Gender Equality in Frankreich: COVID-19 als Wendepunkt?

"Die Pandemie und die von ihr ausgelöste Wirtschaftskrise vertiefen die Kluft zwischen Männern und Frauen, nachdem sich die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ein halbes Jahrhundert lang verringert hatte." [EPA-EFE/FEHIM DEMIR]

Vorfälle häuslicher Gewalt und auch Gesundheitsprobleme haben sich für Frauen während der COVID-19-Pandemie verschärft. Derweil hat die Krise die Wirtschaft sowie den Arbeitsmarkt des Landes erfasst und dort zu einer Verschärfung des Ungleichgewichts zwischen den Geschlechtern geführt. EURACTIV Frankreich berichtet.

Im Mai, als die meisten Länder begannen, ihre striktesten Anti-Coronavirus-Maßnahmen aufzuheben, erreichte die Arbeitslosenquote unter Frauen in den OECD-Ländern 9,08 Prozent – gegenüber 7,99 Prozent unter Männern, so die Mitte Juli von der Organisation veröffentlichten Zahlen.

Während der geschlechtsspezifische Abstand im gleichen Zeitraum für die Eurozone geringer war, konnte er auch hier beobachtet werden: 7,8 Prozent der Frauen waren arbeitslos, verglichen mit 7,3 Prozent bei den Männern.

Darüber hinaus waren Frauen, die ihren Arbeitsplatz behielten, dem Virus stärker ausgesetzt: In Frankreich beispielsweise sind Frauen in mehreren Sektoren überrepräsentiert, in denen die Arbeit vor Ort während des Lockdowns aufrechterhalten werden musste, beispielsweise im Gesundheitswesen, im Verkauf und in der Reinigungsbranche.

Laut der Nationalen Agentur für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen (Anact) sind neun von zehn Reinigungskräften in Frankreich Frauen; und auch 90 Prozent der Krankenpflegerinnen und Apothekenhelferinnen des Landes sind weiblich.

Noch zwei Jahrhunderte bis zur Geschlechtergleichheit

Bei der aktuellen Geschwindigkeit der Verringerung von Unterschieden würde es noch 202 Jahre dauern, bis wirtschaftliche Parität zwischen Frauen und Männern erreicht wird.

Einige Schritte zurück

Zudem verloren Frauen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen während der Krise vermehrt ihre Arbeitsplätze. Von allen am 1. März in Frankreich beschäftigten Personen arbeiteten zwei Monate später nur noch zwei von drei Frauen, im Vergleich zu drei von vier Männern, so ein im Juli veröffentlichter Bericht des französischen Nationalen Instituts für demografische Studien.

„Die Pandemie und die von ihr ausgelöste Wirtschaftskrise vertiefen die Kluft zwischen Männern und Frauen, nachdem sich die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ein halbes Jahrhundert lang verringert hatte,“ heißt es in der Studie.

Diese Erkenntnis sorgt offenbar auch in der Wirtschaft für Bedenken: In einem Ende August veröffentlichten Meinungsartikel forderten neun weibliche und männliche Führungskräfte „Anstrengungen und Arbeit sowie Budgets und Initiativen, die darauf abzielen, das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern aufrechtzuerhalten oder zu verbessern – und es nicht den Auswirkungen der Krise zu opfern.“

Ende Juni, als im Land viele Menschen an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten, veröffentlichte das französische Ministerium, das für die Gleichstellung von Frauen und Männern zuständig ist, einen Leitfaden für Good Practices zu diesem Thema.

Die Regierung hat seitdem mehrere Maßnahmen ergriffen, wie beispielsweise eine Teilarbeitslosenregelung, die sich zwar sowohl an Frauen als auch Männer richtet, „aber besonders die von der Krise betroffenen und stark weiblich dominierten Sektoren Hotel- und Gaststättengewerbe schützt“.

Frankreichs Konjunkturprogramm richtet sich indes ebenfalls vor allem an die am stärksten von der Krise betroffenen Gruppen – darunter Frauen. Nach Angaben der zuständigen Ministerien werden auch viele Mittel für Arbeitsplätze und Qualifikationen bereitgestellt, wobei gegenüber EURACTIV Frankreich allerdings erklärt wurde, dass es für diese Bereiche keine spezifischen Richtlinien für Frauen geben werde.

100 Milliarden für France Relance: Frankreichs Regierung legt "massives" Konjunkturpaket vor

Premierminister Jean Castex hat heute die Einzelheiten des französischen Konjunkturprogramms vorgestellt, das sich auf 100 Milliarden Euro über die kommenden zwei Jahre beläuft. Dabei soll vor allem in den „ökologischen Wandel“ investiert werden.

Auch im Konjunkturplan der EU, bekannt als „Next Generation EU“, der am 16. September die vorletzte Abstimmungsrunde im Europäischen Parlament bestand, wird festgehalten, dass „faire Mindestlöhne und verbindliche Maßnahmen für Lohntransparenz gefährdeten Arbeitnehmenden, insbesondere Frauen, helfen werden“.

