Dijsselbloem: Austerität in Griechenland war „unvermeidlich“

Der ehemalige Eurogruppen-Präsident Jeroen Dijsselbloem. [Shutterstock]

Griechenland wird Schritt für Schritt wieder auf den Märkten Fuß fassen; mit dem Ende des Bailouts, den aktuellen Wirtschaftsprognosen und einem soliden Haushalt wird Athen seine finanzielle Unabhängigkeit zurückgewinnen, so der ehemalige Eurogruppen-Präsident Jeroen Dijsselbloem im Interview mit EURACTIVs Medienpartner, der Athens-Macedonian News Agency (AMNA).

Dijsselbloem sprach mit Christina Vasilaki von AMNA.

Sie wurden in den griechischen Medien – und nicht nur dort – oft als Hauptunterstützer der deutschen Austeritätspolitik dargestellt. Wie stehen Sie dazu?

Lassen Sie sich da nicht irreführen: Die Austeritätspolitik für Griechenland war unvermeidlich, als die Wahrheit über das Haushaltsdefizit herauskam, die Spreads in die Höhe schnellten, und niemand Griechenland mehr Geld leihen wollte. Sie war die Folge eines politischen und finanziellen Missmanagements in den Jahrzehnten vor der Krise.

Der einzige Weg, mit dem die anderen Europäer Griechenland noch Kredite anbieten wollten, war, dieses Durcheinander aufzuräumen. Das war die tatsächliche Situation. Jeder andere Vorsitzende der Eurogruppe hätte sich mit den gleichen Herausforderungen auseinandersetzen müssen.

Griechenland: Nach der Krise ist… in der Krise

Seit Montag steht Griechenland offiziell wieder auf eigenen Füßen. Athen bleibt dennoch unter strenger EU-Aufsicht. Experten zweifeln an der Kreditfähigkeit des Lands.

In Ihrem Buch schreiben Sie, das griechische Rentensystem sei einer der Punkte gewesen, der die Verhandlungen mit den Regierungen in Athen dominiert habe. Glauben Sie, dass die umgesetzten Reformen, die Einschnitte an verschiedensten Stellen brachten, alle notwendig waren? Und: Sollte die griechische Regierung Ihrer Meinung nach weiterhin diese Art der Renten- und Sozialpolitik verfolgen?

Die Schlüsselfrage ist doch, ob ein Rentensystem langfristig nachhaltig ist. Mit anderen Worten: Entspricht die Höhe der eingezahlten Beiträge auch den ausgezahlten Leistungen? Wenn nicht, dann stellt sich die Frage: Wie soll diese Diskrepanz ausgeglichen werden? Was bedeutet das für die Generationengerechtigkeit? Wie viel Steuern können Sie von der heutigen Arbeitnehmer-Generation verlangen? Wird es noch Renten für zukünftige Generationen geben?

In einer alternden Gesellschaft muss man sich diesen Problemen stellen. Nur eine Situation, in der alle ihren gerechten Anteil an den Beiträgen zahlen und alle länger arbeiten, ermöglicht Leistungen auf einem sozialverträglichen Niveau.

Eine Umkehrung dieser getroffenen Maßnahmen in Griechenland würde das Problem einfach wieder neu schaffen.

Im August endete das letzte Rettungsprogramm für Griechenland. Glauben Sie, dass das Land nun komplett an die Märkte zurückkehren kann? Und falls ja: Warum ist dies bisher noch nicht geschehen?

Der Ausstieg aus den Hilfsprogrammen, die aktuellen Wirtschaftsprognosen, ein solider Haushalt – all dies wird es Griechenland ermöglichen, seine finanzielle Unabhängigkeit zurückzugewinnen; und bei Bedarf Kredite von den internationalen Finanzmärkten anziehen.

Das ist noch nicht passiert, weil es bisher nicht nötig war. Aufgrund der sehr günstigen Konditionen für die europäischen Kredite und des Liquiditätspuffers für Notfälle besteht aktuell kein Bedarf an direkter Finanzierung. Die griechische Regierung wird im Laufe der Zeit, Schritt für Schritt, immer mehr Zugang zu den Märkten erhalten. Und die Märkte werden dann wissen wollen, ob Griechenland einen soliden wirtschafts- und finanzpolitischen Kurs beibehalten kann.

Diese Zahlen zeigen, warum Griechenland nicht gerettet ist

Heute verlässt Griechenland nach acht Jahren das Rettungsprogramm der EU. Doch das heißt nicht, dass die Kuh vom Eis ist. Einige Zahlen zur Lage des Landes.

Aus Ihrem Buch erfahren wir nicht sehr viel über die Meinungsverschiedenheiten zwischen Berlin und dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Es wird aber deutlich, dass die Haltungen dieser beiden Akteure im Laufe der Jahre bei Weitem nicht immer kongruent miteinander waren. Glauben Sie, dass die deutsche Forderung nach einer Einbeziehung des IWF in Eurogruppen-Belange am Ende wirklich im Interesse der Eurozonenmitglieder war? 

Man muss dabei bedenken: Zu Beginn [der Griechenlandkrise] hatten die Europäer keine Mittel, keine Institutionen und keine Erfahrung im Umgang mit Notfallprogrammen. Und so wurde der IWF eingeschaltet, der diese Interventionen ja überall auf der Welt durchführt.

Und der IWF war hart in seiner Haltung. Aber nicht, um Griechenland das Leben möglichst schwer zu machen, sondern um einen realistischen Blick zu schaffen: Wie schlimm sind die Probleme, und wie könnten effektive Lösungen aussehen?

Später wurde dann viel über die Tragfähigkeit der Schulden diskutiert. Und der IWF drängte die Europäer, die Schuldenlast für Griechenland zu senken. Das geschah immer wieder: Zinssätze wurden gesenkt, die Laufzeiten verlängert, Kulanzzeiträume angeboten – aber ohne dabei einafch einen Schuldenschnitt anzubieten. Möglicherweise muss in Zukunft noch mehr in diese Richtung getan werden.

Weitere Informationen

Deutschland verdient fast drei Milliarden Euro an Griechenlands Krise

Deutschland erweist sich als einer der Hauptnutznießer der Schuldenkrise Griechenlands: Zwischen 2010 und 2017 wurden durch Zinsgewinne insgesamt 2,9 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Griechenland weiter im Fokus von EU und IWF

Griechenlands internationale Geldgeber wollen die Regierung in Athen auch nach dem baldigen Ende des Rettungsprogramms auf Reformkurs halten.

10 Jahre nach Krisen-Ausbruch: Dunkle Wolken über der EU

Zehn Jahre nach Lehmann Brothers kämpft die EU mit Streitigkeiten zwischen Rom und Brüssel, dem Handelskrieg mit den USA sowie politischen Dauerbrennern wie dem Brexit und Migrationsfragen.

Subscribe to our newsletters

Subscribe