„Migrationshintergrund“ ade?

Seit 15 Jahren fragen Statistiker in Deutschland nach dem "Migrationshintergrund". Ihn hat, wer nicht von Geburt an Deutscher ist. Doch auch, wenn nur Mutter oder Vater nicht von Geburt an deutsch waren, gilt: "Migrationshintergrund". [EPA/JAMAL NASRALLAH]

Deutschland ist Einwanderungsland. Das ist Fakt. Doch wie geht das Land damit um? Darüber wird seit Jahren gestritten. Ein Expertenbericht macht nun Vorschläge, wie die Einwanderungsgesellschaft aussehen soll.

Dies ist ein Artikel unseres Medienpartners Deutsche Welle.

Seit 15 Jahren fragen Statistiker in Deutschland nach dem „Migrationshintergrund“. Ihn hat, wer nicht von Geburt an Deutscher ist. Doch auch, wenn nur Mutter oder Vater nicht von Geburt an deutsch waren, gilt: „Migrationshintergrund“. Jeder Vierte in Deutschland fällt heute in diese Kategorie.

Geht es nach der „Fachkommission Integrationsfähigkeit“, dann dürfte sich das bald ändern. 24 Politiker und Wissenschaftler haben im Auftrag der Bundesregierung in dieser Kommission zwei Jahre lang darüber diskutiert, wie Deutschland als Einwanderungsgesellschaft besser werden kann. An diesem Mittwoch übergaben sie Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Bericht, gespickt mit hunderten Handlungsempfehlungen. Eine davon: die Abschaffung des Begriffs „Migrationshintergrund“.

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Çağlar: „Meine Kinder sind Deutsche“

Stattdessen soll künftig von Eingewanderten und ihren Nachkommen gesprochen werden, sagt die Kommissionsvorsitzende Derya Çağlar. „In meinem Fall würde das bedeuten: Ich bin nicht mehr die Migrantin, sondern einfach eine Tochter oder Nachkommin von Migranten.“ Sie selbst sei schließlich nicht eingewandert, sondern in Deutschland geboren, so Çağlar, die für die SPD im Abgeordnetenhaus des Landes Berlin sitzt. „Und meine Kinder, die nach der jetzigen Definition noch einen Migrationshintergrund hätten, sind dann einfach nur noch Deutsche.“

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz von der CDU, unterstützt diesen Vorschlag. Der Begriff „Migrationshintergrund“ umfasse mittlerweile viele sehr unterschiedliche Gruppen, darunter leide seine Aussagekraft, so Widmann-Mauz. „Dazu kommt: Viele der 21 Millionen Menschen fühlen sich durch diesen Begriff nicht abgebildet.“ Etwa jeder Dritte „mit Migrationshintergrund“ ist nämlich in Deutschland geboren. Es sei, „als würden sie nie zu 100 Prozent dazugehören, als stünde dieser Hintergrund immer im Vordergrund“.

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Merkel: „Opulentes Opus“

Auf 240 Seiten formuliert der Bericht 14 Kernbotschaften. Dabei werden etwa eine soziale Wohnungspolitik, mehr Einsatz gegen Rassismus und Hasskriminalität und gleiche Bildungs- und Gesundheitschancen für alle gefordert. Im Einwanderungsland Deutschland sei Integration eine „Daueraufgabe, die alle betrifft“, so der Bericht. Manche der Kommissionsempfehlungen erforderten „einen langen Atem und eine langfristige Strategie“, sagt Çağlar. Bei anderen müssten „gar nicht so viele Stellschrauben bewegt werden“.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bedankte sich für das „opulente Opus“, das der Politik „viel Fachwissen mit auf den Weg“ gebe. „Durch die sehr große Zuwanderung in den Jahren 2013 bis 2015/16 haben wir natürlich einen Aufgabenberg vor uns, wo viel Integrationsarbeit geleistet werden muss“, so Merkel. „Die Aufgabe wird sicherlich, das muss man ganz nüchtern sagen, in den nächsten Jahren nicht einfacher, weil wir durch die Pandemie jetzt in eine sehr große wirtschaftliche Spannung geraten sind.“ Wenn ein Land wirtschaftlich in Schwierigkeiten stecke, dann gerieten Neueinwanderer und gering Qualifizierte oft als erste unter Druck. „Deshalb“, sagt Merkel, „werden wir auf das Thema Integration und Zuwanderung großes Augenmerk legen müssen in den nächsten Jahren, damit uns da nicht Erfolge kaputtgehen.“

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Brennglas Corona-Krise

Dabei habe gerade die Pandemiegezeigt, wie stark Deutschland von Einwanderung abhängig sei, sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil bei der Vorstellung des Berichts. „Das hat Corona wie im Brennglas deutlich gemacht: Wir brauchen in vielen Bereichen qualifizierte Fachkräfte.“ Dafür müsse man alle Fachkräfte-Potentiale im Inland heben, so Heil. „Aber gleichzeitig brauchen wir ergänzende Fachkräfte-Einwanderung aus dem europäischen Ausland und aus sogenannten Drittstaaten. Wir erleben das nicht nur in Krankenhäusern und in der privaten Pflege. Wir erleben das auch auf Baustellen und in vielen Bereichen des Handwerks.“ Deutschland  brauche auch zukünftig kluge Köpfe und starke Arme auch aus anderen Teilen der Welt.

Dass Deutschland ein Einwanderungsland ist – das ist in weiten Teilen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mittlerweile Konsens. Im Bundestag stellt dies allein die AfD – größte Oppositionspartei dort – in Frage und will Einwanderung stark begrenzen. Doch auch innerhalb der Expertenkommission der Bundesregierung herrschte keine völlige Einigkeit bei Fragen von Migration und Integration. Ein Gremiumsmitglied schied im Herbst 2020 im Streit aus der Kommission. Und im Abschlussbericht spiegelt sich der Widerstreit der Meinungen in „abweichenden Stellungnahmen“ wider. Dabei zeigt sich: Auch mit dem neuen Begriff „Eingewanderte und ihre Nachkommen“ sind einzelne Kommissionsmitglieder unglücklich. Vielleicht wird der sperrige „Migrationshintergrund“ doch nicht so bald aus dem Sprachgebrauch verschwinden.

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