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Kroatien will nicht Oberlehrer des Balkans sein

Seit 1. Juli sind die Kroaten in der EU. Foto: dpa

EURACTIV.de-Interview mit Botschafter Miro Kova? (II)Es sei im Interesse Kroatiens, wenn sich die Nachbarländer auf dem Balkan Richtung EU bewegen, sagte Botschafter Miro Kovac. Das gelte auch für Serbien und Kosovo. Aber den Weg müssen diese Länder selbst gehen. Der erste Teil des Gesprächs erschien gestern auf EURACTIV.de.

Zur Person


Dr. Miro Kova?
 (44) ist seit knapp fünf Jahren Botschafter der Republik Kroatien in Berlin. Er promovierte in Geschichte der internationalen Beziehungen an der Universität Sorbonne Nouvelle (Paris III). Er spricht fließend deutsch, englisch und französisch, ist verheiratet und hat drei Kinder. Die Homepage der Botschaft: http://de.mfa.hr.

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EURACTIV.de: Die Situation in Kroatien ist sehr angespannt, die Arbeitslosigkeit sehr hoch.

KOVAC: Die Arbeitslosigkeit ist mit dem Ausbruch der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise stark gestiegen. Besonders die Jugendarbeitslosigkeit ist eine große Herausforderung – auch weil bestimmte Strukturreformen noch durchzuführen sind.

Auch hier lohnt ein Blick auf die Neuen Bundesländer. Sachsen als Musterland im Osten Deutschlands hatte im Jahre 2004 über 20 Prozent Arbeitslosigkeit, nun beträgt sie weniger als 10 Prozent. Mit einer guten Strukturpolitik kann man also gute Ergebnisse erzielen. Dasselbe wird auch uns gelingen müssen.

EURACTIV.de: Wie zum Beispiel?

KOVAC: Zum Beispiel durch das Aufbrechen von Monopolen. Das führt zu mehr Wettbewerb. Mit einer vernünftigen Strukturpolitik werden wir jedenfalls mittelfristig die Arbeitslosigkeit abbauen und eine dynamischere Wirtschaft bekommen.

EURACTIV.de: Bis das soweit ist: Werden viele junge Kroaten, wird die junge Elite nach Deutschland oder Österreich gehen?

KOVAC: Ich glaube nicht, dass wir einen großen Abzug haben werden. Aber es werden – wie auch bisher – Menschen ins Ausland gehen. Sie sollen Erfahrungen sammeln, einige werden zurückkommen. Das kann uns doch nur gut tun.

EURACTIV.de: Sind Sie sicher, dass der Schengen-Beitritt wie geplant 2015 erfolgen kann?

KOVAC: 2015 ist anvisiert. Das ist unser nächstes integrationspolitisches Ziel.

EURACTIV.de: Welche Rolle wird das EU-Mitglied für den Balkan spielen? Wird es ein Stabilitätsfaktor sein?

KOVAC: Kroatien ist ein geo- und kulturpolitisches Amphibium, das in Mitteleuropa, im mediterranen und im Balkanraum operiert. Da das kroatische Amphibium auch im Balkanraum operiert, ist es ganz klar im kroatischen Interesse, sich für die weitere "politische Europäisierung" dieses Teils Europas einzusetzen. Es liegt aber letztlich an unseren Nachbarländern selbst, sich klar in Richtung Europäische Union zu orientieren. Sie selbst müssen den Weg gehen wollen. Auf unsere Unterstützung werden sie zählen können.

EURACTIV.de: Wie positioniert sich Kroatien in den Serbien-Kosovo-Verhandlungen? Hat es eine besondere Vermittlerrolle?

KOVAC: Kroatien hat Kosovo im Jahr 2008 gemeinsam mit Bulgarien und Ungarn, zwei anderen Nachbarländern Serbiens, anerkannt. Wir wollen sowohl mit Kosovo als auch mit Serbien gut zusammenarbeiten. Und wir wünschen uns, dass das Abkommen zwischen Serbien und Kosovo implementiert wird, damit sich beide Länder in Richtung EU bewegen können.

EURACTIV.de: Wie haben die Medien in Kroatien den EU-Beitritt begleitet?

KOVAC: Eigentlich haben die Medien in Kroatien den EU-Beitritt grundsätzlich positiv begleitet.

Nationale Politik, europäisch ausgemalt

EURACTIV.de: Man vermisst in Deutschland oder in vielen Ländern der EU das Narrative, die Vision von Europa. Was ist denn Ihre Vision von Europa? Wie soll einmal das Finale aussehen?

KOVAC: Wenn ich jetzt über meine Sichtweise spreche, dann als Privatperson und nicht als Botschafter meines Landes. In Europa ist es wirklich eine große Errungenschaft, dass wir – es mag wie eine Floskel klingen – in Frieden leben, dass die Europäische Union ein Raum der Sicherheit, der Freiheit und des Rechts ist.

Ich glaube aber, dass mittelfristig weiterhin der zwischenstaatliche Ansatz – also der intergovernmental approach – dominieren wird. Natürlich wird auch der approche communautaire weiterhin wichtig sein. Ich habe nicht das Gefühl, dass in den alten Mitgliedsstaaten der EU die Politik und die Menschen bereit sind, weiter Kompetenzen an die supranationalen Institutionen der EU zu verlagern. In der Wahrnehmung der Menschen steht die nationale Politik an erster Stelle. Daher muss an dieser Schnittstelle europäisch gewirkt werden.

Die nationale Politik muss europäischer präsentiert, europäischer gefühlt, europäischer ausgemalt werden.


Der erste Teil des Interviews erschien gestern auf EURACTIV.de.
 


Interview: Vjollca Hajdari und Ewald König

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