Transport und Verkehr im Herbst: Emissionen und das „Jahr der Schiene“

EURACTIV.com bietet einen Überblick über die zu erwartenden Entwicklungen in den kommenden Monaten - beispielsweise in der Verkehrspolitik. [Photo: Shutterstock]

Der Verkehrssektor der EU wurde von der durch das Coronavirus ausgelösten Krise besonders hart getroffen. Nun stehen bis Ende des Jahres weitere, möglicherweise einschneidende Entscheidungen und Entwicklungen an.

Insbesondere treten neue EU-weite und globale Zielvorschriften in Kraft, während neue Technologien ihre Eignung unter Beweis stellen müssen.

Auf den Straßen

Verbindliche CO2-Emissionsziele für Pkw und Kleintransporter sollen dieses Jahr erreicht werden. Die Hersteller müssen einen durchschnittlichen Flottenemissionswert von 95 g pro Kilometer einhalten, ansonsten drohen gegebenenfalls erhebliche Geldstrafen.

Einige Firmen haben den Verkauf von Elektrofahrzeugen angekurbelt, um ihre Emissionen zu senken, während andere wie Fiat-Chrysler Vereinbarungen mit Spezialisten wie Tesla geschlossen haben. Der CO2-Ausstoß war 2019 allerdings in die Höhe geschnellt, was darauf hindeuten dürfte, dass einige Autohersteller es nicht rechtzeitig schaffen werden, die Ziele zu erreichen.

Schon zu Beginn der Coronavirus-Pandemie hatte die Auto-Lobby daher bei der Europäischen Kommission eine Fristverlängerung gefordert und dabei auf den negativen Effekt der Pandemie auf die Autoverkäufe verwiesen. Dieser Wunsch wurde von der Exekutive jedoch umgehend zurückgewiesen.

Der Berichtszeitraum für die bald folgenden strengeren EU-Ziele bis 2030 beginnt Ende des Jahres. Als Teil ihres Green Deal hat die Kommission nahegelegt, dass die Umsetzung der Ziele auch schon vorzeitig überprüft werden könnte – beispielsweise 2025 – um somit mehr zum ökologischen Fortschritt der EU beizutragen. Die verbleibenden Monate im Jahr 2020 dürften in dieser Hinsicht mehr Licht ins Dunkel bringen.

EU-Parlament will striktere CO2-Ziele für die Autoindustrie

Das EU-Parlament hat für ein CO2-Reduktionsziel von 40 Prozent für Leichtfahrzeuge bis 2030 gestimmt. Dieses Ziel dürfte für schwierige Gespräche mit den EU-Staaten sorgen.

Derweil ist das Radfahren während der Pandemie populärer geworden. Stadtverwaltungen in ganz Europa haben neue Einrichtungen und Infrastruktur wie Radwege bereitgestellt. Es bleibt abzuwarten, ob es sich dabei um eine kurzlebige Modeerscheinung oder doch um eine langfristige Entwicklung handelt. Die Benelux-Länder haben die EU und alle Mitgliedstaaten jedenfalls bereits aufgerufen, das Radfahren zu einem Pfeiler jeglicher Konjunkturplanung nach der coronavirusbedingten Krise zu machen.

Eine umfassende, nachhaltige Mobilitätsstrategie – als „Verkehrssäule“ des Green Deal der EU angekündigt – befindet sich derzeit noch in der Planungsphase bei der Kommission. Sie soll im vierten Quartal veröffentlicht werden.

In der Luft

Die Fluggesellschaften sind von den Virus-Auswirkungen schwer betroffen und wurden von europäischen Regierungen mit jetzt schon mehr als 30 Milliarden Euro gerettet. Die langfristigen Erschütterungen, die durch die Flugausfälle verursacht wurden und weiterhin werden, sind noch nicht abzusehen. Weitere Firmenpleiten sind trotz staatlicher Beihilfen nicht auszuschließen.

Auch das Thema Fluggastrechte steht nach wie vor im Fokus: Die Kommission hat einer Reihe von EU-Ländern, die es versäumt haben, dafür zu sorgen, dass die Airlines den Ticketinhabern ihre Flugscheine rechtzeitig zurückerstatten, mit rechtlichen Schritten gedroht. Ob diese Warnung tatsächlich Auswirkungen hat und die Fluggesellschaften die Ticketinhaber angemessen entschädigen, wird sich noch zeigen.

Derweil wird die europäische Flugsicherheitsbehörde zu entscheiden haben, ob der aktuell nicht startberechtigte Flugzeugtyp 737 MAX von Boeing erneut für den Flugverkehr zugelassen werden soll.

Eine Wiederzulassung in den USA scheint näher zu rücken. Die EU-Aufsichtsbehörde beabsichtigt jedoch, ihre eigenen Testflüge durchzuführen – ein Novum in der etablierten Zusammenarbeit zwischen den europäischen und US-amerikanischen Luftfahrtbehörden.

Boeing stellt Produktion der 737 MAX ein

Boeing stellt ab Januar die Produktion einer Maschine vorübergehend ein, nachdem bei zwei Abstürzen von Passagiermaschinen dieses Typs insgesamt 346 Menschen ums Leben gekommen waren.

Auf der Schiene

2021 ist von den EU-Institutionen als „Jahr der Schiene“ ausgerufen worden. Die Vorbereitungen dafür dürften in der zweiten Hälfte dieses Jahres gut vorankommen. Weitere Absichtserklärungen von der Kommission, dem Parlament und dem Rat sind in den kommenden Wochen und Monaten zu erwarten.

Nachtzüge und (internationale) Hochgeschwindigkeitsverbindungen haben in den vergangenen Monaten ein gewisses „Revival“ erlebt. Im Konkurrenzkampf auf der Kurzstrecke mit dem Flugzeug könnten die Züge neben dem aktuellen „Virus-Bonus“ auch von schnelleren Verbindungen profitieren.

Zug vs. Flug: Vorteil für die Schiene?

Die Nachfrage nach Bahnreisen in Europa wird im kommenden Jahrzehnt deutlich steigen, so eine neue Analyse, die auf eine „neue Wertschätzung“ der Öffentlichkeit für saubere Luft und Klimaschutz als Folge des Coronavirus-Ausbruchs hinweist. Hauptverlierer dürften die Airlines sein.

Inzwischen haben 25 EU-Staaten eine Erklärung unterzeichnet, mit der mehr Kooperation in Bezug auf internationale Bahnverbindungen gefordert wird. Ob es sich dabei letztendlich nur um Wunschdenken handelt oder ob konkrete Maßnahmen folgen, dürfte sich im weiteren Verlauf des Jahres zeigen.

Derweil waren die Verhandlungen über eine Aktualisierung der EU-weiten Fahrgastrechte im Schienenverkehr vor der Sommerpause unter der kroatischen Präsidentschaft ins Stocken geraten. Sie sollen nun unter der deutschen Präsidentschaft wieder aufgenommen werden. Heikle Themen wie Entschädigung und barrierefreier Zugang sind dabei aber weiterhin bestehende Probleme auf dem Weg zu einer endgültigen Einigung.

Auf dem Wasser

Die EU-Stellen werden künftig auch darüber verhandeln, wie der Schifffahrtssektor in den CO2-Markt des Blocks (das Emissionshandelssystem ETS) eingebunden werden könnte. Scheinbar genießt die Idee, Schiffe in Europa für ihre CO2-Verschmutzung bezahlen zu lassen, wachsende Popularität in der EU-Politik.

Die EU-Parlamentsabgeordneten werden nach der Sommerpause im Plenum über einen Berichtsentwurf der Grünen-Abgeordneten Jutta Paulus abstimmen, die dann mit der Kommission und dem Rat Gespräche darüber aufnehmen soll, wie eine derartige Ausweitung des Emissionshandelssystems erreicht werden kann. Der letztendliche Zeitrahmen wird davon abhängen, ob die Mitgliedstaaten darauf bestehen, dass die Kommission eine neue, relativ zeitaufwändige Folgenabschätzung vorlegt, und wie komplex die gewählte Methodik am Ende sein wird.

Auch innerhalb der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) werden die Gespräche über den globalen Status der Schifffahrt und darüber, wie der Sektor seinen ökologischen Fußabdruck verringern kann, fortgesetzt. Aufgrund der Pandemie dürften diese internationalen Treffen jedoch für den Rest des Jahres lediglich im virtuellen Format stattfinden.

Zahlen auch Schiffe bald für ihre Emissionen?

