„Sei, wie du bist“? Zahlreiche Vorwürfe gegen McDonald’s in Frankreich

"Wenn sie uns nicht hören wollen, schreien wir eben lauter." [© Ana Gayon Photographies]

„Sei wie du bist“. Das ist der aktuelle Werbeslogan das Fastfood-Riesen McDonald’s in Frankreich. Aber die 114 Erfahrungsberichte von Angestellten, die kürzlich gesammelt veröffentlicht wurden, erzählen eine gänzlich andere Story: Berichtet wird von Rassismus, Sexismus, Belästigung und Beleidigungen – und auch sexueller Gewalt. Ein Artikel von EURACTIV Frankreich.

Die jüngsten Enthüllungen der unabhängigen französischen Medien Mediapart und StreetPress kamen am 12. Oktober: Die beiden Websites präsentierten 38 Zeugenaussagen von McDonald’s-Mitarbeitenden in Frankreich – zusätzlich zu den 40, die bereits vom Kollektiv MacDroits [dt.: McRechte] gesammelt wurden.

Letztere Gruppe setzt sich aus Angestellten und ehemaligen Angestellten der Fastfood-Kette zusammen. Auf Basis dieser 40 Zeugenaussagen wurden bereits sieben Arbeitsgerichts- und Strafanzeigen eingereicht, wie vom Kollektiv bestätigt wurde.

Seit der Veröffentlichung der neuesten Berichte haben sich weitere Betroffene zu Wort gemeldet: 36 Personen berichteten seitdem per Social Media über rassistische, sexistische und andere gegebenenfalls strafrechtlich relevante Vorfälle in ihren Restaurants.

David gegen Goliath

„Eine erste Protestaktion haben wir schon am 9. März vor mehreren McDonald’s durchgeführt: Mit Collagen, die Sexismus, Rassismus, Anfeindungen aufgrund des Körperumfangs und weiteres anprangern,“ erklärt Maylis, die Sprecherin des McDroits-Kollektivs, gegenüber EURACTIV Frankreich.

„Außerdem haben wir viele Wartehäuschen an Bushaltestellen mit Sätzen aus den Zeugenberichten versehen,“ fügt sie hinzu.

Und einige der Berichte sind überaus unappetitlich.

„Ich kenne einen Algerier, der sich beworben hat. Sie haben seinen Lebenslauf direkt in den Papierkorb geworfen, ohne den Vorgesetzten überhaupt zu benachrichtigen. Ich fragte: ‚Soll es hier keine Araber geben? Soll es hier keine Schwarzen geben?‘ Und mir wurde tatsächlich gesagt: ‚Ja, ganz genau. Das sind die Leute, die die meisten Probleme machen. Deswegen: Nein‘,“ heißt es in einer Erklärung.

Ein anderer Ex-Angestellter berichtet: „Ich habe früher bei McDonald’s gearbeitet, bin aber schließlich krankgeschrieben worden; wegen der homophoben Belästigung, die ich erleben musste. Ich bekam ständig Sprüche über meine Sexualität. Ich erinnere mich insbesondere an den Tag, als ich zur Arbeit kam und meinen Chef fragte, was heute für mich auf dem Arbeitsprogramm stehen würde. Er antwortete: ‚Weiß ich noch nicht. Hast du Vaseline mitgebracht?‘. Das brachte für mich das Fass zum Überlaufen.“

Eine weitere Aussage einer weiblichen Angestellten: „Mein Franchisenehmer kam mit heruntergelassenen Shorts und Hosen zu mir, nahm meine linke Hand und legte sie auf seine Genitalien.“

Derartige Aussagen werden auf einem Blog veröffentlicht; ein kompletter Bericht mit allen 114 Aussagen ist ebenfalls online verfügbar.

„In McDonalds‘ Reaktion per Twitter im Anschluss an diese Veröffentlichungen wurden die Zeugenaussagen herabgewürdigt und grundsätzlich in Frage gestellt,“ erinnert sich Maylis. „Deswegen sahen wir uns als Kollektiv zum Protest veranlasst.“

Am 16. Oktober begannen direkte Aktionen vor einem McDonald’s in Saint Quentin, einem Vorort von Paris, der dem Hauptsitz des Unternehmens in Frankreich am nächsten liegt.

