Von COVID, Medien und anti-asiatischem Rassismus

„Die COVID-19-Pandemie hat eine Zunahme rassistischer und fremdenfeindlicher Vorfälle gegen Menschen (vermeintlich) chinesischer oder asiatischer Herkunft ausgelöst," so ein EU-Bericht. [Shutterstock/Zephyr_p]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Die Medienwelt und Anti-Diskriminierung: Wird genug getan?

Mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie sind Diskussionen über Rassismus, insbesondere über antiasiatischen Rassismus, wieder in den Fokus der Medien gerückt. Vor allem online breitet sich der Hass gegen asiatische (bzw. potenziell asiatisch aussehende) Menschen aus.

Als sich die Epidemie Anfang des Jahres auch über die Grenzen Chinas hinaus verbreitete, begannen diverse rechte Politiker – allen voran der scheidende US-Präsident Donald Trump – und einige Medien den Begriff „chinesisches Virus“ zu verwenden.

Schon kurze Zeit später, während der ersten Lockdowns in Europa, stellte die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) in einem Bericht fest, dass die Zahl der registrierten rassistischen Übergriffe auf Menschen asiatischer Abstammung in der EU sprunghaft angestiegen war.

„Die COVID-19-Pandemie hat eine Zunahme rassistischer und fremdenfeindlicher Vorfälle gegen Menschen (vermeintlich) chinesischer oder asiatischer Herkunft ausgelöst. Dazu zählen verbale Beleidigungen, Belästigung, physische Angriffe und Online-Hassrede,“ heißt es in dem Bericht.

Darüber hinaus hätten diese Bevölkerungsgruppen teilweise auch beim Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen Diskriminierung erfahren.

Coronavirus-Auswirkungen: Verstärkter Rassismus gegenüber Asiaten

Im Zuge der Coronavirus-Pandemie ist in der EU die Zahl der registrierten Fälle rassistischer Übergriffe auf Menschen chinesischer oder asiatischer Abstammung sprunghaft angestiegen.

Bereits Ende Januar beschwerte sich eine asiatisch-stämmige Frau in Frankreich in einem anonymen Posting auf Facebook, die Gesundheitskrise habe verbale und physische Angriffe gegen „asiatisch geprägte“ Menschen verstärkt. Diese würden gemeinhin als „Chinesen“ identifiziert und mit dem Virus in Verbindung gebracht.

Zur gleichen Zeit löste die Lokalzeitung Le Courier Picard in Frankreich einen Aufschrei aus, als sie die reißerisch sowie offen rassistische Schlagzeile Alerte jaune („Gelber Alarm“) zusammen mit dem Bild einer Chinesin mit Schutzmaske verwendete.

Sie löste die Social-Media-Kampagne #JeNeSuisPasUnVirus [bzw. später auch #IAmNotAVirus sowie #IchBinKeinVirus] aus.

Viele Medien machen mit

Doch obwohl zahlreiche Menschen bereits über Feindseligkeiten und Diskriminierung berichteten, die sie im Zusammenhang mit COVID-19 erlebt hatten, produzierten viele Medien weiterhin antiasiatische Stereotypen.

Die deutsche Organisation Korientation sammelt seit April Beispiele derartiger diskriminierender Medienberichte, während Belltower.news dies schon seit Februar tut.

„Mediale Berichterstattung ist nicht unschuldig,“ betont Korientation auf seiner Website. Die Organisation appelliere daher „an die Verantwortung aller Medienschaffenden, diskriminierungssensibel, differenziert und selbstreflexiv zu arbeiten und Menschengruppen nicht zu stigmatisieren.“

Denn: „Bilder wecken Assoziationen, Sprache schafft Wirklichkeit und Worte führen zu Taten.“

Corona-Rassismus: "Es geht um Leib und Leben"

Als sich Anfang des Jahres das Coronavirus auszubreiten begann, entwickelte sich gleichzeitig eine zweite Pandemie: Die des Corona-Rassismus. Rechtsextremismusforscherin Judith Rahner spricht mit EURACTIV Deutschland über die Flexibilität und Anschlussfähigkeit der rassistischen Erzählungen an jahrhundertealte Vorurteile.

Gleichzeitig könnte der zunehmende Rassismus gegen Asiatinnen und Asiaten während der Pandemie in gewisser Weise jedoch auch zu verstärkter Sensibilisierung für Diskriminierung führen.

„Massenmedien müssen hier eigentlich nur ihren Job machen: Berichten, was ist,“ betont der Medienforscher Joachim Trebbe von der Freien Universität Berlin gegenüber EURACTIV.com auf die Frage, welche Konsequenzen die Medienbranche aus den Vorfällen ziehen sollte.

Oftmals sei dies auch geschehen: „Die Diskriminierung der asiatischen Länder und ihrer Regierungen – insbesondere China als angeblich verschwörerischer Urheber der Pandemie – durch den amerikanischen Präsidenten etwa musste mit Fakten konfrontiert werden. Dies ist auch geschehen und hat erstens diese Verschwörungstheorie desavouieren geholfen, sowie zweitens die Behauptungen von Trump als rassistisch und diskriminierend entlarvt,“ so Trebbe weiter.

Hate Speech im Internet

In den Ergebnissen des FRA-Berichts wurde derweil betont: Was in den sozialen Medien auftaucht, ist häufig ein Spiegelbild dessen, was in der realen Welt bereits vorgelebt wurde.

In den USA wurde in Untersuchungen des Digital Forensics Lab des Think-Tanks Atlantic Council tatsächlich festgestellt, dass es eine erhebliche Zunahme von Social-Media-Beiträgen gab, in denen Trigger-Begriffe wie „chinesischer Virus“ verwendet wurden, nachdem derartige Begriffe in Pressekonferenzen von US-Politikern oder in Nachrichtensendungen verwendet worden waren.

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Die Social-Media-Plattformen Twitter, Instagram, Facebook und TikTok prüfen daher seit Beginn des COVID-19-Ausbruchs intensiv ihre Seiten auf Desinformation und Fake News.

In vielen Fällen begannen sie mit der Anzeige von Trigger-Warnungen und versuchten sicherzustellen, dass verlässliche Informationsquellen zu COVID-19 in den Feeds oder Suchanfragen der User eher angezeigt wurden.

Zur Frage, ob die klassischen Medien als Katalysatoren für Rassismus in sozialen Medien angesehen werden könnten – oder doch eher umgekehrt – erklärt Trebbe, soziale Netzwerke würden in der Tat „immer mehr zur Instanz für die Tagesordnung der konventionellen Massenmedien“.

In diesem Fall würde er jedoch nicht von „Katalysatoren“ sprechen: „Eher von einem Brennglas-Effekt.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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