Verwendung von Antibiotikum Colistin wird zum Streitpunkt in der EU

Der unangemessene Gebrauch von Antibiotika sowie eine unzureichende Infektionsprävention und -kontrolle in Krankenhäusern sind die Hauptursachen für die zunehmende Resistenz gegen antimikrobielle Mittel. [goodluz / SHUTTERSTOCK]

Die EU-Abgeordneten sträuben sich weiter gegen die Haltung der EU-Kommission zum umstrittenen Antibiotikum Colistin. In Brüssel ist man uneins über eine Liste der antimikrobiellen Mittel, die für die menschliche Anwendung vorbehalten werden sollen.

In der Sitzung des Gesundheitsausschusses des EU-Parlaments am Mittwoch (11. Mai) diskutierte die EU-Kommission erneut über die Liste der antimikrobiellen Mittel, die für die menschliche Anwendung vorbehalten werden sollen.

Abgeordnete aus dem gesamten politischen Spektrum hatten zuvor ihre Kritik an der vorgeschlagenen Liste geäußert. Die Einwände der Parlamenterier:innen sind vielfältig, doch ein bestimmtes Mittel ist zum besonderen Zankapfel geworden: Colistin.

Bei der Sitzung sprach die stellvertretende Generaldirektorin der Generaldirektion Gesundheit der Kommission, Claire Bury, das spezifische Problem direkt an.

Wie EURACTIV berichtete, enthalten die Empfehlungen der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) dazu, welche Antibiotika „für die Behandlung bestimmter Infektionen bei Menschen vorbehalten werden sollen“, nicht das Mittel Colistin, das zur Behandlung von Infektionen wie Lungenentzündung verwendet wird.

„Ich möchte betonen, dass die Verkäufe von Polymyxinen [antimikrobielle Mittel wie Colistin] zwischen 2011 und 2018 bereits um 70 Prozent zurückgegangen sind“, erklärte Bury den Abgeordneten.

Sie wies auch darauf hin, dass Empfindlichkeitstests – Tests zum Nachweis einer möglichen Arzneimittelresistenz – auf Colistin bei Bakterien von Nutztieren seit 2014 Pflicht sind.

„In den letzten Jahren wurde die Verwendung von Colistin zur oralen Einnahme eingeschränkt, es ist nicht mehr für den allgemeinen Gebrauch oder für andere als durch E.coli verursachte Infektionen zugelassen“, sagte sie.

„Außerdem sieht die Tierarzneimittelverordnung die Möglichkeit vor, dass die Mitgliedstaaten die Verwendung von Colistin weiter einschränken können. Einige Mitgliedstaaten haben das getan, in anderen wird es überhaupt nicht mehr verwendet“, fügte sie hinzu.

Nach Ansicht von Bury ist die EU in Bezug auf Colistin auf dem richtigen Weg. Die Kommissionsbeamtin bekräftigte die Einschätzung der Europäischen Arzneimittelagentur, dass Colistin für ernsthafte, lebensbedrohliche Infektionen bei Nutztieren mit hoher Sterberate zur Verfügung stehen müsse.

„Colistin kann noch nicht völlig [von der Nutzung bei Tieren] ausgeschlossen werden. Die Kommission unterstützt voll und ganz die Notwendigkeit, den Einsatz von Colistin zu reduzieren und so weit wie möglich einzuschränken“, sagte Bury.

Trotz der Klarstellungen zeigten sich die Abgeordneten weiterhin unzufrieden mit der Liste.

„Nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten sterben jedes Jahr 33.000 Menschen [aufgrund von antimikrobieller Resistenz] (…). Ich bin nach wie vor nicht davon überzeugt, dass die Liste gut genug ist, wenn Colistin nicht auf der Liste steht“, sagte der EU-Abgeordnete Peter Liese von der Europäischen Volkspartei (EVP).

Das EU-Parlament hatte bereits zuvor gefordert, sich an der WHO-Liste der „wichtigsten antimikrobiellen Mittel für die Humanmedizin“ zu orientieren, die auch Colistin umfasst.

„Wir haben bereits unsere Unzufriedenheit über die EMA-Empfehlung zur Festlegung der Kriterien für die Ausweisung von für den Menschen bestimmten antimikrobiellen Mitteln zum Ausdruck gebracht. Nun hat die Kommission jedoch beschlossen, die Liste zu übernehmen und keine einzige Änderung vorzunehmen. Die Enttäuschung ist somit, wie Sie sich vorstellen können, noch größer“, sagte die sozialdemokratische EU-Abgeordnete Sara Cerdas.

Einige Länder schaffen es ohne Colistin

„Colistin hat in der Humanmedizin so große Bedeutung erlangt, weil es eines der letzten Mittel ist, das Menschen tatsächlich helfen kann. Und jetzt sagt die Kommission, dass wir in der Tiermedizin nicht darauf verzichten können. Warum ist es dann in Dänemark und den Niederlanden möglich?“, fragte der grüne EU-Abgeordnete Martin Häusling.

„Das sind Länder, in denen es nicht gerade an intensiver Landwirtschaft mangelt, und sie schaffen es, darauf zu verzichten“, fügte er hinzu.

Als Antwort auf Häuslings Frage räumte Bury ein, dass die Kommission noch einige Mitgliedstaaten untersuchen müsse, die Colistin nicht mehr verwenden, während andere dies noch tun.

„Offensichtlich gibt es einige Mitgliedstaaten, die der Meinung sind, dass sie es bereits verbieten können. Die Arbeit der EMA hat jedoch gezeigt, dass ein vollständiges Verbot nicht möglich ist, da es immer noch Länder gibt, die Zugang zu Colistin benötigen“, erklärte Bury und versprach, die Gründe dafür zu untersuchen.

„Wir glauben, dass die wissenschaftlichen Empfehlungen gültig sind und dass wir uns auf die wissenschaftlichen Empfehlungen stützen müssen. Natürlich gibt es unterschiedliche wissenschaftliche Ansichten, aber das ist das Ergebnis eines Prozesses, der viel Zeit, Mühe und Arbeit gekostet hat und an dem eine Reihe von Tierärzten und Ärzten beteiligt waren“, sagte Bury.

EU-Arzneimittelagentur reserviert Antibiotika für Anwendung bei Menschen

Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat einen Leitfaden mit einer Liste von antimikrobiellen Mitteln erstellt, die zur Bekämpfung der antimikrobiellen Resistenz ausschließlich für Menschen reserviert werden sollten. Colistin wurde jedoch nicht in die Liste aufgenommen.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]

Subscribe to our newsletters

Subscribe