Studie: Über eine Million Todesfälle jährlich wegen Antibiotikaresistenzen

Der Missbrauch und die übermäßige Verwendung von Antibiotika in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass einige Bakterien eine antimikrobielle Resistenz entwickelt haben. Das bedeutet, dass Antibiotika an Wirksamkeit verlieren und Infektionen im Organismus fortbestehen. [SHUTTERSTOCK/Jarun Ontakrai]

Schätzungsweise 1,2 Millionen Todesfälle weltweit im Jahr 2019 sind auf antibiotikaresistente bakterielle Infektionen zurückzuführen. Dies geht aus einer neuen Studie hervor, die am Mittwoch (19. Januar) veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler:innen fordern mehr Investitionen und eine bessere Nutzung der vorhandenen Antibiotika.

Die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte Analyse, die die globalen Auswirkungen der antimikrobiellen Resistenz (AMR) untersucht, ergab, dass AMR im Jahr 2019 mehr als 1,2 Millionen Todesfälle verursachte. Außerdem spielten antimikrobiell resistente Infektionen eine Rolle bei fast 5 Millionen weiteren Todesfällen.

„Frühere Schätzungen gingen von 10 Millionen jährlichen Todesfällen aufgrund antimikrobieller Resistenzen bis zum Jahr 2050 aus, aber wir wissen jetzt mit Sicherheit, dass wir bereits viel näher an dieser Zahl sind, als wir angenommen haben“, sagte Studien-Koautor Professor Chris Murray vom Institute for Health Metrics and Evaluation an der University of Washington.

Die Ergebnisse zeigen, dass „AMR jetzt eine der führenden Todesursachen weltweit ist, höher als HIV/AIDS oder Malaria“, so eine Presseerklärung von The Lancet. Schätzungen zufolge haben HIV/AIDS und Malaria im Jahr 2019 860.000 beziehungsweise 640.000 Todesfälle verursacht.

Einigen Expert:innen zufolge werden vergleichsweise wenig Mittel in die Forschung zu AMR investiert.

So eklärte Ramanan Laxminarayan vom Center for Disease Dynamics, der nicht an der Studie beteiligt war, dass HIV jährlich fast 44 Milliarden Euro an Forschungsgeldern anziehe, während „die weltweiten Ausgaben für die Bekämpfung der Antibiotikaresistenz wahrscheinlich weit darunter liegen.“

Der Missbrauch und die übermäßige Verwendung von Antibiotika in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass einige Bakterien eine antimikrobielle Resistenz entwickelt haben. Das bedeutet, dass Antibiotika an Wirksamkeit verlieren und Infektionen im Organismus fortbestehen.

Dies hat zur Folge, dass zuvor leicht behandelbare Infektionen – wie Infektionen der unteren Atemwege oder der Blutbahn – nun für Tausende von Menschen tödlich enden, weil die Bakterien gegen die Behandlung resistent geworden sind.

Die Studie umfasste 23 krankheitsverursachenden Organismen, und ergab, dass deren Arzneimittelresistenz allein bei sechs Bakterien direkt zu fast 930.000 Todesfällen führte und mit über 3,5 Millionen Todesfällen in Verbindung gebracht wurde.

Resistenzen gegen Fluorchinolonantibiotika und Beta-Lactam-Antibiotika wie Penicilline, die oft als erste Option Bekämpfung schwerer Infektionen angesehen werden, waren für über 70 Prozent der Todesfälle verantwortlich, die auf AMR zurückzuführen sind.

Murray sagte, diese neuen Daten seien ein „klares Signal, dass wir jetzt handeln müssen, um die Bedrohung zu bekämpfen“.

Um dem entgegenzuwirken, riefen die Forscher:innen dazu auf, die Maßnahmen zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen zu stärken. Zu diesem Zweck sollten die Maßnahmen zur Infektionskontrolle verbessert, der Einsatz der vorhandenen Antibiotika optimiert und mehr Mittel für die Entwicklung neuer Antibiotika und Behandlungen bereitgestellt werden.

„Wir müssen diese Daten nutzen, um den Kurs zu korrigieren und Innovationen voranzutreiben, wenn wir im Wettlauf gegen antimikrobielle Resistenzen die Nase vorn haben wollen“, sagte Murray.

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Weltweite Unterschiede

Die Studie ergab, dass die höchste altersübergreifende Rate an Todesfällen, die auf Antibiotikaresistenzen zurückzuführen sind, in afrikanischen Regionen zu verzeichnen war. Innerhalb Europas wurden die meisten Todesfälle in Osteuropa beobachtet, während die niedrigste Rate im Westen zu verzeichnen war.

„Da die Resistenzen je nach Land und Region so stark variieren, ist eine Verbesserung der weltweiten Datenerfassung von entscheidender Bedeutung, um die Resistenzentwicklung besser verfolgen zu können und Ärzten und politischen Entscheidungsträger:innen alle notwendigen Informationen bereitzustellen“, so die Mitautorin der Studie, Professor Christiane Dolecek.

Dies werde dazu beitragen, die „dringlichsten Herausforderungen im Zusammenhang mit antimikrobiellen Resistenzen anzugehen.“

In der Studie wird deutlich, dass Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen am stärksten betroffen sind, obwohl auch Länder mit höherem Einkommen ein alarmierend hohes Maß an AMR aufweisen.

„Wir haben erhebliche Datenlücken in vielen Ländern mit niedrigem Einkommen festgestellt, was die Notwendigkeit unterstreicht, die Laborkapazitäten zu erhöhen und die Datenerfassung in diesen Ländern zu verbessern“, sagte Dolecek.

Die Studie zeigt ferner, dass unter allen Altersgruppen Kleinkinder am stärksten gefährdet sind. Etwa jeder fünfte Todesfall, der auf AMR zurückzuführen ist, tritt bei Kindern unter fünf Jahren auf.

Die Gesundheitskommissarin der Europäischen Kommission, Stella Kyriakides, hat die Bedrohung durch AMR anerkannt und erklärt, die EU-Exekutive plane eine Reihe von Maßnahmen, um dem entgegenzuwirken.

Unsere „Farm to Fork“-Strategie zielt darauf ab, den Verkauf von antimikrobiellen Mitteln für Nutztiere und rückständige Kulturen in der EU bis 2030 zu halbieren“, sagte Kyriakides kürzlich vor dem Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments.

[Bearbeitet von Frédéric Simon]

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