Die Schifffahrt verursacht in der EU so viele Treibhausgase wie ganz Belgien. Trotzdem bislang existieren keine EU-Ziele für deren Reduktion. Eine grüne Abgeordnete möchte das nun ändern und fordert unter anderem, die Schifffahrt in den Emissionshandel aufzunehmen.

In der Zwischenzeit könnten innovationsfreudige Logistikunternehmen und Reedereien in den kommenden Monaten außerdem neue Informationen zu ihren technologischen Fortschritten geben, beispielsweise im Bereich wasserstoff- oder ammoniakbetriebene Schiffe.

Die EU-Kommission wird außerdem über den jüngsten Versuch, einen neuen „European Champion“ zu schaffen, entscheiden: Es geht um die Übernahme und Fusion von zwei der größten europäischen Schiffbauer.

Im Weltraum

Der Europäischen Weltraumagentur (ESA) wurde im vergangenen Jahr von den Mitgliedsländern ein Budget zugestanden, das sogar größer war als ursprünglich beantragt. Im Gegensatz dazu musste sie aber bei der Vereinbarung der EU-Regierungschefs über den nächsten mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) Kürzungen hinnehmen.

Größeres Budget hin oder her: Die Europäische Kommission will die Weltraumpolitik vorantreiben. Das bestätige Kommissar Thierry Breton, der bereits langfristig prüft, wo und wie Europa in diesem Sektor eine Führungsrolle übernehmen könne.

Arianespace – die Firma, die die Trägerraketen baut, mit denen die ESA Satelliten in die Erdumlaufbahn bringt – wollte ihr neues Raumfahrzeug, die Ariane 6, eigentlich noch in diesem Jahr auf den Markt bringen. Wegen der Pandemie wurde der Programmstart jedoch auf Anfang 2021 verschoben.

Nachdem es der US-amerikanischen Firma SpaceX als erstem Privatunternehmen gelungen ist, Astronauten ins All zu befördern, dürfte es spannend werden, wie die europäische Seite reagiert. Gegebenenfalls könnte die ESA versuchen, eigenständige und von den USA unabhängige Trägerkapazitäten aufzubauen.

SpaceX: Europa darf mitmachen

Ein Astronaut der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) wird Teil der Crew einer SpaceX-Rakete, die im Frühjahr 2021 zur Internationalen Raumstation ISS fliegen wird. Es ist das erste Mal seit 2011, dass ein Europäer ohne Kooperation mit russischen Partnern ins All fliegt.

In den Forschungslabors

Die verkehrsbedingten Treibhausgasemissionen nehmen weiterhin zu, und angesichts der Klimaschutzverpflichtungen der EU ist es dringend notwendig, diesen Trend umzukehren. Technologische Fortschritte sollen die Hauptwaffe in diesem Kampf sein.

Im Straßenverkehrssektor erobern Elektrofahrzeuge nach wie vor immer größere Marktanteile. Die Verkäufe werden bis zum Jahresende wohl weiter steigen, prognostizieren Branchenkenner.

Die kürzlich veröffentlichte EU-Wasserstoffstrategie zielt darüber hinaus darauf ab, die Einführung dieses Kraftstoffs in herausfordernden Bereichen wie dem Schwerlastverkehr zu fördern. Möglicherweise signalisieren einige Länder bis zum Jahresende ihr Interesse, in diese Technologie zu investieren.

Auch die Batterietechnologie wird wahrscheinlich weiterhin debattiert werden. Es ist zu erwartet, dass die Kommission ein von mehreren Mitgliedsstaaten geschnürtes Milliarden-Investitionspaket unterzeichnen wird, das speziell auf den Bau von Fabriken und die Förderung von Forschung und Entwicklung abzielt. Die EU-Exekutive wird außerdem eine Überprüfungsphase der Batterierichtlinie des Blocks einleiten, die von den Herstellern als entscheidend für die Verbesserung von Recycling und Wiederverwendung der Akkus angesehen wird.

Eine Überprüfung der Regeln des Blocks für erneuerbare Energien steht ebenfalls kurz bevor: Die Kommission hat eine Feedback-Periode eröffnet, die bis Ende September läuft. Eine rasche Aktualisierung könnte sich auf den Verkehr (sowie andere Bereiche wie Heizung und Kühlung von Gebäuden) konzentrieren.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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