Saint Quentin wurde jedoch auch aus einem zweiten Grund gewählt: „Einige Tage zuvor hatten vier Frauen, die in diesem Restaurant arbeiten, sexuelle Belästigung durch ihren Manager gemeldet. Wir haben uns entschlossen, dort vor Ort aufzutreten – auch, weil diese McDonald’s-Filiale nicht einmal als Franchise betrieben wird und sich darüber hinaus direkt neben dem Hauptsitz von McDonald’s Frankreich befindet. Und gerade dort wurde diese Firmenpolitik, den Kopf in den Sand zu stecken und nichts zu bemerken, deutlich,“ so die Sprecherin von MacDroits.

In einer ausführlichen Pressemitteilung erklärte die Leitung von McDonald’s Frankreich, man habe „bei mehreren Gelegenheiten“ angeboten, Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitsrechte-Gruppe zu empfangen, „um ihre Anliegen anzuhören und unsere volle und vollständige Entschlossenheit zu versichern, alle Erscheinungsformen unangemessenen und inakzeptablen Verhaltens und alle Formen der Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Gender und Herkunft zu bekämpfen“.

Nach Angaben von Mitgliedern des Kollektivs hatte die im Namen des multinationalen Konzerns entsandte Person jedoch vielmehr versucht, sie einzuschüchtern: „Für ihn war klar: Entweder wir sprechen jetzt sofort oder nie. Aber wir wollten ein Treffen, auf das wir uns vorbereiten und mit den Problemen vor Ort vertraut machen konnten. Solche Leute von McDonald’s sind gut darin geschult, auf Anschuldigungen zu reagieren,“ argumentiert Maylis.

Arbeitsrecht

In der Pressemitteilung erklärte McDonald’s weiter, dass „sich die Firma McDonald’s in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Unschuldsvermutung weigert, zu jeglicher individuellen Situation, internen Untersuchung oder laufenden Gerichtsverfahren Stellung zu nehmen“.

Das Kollektiv verweist seinerseits auf das französische Arbeitsrecht, das besagt, dass der Arbeitgeber verpflichtet ist, jede Art von Belästigung oder Diskriminierung zu verhindern, zu bestrafen und zu beenden sowie die Sicherheit der davon betroffenen Person zu gewährleisten, sobald der Sachverhalt gemeldet wird. Von den 40 gegenüber MacDroits gemachten Zeugenaussagen hatten indes alle (Ex-) Angestellten angegeben, sie hätten die entsprechenden Vorgänge ihren Filialleitungen gemeldet. In den meisten Fällen sei jedoch schlichtweg nichts unternommen worden.

Maylis vermutet: „McDonalds will dieses Image einer großen Familie, des perfekten Jobs für Studierende beibehalten.“ Die Opfer würden sich hingegen einer Mauer des Schweigens gegenübersehen, die sie dazu veranlasse, entweder den Job zu kündigen oder sich ruhig zu verhalten.

Die Aktivistin räumt ein: „Manchmal reichen sie Beschwerde ein.“

Allerdings sei dies selten: „Denn ein Opfer, das am Arbeitsplatz – also an dem Ort, an dem es angegriffen wurde – nicht ernst genommen wird, wird es auch schwierig finden, eine Beschwerde einzulegen.“

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„Wenn sie uns nicht hören wollen, schreien wir eben lauter“

Bereits im Jahr 2016 riefen mehrere Verbände des französischen Gewerkschaftsbundes (CGT) und der amerikanischen Service Employees International Union (SEIU) zu einer weltweiten Mobilisierung der Arbeitnehmenden auf, um McDonalds‘ Praktiken des Sozialdumpings und der Steuerhinterziehung anzuprangern. Beim Europäischen Parlament gingen Petitionen ein, in denen die schlechte Behandlung von Angestellten des US-Unternehmens kritisiert wurde.

Erst kürzlich, im Mai 2020, reichte eine internationale Allianz aus Gewerkschaften, darunter die Europäische Föderation der Gewerkschaften in den Sektoren Lebensmittel, Landwirtschaft und Tourismus (EFFAT) sowie brasilianische, US-amerikanische und kanadische Gruppen, eine erste Klage wegen „systemischer sexueller Belästigung“ ein.

In Frankreich betont das MacDroits-Kollektiv derweil, nicht aufgeben zu wollen: „Wir bereiten derzeit ein Schreiben an die [McDonald’s-] Zentrale vor, in dem wir um einen neuen Sitzungstermin bitten,“ so Maylis.

Sollte es kein Entgegenkommen und kein Gehör seitens McDonald’s geben, würden weitere Aktionen folgen: „Wir werden weiter aktiv sein und das Image des Konzerns beschmutzen,“ verspricht sie: „Wenn sie uns nicht hören wollen, schreien wir eben lauter.“

[Bearbeitet von Tim Steins]

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