Migration in den Medien: Auf der Suche nach einer „Impfung“ gegen Desinformation

„Die Akteure sollten wirklich vorsichtig sein und nicht dazu beitragen, die Falschinformationen, die da draußen erzählt werden, noch mehr Sichtbarkeit zu bieten“. [Shutterstock/Fishman64/Casimiro PT]

This article is part of our special report Die Medienwelt und Anti-Diskriminierung: Wird genug getan?.

Anstatt der Desinformation über Migranten direkt entgegenzuwirken, sollten Kommunikationsfachleute und Entscheidungsträger alternative Botschaften fördern, um Narrative zu verhindern, die Angst säen, so eine neue Studie.

In einem Papier, das fast 1.500 Nachrichtenartikel aus Deutschland, Italien, Spanien und der Tschechischen Republik untersuchte, die zwischen Frühjahr 2019 und Juli 2020 veröffentlicht wurden, stellten Forscher fest, dass, anstatt falsche, manipulierte, aus dem Zusammenhang gerissene oder nicht überprüfbare Informationen zu entlarven, „das Ziel stattdessen darin bestehen sollte, einen ‚Impfstoff‘ gegen Desinformation zu entwickeln, der die Entwicklung von ‚Antikörpern‘ fördert“.

Nach Ansicht der Autoren „kann dies nur erreicht werden, indem die Ursachen für die Anziehungskraft der Desinformation beseitigt werden und gleichzeitig ein gesünderer politischer Diskurs gefördert wird“.

Das Papier empfiehlt, dass alternative Berichterstattungen auf die „bewegliche Mitte“ ausgerichtet werden sollte, die keine extremen Überzeugungen vertritt und, wie frühere Untersuchungen nahelegen, die Mehrheit der Bevölkerung in Ländern mit hohem Einkommen ausmacht.

Gleichzeitig deuten frühere Studien darauf hin, dass die Einstellungen zum Thema Migration tendenziell stabil bleiben.

Wie viele ungarische Medien Diskriminierung befeuern

Medienbeobachter schlagen Alarm: In Viktor Orbáns Ungarn gebe es immer weniger Medienpluralismus. Auch Minderheiten werden gezielt ignoriert oder diffamiert.

Die Einstellungen der Jugend, die sich in jungen Jahren herausbilden, sind jedoch immer noch formbar und können durch Versuche, sie zu prägen, positiv beeinflusst werden. 

„Es ist wahrscheinlich, dass die Art der Medienumgebung, der die jüngere Generation heute ausgesetzt ist, sich in zehn oder 15 Jahren tatsächlich manifestieren wird. Deshalb ist es dringend notwendig, jetzt Lösungen zu finden, sowohl aus der Kommunikationsperspektive als auch aus der Perspektive der Politikgestaltung“, betonte Alberto-Horst Neidhardt.

Auch den Mainstream-Medien kommt eine wichtige Rolle zu, nicht nur, weil sie die Plattform für die Präsentation einer alternativen Schilderung sein können, sondern auch, weil sie einer der Träger von Desinformationen sind.

15 – 25 Prozent der populärsten Artikel mit Falschinformationen, die von den Forschern analysiert wurden, erschienen in Mainstream-Publikationen.

Desinformationen präsentieren oft mögliche Einstellungen zur Migration als binäre Wahl – man ist entweder dafür oder dagegen.

„Die Realität sieht so aus, dass wir eine Reihe von Optionen zur Verfügung haben, und die Tatsache, dass es diese Polarisierung gibt, macht es schwieriger, einen Kompromiss zu finden und eine überschaubarere und nachhaltigere Politik in diesem wie auch in anderen Bereichen zu erreichen“, sagte Neidhardt gegenüber EURACTIV.

„Die Lektion, die die Medien daraus ziehen können, ist, dass es ganz klar eine Forderung nach einer durchdachten, objektiven, genauen Berichterstattung gibt. [Es soll ja nicht versucht werden], die Menschen davon zu überzeugen, dass Migration eine großartige Sache ist, dass sie wunderbar ist und dass es keine Probleme damit gibt, das wäre eher kontraproduktiv“, betonte Co-Autor der Studie Paul Butcher.

Jourova über Diversität in den Medien: "Noch viele Hausaufgaben zu erledigen"

Die Unterrepräsentation von Menschen mit einem ethnischen Minderheiten-Hintergrund in den Medien, auch in den Redaktionen selbst, bleibt ein Problem, das angegangen werden muss – und die Europäische Kommission ist bereit, mit finanziellen Mitteln zu helfen, so Kommissarin Věra Jourová.

„[Man kann] versuchen, die Debatte von Narrativen der Desinformationen abzubringen, die absichtlich spaltend sind und auf irreführenden Zahlen oder verzerrten Informationen beruhen“, fügte er hinzu.

Neben konservativen Verlegern, die eher dazu neigen, Migrationsfragen in einem negativen Licht darzustellen, sind Nachrichtenagenturen, die einen eher sensationslüsternen Ton anschlagen, oft die Quellen der Mainstream-Medien, die Inhalte mit Falschinformationen veröffentlichen.

„Es scheint, dass es Fälle gibt, in denen eine bestimmte Art von Behauptung zunächst am Rande auftaucht und später von den Mainstream-Medien aufgegriffen wird“, so Butcher, der das Verhältnis zwischen Medien und öffentlicher Meinung als einen Teufelskreis beschrieb.

„Wenn die Medien der Meinung sind, dass sie mehr Resonanz auf migrantenfeindliche Positionen oder Geschichten erhalten, dann werden sie vermutlich mehr darüber schreiben. Und das wird die Menschen gegenüber der Migration noch feindseliger machen“.

„Die Akteure sollten wirklich vorsichtig sein und nicht dazu beitragen, die Falschinformationen, die da draußen erzählt werden, noch mehr Sichtbarkeit zu bieten“, meint Neidhardt.

Unterdessen drängen Desinformationsakteure die Migration in den öffentlichen Diskurs, indem sie sie mit bestehenden Bedenken oder Ängsten verknüpfen, beispielsweise indem sie Migranten und Asylsuchende als COVID-19-Überträger darstellen.

Von COVID, Medien und anti-asiatischem Rassismus

Mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie sind Diskussionen über Rassismus, insbesondere über antiasiatischen Rassismus, wieder in den Fokus der Medien gerückt. Vor allem online breitet sich der antiasiatische Hass aus.

Laut Neidhardt „versuchen Desinformationsakteure oft, die Aufmerksamkeit einfach von konkreten Themen abzulenken und Migranten die Schuld für alles, was in der Gesellschaft nicht funktioniert, in die Schuhe zu schieben“.

„Es muss eine wirksame Politik geben, um die Bedenken, die Desinformation attraktiv machen, wirksam aus den Weg zu räumen“, fügte Butcher hinzu.

Die Studie schlägt vor, dass die übergreifende Botschaft oder „Metanarrative“ breit genug sein sollte, um die lokalisierten individuellen Botschaften zu unterstützen, die einen „Einstiegspunkt“ suchen, an dem der Nachrichtenüberbringer und sein Publikum eine gemeinsame Basis haben.

Ein Beispiel für eine erfolgreiche Initiative mit solchen Einstiegspunkten wurde in Oberösterreich realisiert. “Wir sind Oberösterreich” zeigt die Erfolgsgeschichten vom Miteinander und die Diversität der Bevölkerung.

Die Initiative „Wir sind Oberösterreich“. [https://wirsindooe.at/]

Ein solcher Ansatz, so die Forscher, spreche Bürger an, die Sicherheit schätzen und Autorität mehr Achtung entgegenbringen, während er gleichzeitig den wertvollen Beitrag der Menschen mit Migrationshintergrund für die Gesellschaft darstellt.

Die am Dienstag (24. November) veröffentlichten neuen Leitlinien der Europäischen Kommission zur Integration von Migranten erwähnen ausdrücklich, wie wichtig es ist, gegen die verzerrte Darstellung des Lebens von Migranten vorzugehen.

„Die Zusammenarbeit mit Medienvertretern, Bildungseinrichtungen sowie Organisationen der Zivilgesellschaft ist der Schlüssel, um die Bürger in der EU besser über die Realitäten von Migration und Integration zu informieren“, heißt es in dem Dokument.

Die Kommission wird am kommenden Mittwoch (2. Dezember) auch ihren Aktionsplan für Demokratie veröffentlichen, der versuchen wird, ein digitales Ökosystem zu fördern, das widerstandsfähig gegen Desinformation ist, und der mehr Unterstützung für die Presse und Medienkompetenz vorsieht.

Vielfalt im Mediensektor: Noch viel Raum für Diversität

Europas Nachrichtenredaktionen sind immer noch überwiegend weiß und bürgerlich, obwohl sich die Gesellschaften in rasantem Tempo verändern. Experten fordern die Branche auf, sich zu verändern und Journalistinnen und Journalisten die Möglichkeit zu geben, die Gesellschaft, über die sie berichten, widerzuspiegeln.

[Edited by Benjamin Fox]

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