen, aber die nationalen Volksvertreter sich erst jetzt äußern und der nationale SEPA-Rat sich erst jetzt konstituiert, dann zeigt sich, welcher Nachholbedarf an Aufklärung über das SEPA-Projekt noch besteht.

Nach den Vorstellungen der SEPA-Initiatoren – EU-Kommission und Europäische Zentralbank – sollten übrigens die öffentlichen Haushalte, also Kommunen, Versorgungsträger, Renten- und Krankenversicherungen – als erstes auf das SEPA-Verfahren umstellen, damit eine kritische Masse erreicht wird. So sollte dann auch die Privatwirtschaft ins SEPA-System gezogen werden. Diese kritische Masse wurde nie erreicht. Deswegen kommt jetzt diese EU-Verordnung.

Interview: Opens window for sending emailMichael Kaczmarek

Links

Bundesbank: SEPA – Der einheitliche Euro-Zahlungsverkehrsraum

EZB: SEPA – Single Euro Payments Area

Bundestag: Koalitionsfraktionen wollen gängige Überweisungs- und Lastschriftverfahren erhalten (12. Mai 2011)

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