„Verrückte“, „Fischweib“: Sexismus im französischen Politik-Alltag

"Eine weibliche Politikerin zu sein, bedeutet, jeden Tag sexistische Beleidigungen zu erleben," sagte die französische Europaabgeordnete Manon Aubry. [olrat/Shutterstock]

Die französische Parlamentsabgeordnete Mathilde Panot von der linken La France Insoumise ist am vergangenen Dienstag (2. Februar) von männlichen Kollegen sexistisch beleidigt worden. Es ist lediglich der jüngste Vorfall in einer Reihe sexistischer Attacken gegen Politikerinnen in Frankreich.

Die Beleidigungen fielen, als die Abgeordnete für die Region Val-de-Marne in der Debatte über die Verlängerung des gesundheitspolitischen Ausnahmezustands sprechen wollte. In einem Video der Debatte vom Dienstagabend, das Panot auf Twitter veröffentlichte, kann man hören, wie Pierre Henriet von der liberalen LRM sie als „das Fischweib“ bezeichnet. Eine andere männliche Stimme ruft: „Das ist die Verrückte.“

Die Abgeordnete wehrte sich gegen die Aussagen und sendete am Mittwoch einen Brief an den Präsidenten der Nationalversammlung, mit der Bitte um Sanktionsmaßnahmen gegen Henriet.

Henriet selbst entschuldigte sich kurze Zeit später per Twitter halbherzig für seine Kommentare, betonte dabei aber auch, diese seien seiner Meinung nach „in keiner Weise eine Beleidigung, geschweige denn sexistisch“ gewesen.

Der rechte Hass auf Frauen

Antifeminismus wird von der Politik bislang wenig wahrgenommen. Dabei kann er wie eine Einstiegsdroge für extrem rechtes Gedankengut wirken – und sogar tödlich enden. Experten warnen vor Verharmlosung.

Die Betroffene sieht das anders: In einer Videobotschaft für die Website Brut erinnert Panot daran, „dass diejenigen, die für die politische Teilhabe von Frauen kämpften, schon vor mehr als 200 Jahren als Fischweiber bezeichnet wurden.“

Es sei eine „nicht hinnehmbare“ Beleidigung, so die Abgeordnete weiter. Henriets Äußerung sei ihrer Ansicht nach auf den „alltäglichen Sexismus zurückzuführen, der das Leben aller Frauen in diesem Land prägt“. Panot weiter: „Wenn wir das sogar in der Nationalversammlung akzeptieren, dann stellen wir einen Blankoscheck aus.“

„Kultur der Frauenverachtung“ in der französischen Politik

Der Eklat am Dienstag ist bei weitem kein Einzelfall. „Eine weibliche Politikerin zu sein, bedeutet, jeden Tag sexistische Beleidigungen zu erleben,“ sagte die französische Europaabgeordnete Manon Aubry (GUE/NGL) in Reaktion auf die gegen Panot gerichteten Zwischenrufe.

Dies sei „bei Weitem nicht der erste Vorfall sexistischer Beleidigung in der Nationalversammlung“, bestätigte auch Julia Mouzon im Gespräch mit EURACTIV Frankreich. Die Vertreterin des Hohen Rates für die Gleichstellung von Frauen und Männern (HCE) sowie Präsidentin von Élueslocales – einem Netzwerk von Frauen, die sich für Parität in der Politik einsetzen – kritisierte eine regelrechte „Kultur der Frauenverachtung“ im französischen Politikbetrieb.

Der jüngste HCE-Bericht, der 2020 veröffentlicht wurde, beschreibt die Politikwelt ebenfalls als eine „Bastion des Sexismus“ und eine „Männerdomäne“. Politikerinnen würden immer noch oft „als Eindringlinge gesehen; sie sehen sich Diskreditierung und Unhöflichkeiten ausgesetzt, einschließlich Unterbrechungen ihrer Reden, sind paternalistischem Verhalten ausgesetzt sowie mit geschlechtsspezifischer und sexueller Gewalt konfrontiert“.

Frauen in Führungspositionen: "Die feste Quote wirkt, freiwillige Maßnahmen nicht"

Die deutsche Regierung hat am Mittwoch (6. Januar) einen Gesetzesentwurf vorgestellt, der vorsieht, dass in den Führungsgremien deutscher Unternehmen mit mehr als drei Vorständen mindestens eine Frau vertreten sein muss.

Um weitere Beispiele zu nennen: 2013 wurde die grüne Abgeordnete Véronique Massoneau während ihrer Rede von einem Abgeordneten beschimpft. 2017 war die Abgeordnete Alice Thourot (LREM) bei einer Rede unterbrochen worden, da ein konservativer Politiker das Blöken einer Ziege imitierte.

2019 kritisierte die LREM-Abgeordnete und Vorsitzende der Rechtskommission Yaël Braun-Pivet in einem Interview mit dem Magazin Elle die sexistischen Angriffe, denen sie im Plenarsaal regelmäßig ausgesetzt war. 2020 sorgten Bemerkungen eines nominell liberalen Abgeordneten erneut für einen Aufschrei: Er hatte drei seiner Amtskolleginnen öffentlich als „dumme Ziegen“ bezeichnet.

Eine 2019 durchgeführte Umfrage der Gruppe Chair collaboratrice (eine Initiative von Frauen, die in der Nationalversammlung, im Senat, in Ministerien und lokalen Behörden in Frankreich arbeiten und auf ihrer Website Zeugenaussagen über sexistische Diskriminierung sammeln) hat ebenfalls das sexistische Verhalten von Mitgliedern der Nationalversammlung aufgezeigt. Laut der Umfrage war jede zweite parlamentarische Assistentin bereits Opfer sexistischer Sprüche oder Witze, jede fünfte wurde gar sexuell belästigt.

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Julia Reda ist deutsche Politikerin und seit 2014 Europaabgeordnete. Bis Ende März war sie Mitglied der Piratenpartei, kündigte jedoch wegen Vorwürfen sexueller Belästigung gegen einen ehemaligen Mitarbeiter vergangene Woche ihren Rückzug aus der Politik an. Ein Interview.

Trotz des „bemerkenswerten Fortschritts bei der Geschlechterparität – dank gesetzlicher Vorgaben“, den der HCE in seinem Bericht lobt, gebe es noch viel zu tun. Aus diesem Grund empfiehlt die Institution unter anderem, „die Aufgaben der Hohen Behörde für Transparenz im öffentlichen Leben auf das Thema der Achtung von ethischen Grundsätzen in der Politik auszuweiten.“ Man müsse dringend „gegen geschlechtsspezifische und sexuelle Gewalt in der Politik vorgehen“.

„Nichts mehr durchgehen lassen“

Mathilde Panot jedenfalls will nicht klein beigeben. Sie kündigte an: „Wir werden nichts mehr durchgehen lassen.“

Der Präsident der Nationalversammlung, Richard Ferrand (LREM), griff ihre Worte in einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung auf. Darin verurteilt er „auf das Schärfste die in öffentlicher Sitzung gemachten Äußerungen gegen die Abgeordnete Mathilde Panot. Sexismus hat in unserer Gesellschaft keinen Platz, schon gar nicht in Form von Äußerungen eines gewählten Vertreters der Republik, im Plenarsaal selbst.“

„Entschlossen, nichts durchgehen zu lassen,“ will Ferrand das Thema bei der nächsten Tagung am kommenden Dienstag (9. Februar) ansprechen. Wie sich dies auf die offenbar tiefliegenden Ursachen auswirkt, bleibt freilich abzuwarten.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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