Dasselbe gilt für den langfristigen Haushalt der EU für den Zeitraum 2021-2027, der darauf abzielen soll, „die Chancengleichheit zu fördern, indem sichergestellt wird, dass die Aktivitäten und Aktionen der Programme und Instrumente geschlechtsspezifisch ausgerichtet sind“.

Vage Aussagen

In einem Bericht vom Juni mit dem Titel „Next Generation EU lässt Frauen im Stich“ stellte die Fraktion der Grünen im EU-Parlament allerdings fest, dass „die Vorschläge der Kommission recht vage sind und insbesondere die Zuweisung größerer Geldsummen innerhalb der verschiedenen Instrumente überaus unklar ist“.

„Das Konjunkturprogramm der EU konzentriert sich hauptsächlich auf männlich dominierte Sektoren und vergisst die Frauen“, beklagt die deutsche Grünen-Europaabgeordnete Alexandra Gänse. „Wenn wir Beschäftigung dort schaffen wollen, wo sie gebraucht wird, müssen wir die Gleichstellung der Geschlechter in den Mittelpunkt stellen,“ fordert sie.

Zu den Lösungsvorschlägen gehören spezifische Kreditquoten für von Frauen geführte Unternehmen oder Pläne zur Einführung von Geschlechterparität in Unternehmen mit einem geringen Frauenanteil, die staatliche Beihilfen erhalten.

Verschiedene diesbezügliche Änderungen werden derzeit in informellen Treffen mit Berichterstattern und Schattenberichterstattern diskutiert und sollten in den kommenden Wochen im Rahmen von Instrumenten wie Invest EU oder dem Fonds für einen gerechten Übergang (Just Transition Fund) zur Abstimmung gestellt werden.

Französischer Kampf gegen sexistische Werbung kommt nach Deutschland

Seit nunmehr zwei Jahren kämpft die Organisation Pépite Sexiste gegen Geschlechter-Stereotypen in der Werbung in Frankreich an. Seit einigen Wochen gibt es nun auch eine „Zweigstelle“ in Deutschland: Servus Sexismus.

Die Regierungen der EU-Staaten sollten sich ebenso „auf schwer betroffene Sektoren konzentrieren, in denen eine große Zahl von Frauen beschäftigt ist, sowie auf Maßnahmen, die dazu beitragen, die Qualifikationsdefizite von Frauen zu verringern und praktische Hindernisse für ihren Zugang zur Beschäftigung zu beseitigen“, fordert Valeria Esquivel, eine Beamtin in der Abteilung für Beschäftigungspolitik und Geschlechtergleichstellung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

Auch Sybil Chidiac, Leiterin der Gleichstellungsprogramme bei der Bill & Melinda Gates Foundation, ist der Ansicht, dass Konjunkturpakete „bewusst geschlechtsspezifisch gestaltet werden müssen und dafür sorgen müssen, dass Frauen an ihrer Gestaltung beteiligt werden“.

Problematisch sei indes auch, wer die entsprechenden Regelungen beschließt, so Chidiac: „In einem Land, mit dem ich zusammenarbeite, schuf der Präsident eine Taskforce, die sich der Entwicklung eines Konjunkturprogramms widmet. Am Tisch saßen alle Ministerinnen und Minister – mit Ausnahme der für die Gleichstellung der Geschlechter zuständigen. Warum diese Abwesenheit bei einem so wichtigen Thema?,“ fragte sie während eines Webinars über die Auswirkungen der COVID-19-Krise auf Frauen am 16. September.

Ähnlich argumentiert Sarah Hillware, stellvertretende Direktorin der Bewegung Women in Global Health: „Wir dürfen keine Entscheidungen treffen, die 50 Prozent der Bevölkerung betreffen, ohne Frauen in diese Entscheidungen einzubeziehen.“

The Capitals: Gewalt, Krisen, Autokraten

Heute u.a. mit dabei: In Frankreich hat die häusliche Gewalt wie befürchtet zugenommen, in vielen Ländern rechnet man mit Wirtschatseinbrüchen, und in Ungarn wird die Gewaltenteilung (vorläufig?) abgeschafft.

Morgen die Hoffnung, heute die Angst

Industrie und Ökologie top, Soziales flop? Frankreichs Pläne zum Wiederaufbau sind ambitioniert, gleichzeitig entsteht ein explosiver Cocktail.

Geschlechterquote: Frauen in den Vorstand

Die deutsche Frauenquote soll ausgeweitet werden. Weibliche Repräsentation soll fortan nicht nur in Aufsichtsräten, sondern auch in Vorständen verpflichtend sein. Allerdings gilt das neue Gesetz nur für wenige, besonders große Unternehmen.

Melden Sie sich für "The Capitals" an

Vielen Dank für das Abonnieren des The Capitals Newsletters!
  • Mit EURACTIV immer auf dem Laufenden!

Unterstützer

Measure co-financed by the European Union

Diese Publikation spiegelt ausschließlich die Ansichten des Autors wider. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung (Mitteilung) trägt allein der Verfasser. Die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN