Koloniale Aufarbeitung muss über Geschichtsbücher hinausgehen, sagen Experten

Nach dem Tod von George Floyd wandten sich die Demonstranten in Belgien gegen den ehemaligen König Leopold wegen seiner Terrorherrschaft im Kongo. [Shutterstock/Alexandros Michailidis]

Dieser Artikel ist Teil des special reports (Anti)-Diskriminierung in Europa: Wie geht es weiter?

Kolonialismus auf die Lehrpläne zu setzen, ist ein erster Schritt, um strukturellen Rassismus in Europa zu bekämpfen. Allerdings kann Ungleichheit nicht beseitigt werden, wenn sie nicht im gesamten Bildungsapparat thematisiert wird, sagen Experten.

„Kolonialismus, Sklaverei und Holocaust sind in unserer Geschichte verankert und haben tiefgreifende Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft“, heißt es im EU-Aktionsplan gegen Rassismus.

Einigen zufolge ist dies das erste Eingeständnis auf EU-Ebene, dass struktureller Rassismus auf dem Kontinent existiert und seine Wurzeln in der kolonialen Vergangenheit Europas hat.

„Der Antirassismus-Aktionsplan ist tatsächlich das erste europäische politische Dokument, in dem wir den Ursachen auf den Grund gehen und nicht nur über die kurze Periode in der Geschichte des Nationalsozialismus sprechen“, sagte Ilke Adam, Professorin für Politikwissenschaft an der Vrije Universiteit Brussel.

Der Plan wurde im September 2020 angenommen, nach dem Mord an George Floyd in den Vereinigten Staaten durch einen Polizisten aus Minneapolis, der eine Reihe von Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus auf individueller und gesellschaftlicher Ebene vorsieht.

Floyds Tod löste eine Protestwelle aus, die sich auf mehrere europäische Hauptstädte ausweitete und den Rassismus auf dem Kontinent anprangerte.

Viele kritisierten auch die zu wenig beachtete koloniale Vergangenheit ihrer eigenen Länder.

In Belgien beispielsweise verunstalteten Demonstranten Statuen von König Leopold II., der für Gewalt, Massenmorde und andere Gräueltaten im Kongo (damals belgische Kolonie) im 19. Jahrhundert verantwortlich war.

„Die Geschichte lehrt uns, was nachgeahmt werden sollte, aber auch, was nicht nachgeahmt werden sollte“. Juliana Wahlgren, amtierende Direktorin des Europäischen Netzwerks gegen Rassismus (ENAR), erklärte gegenüber EURACTIV.

„Und ich denke, dass Bildung die beste Plattform ist, um das anzusprechen“, fügte sie hinzu.

In den Lehrplänen der Schulen in Europa werden oft wichtige Seiten der Geschichte des Kontinents ausgelassen. Ein Bericht einer UN-Arbeitsgruppe aus dem Jahr 2019 zeigte beispielsweise, dass die Lehrpläne der Grund- und Sekundarschulen in Belgien „die Geschichte der Kolonialisierung sowie die Geschichte und die Beiträge von Menschen afrikanischer Abstammung nicht angemessen widerspiegeln.“

Der Bericht stellte fest, dass einer von vier Schulabgängern nicht wusste, dass der Kongo eine ehemalige belgische Kolonie war, und dass es oft der Initiative der Lehrer:innen überlassen war, den Kolonialismus im Unterricht zu behandeln.

Nach den Protesten im vergangenen Jahr verabschiedete das Europäische Parlament eine Entschließung, in der die Mitgliedstaaten aufgefordert wurden, eine „umfassende Perspektive“ auf Kolonialismus und Sklaverei in den Lehrplan aufzunehmen.

Bei der Änderung der Lehrpläne sollte es jedoch nicht nur darum gehen, die koloniale Vergangenheit in die Geschichtsbücher zurückzubringen, sondern auch darum, mehr Beispiele von Autor:innen und Expert:innen in allen Bereichen der Lehrpläne einzubeziehen – sei es in der Biologie oder in der Mathematik“, sagte Wahlgren.

Entscheidend sei auch, dass man Leute einstelle, die keinen „eurozentrischen Ansatz“ verfolgten, fügte sie hinzu.

Untersuchungen haben gezeigt, dass die Vielfalt unter den Lehrkräften in Europa gering ist. Einem Bericht der Europäischen Kommission zufolge liegt der Anteil der Lehrkräfte mit Migrationshintergrund in einigen Mitgliedstaaten bei nur 2 bis 4 %, während etwa 8 % der EU-Bürger:innen außerhalb der EU geboren sind und 10 % der Jugendlichen mindestens einen im Ausland geborenen Elternteil haben.

Eine größere Vielfalt in den Klassen ist jedoch keine Garantie dafür, dass der strukturelle Rassismus wirksam bekämpft wird.

„In Belgien zum Beispiel kann man sich zwar verpflichten, einige Kurse zu überarbeiten und mehr Vielfalt in die Lehrpläne zu bringen, und versuchen, dies in Angriff zu nehmen, aber trotzdem am Ende des Jahres den Schwarzen Peter feiern“, sagte Wahlgren.

Sie bezog sich dabei auf die umstrittene Figur des Heiligen Nikolaus, die von einem weißen Schauspieler mit schwarzer Schminke und übertrieben roten Lippen gespielt wird.

Darüber hinaus können die Schulen selbst bestehende Stereotypen und Diskriminierungen verstärken. So werden Kinder afrikanischer Abstammung beispielsweise häufiger in eine Berufs- und Fachausbildung als in ein Hochschulstudium gelenkt.

„Wir können also so viel Bildung machen, wie wir wollen. Wenn sich nicht auch die Struktur ändert, wird es nichts bringen“, sagte Adam gegenüber EURACTIV.

Obwohl der EU-Aktionsplan gegen Rassismus das politische Engagement gegen strukturellen Rassismus zeigt, behindert die Verleugnung innerhalb der europäischen Gesellschaft den Fortschritt.

„Was im europäischen Kontext schwierig ist, ist, dass man die besten Gesetze und Strategien haben kann, aber der Widerstand ist sehr stark, nicht nur von den Institutionen, sondern auch von den Menschen in der Gesellschaft“, sagte Wahlgren.

Der Widerstand gegen den Kolonialismus und die Sklaverei auf dem Kontinent ist auch darauf zurückzuführen, dass die Europäer:innen nicht akzeptieren wollen, dass ihre Geschichte nicht so schön ist“, so Adam.

Doch der Wandel vollzieht sich, und er war schon vor den Ereignissen des letzten Jahres im Gange.

„Die Minderheiten selbst sind jetzt Bürger:innen der zweiten Generation, hochgebildet und beginnen, die Geschichte Europas mitzugestalten“, sagte sie.

[Bearbeitet von Benjamin Fox]

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