Frankreich: „Doppelte Diskriminierung“ für Frauen mit Handicap

Eine Frau mit einer Behinderung zu sein, führt gerade in Frankreich oft zu "doppelter Diskriminierung". [Pixel-Shot/Shutterstock]

Eine Frau mit einer Behinderung zu sein, führt gerade in Frankreich oft zu „doppelter Diskriminierung“. Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen (3. Dezember) berichtete EURACTIV Frankreich über ein Thema, das von der Politik weitgehend ignoriert wird.

Behinderungen sind in Frankreich ein Hauptgrund für Diskriminierung; Sexismus ist ein weiterer. Während diese beiden Probleme weitgehend bekannt sind, wird ein anderes viel weniger beachtet: die doppelte Diskriminierung, unter der viele Frauen mit Behinderungen leiden.

„Wenn wir über Diskriminierung reden, gehen wir sehr oft davon aus, dass es nur ein einziges Kriterium für Diskriminierung gibt – nämlich das sichtbarste,“ erklärt Isabelle Dumont, Leiterin der Abteilung Kommunikation bei der Organisation Femmes pour le Dire, Femmes pour Agir (FDFA). Sie erinnert, behinderte Frauen seien auch und vor allem: Frauen.

Nicht selten komme zur Diskriminierung aufgrund einer Behinderung daher die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts hinzu. Ein „doppeltes System der Ungleichbehandlung“, das in Frankreich noch wenig erforscht sei.

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APF France Handicap, ein weiterer Verband, der Menschen mit Behinderungen vertritt, erklärte dazu, die spezifischen Probleme von Frauen mit Behinderungen würden in der französischen Politik fortwährend vernachlässigt. Die Organisation ruft daher auf, der Diskriminierung und Gewalt, der Frauen mit Behinderungen ausgesetzt sind, ein Ende zu setzen.

Ein Problem: Der Kampf gegen die Diskriminierung von behinderten Menschen würde „im Namen der Menschen an sich“ geführt – ohne weiteren Verweis oder Unterscheidung nach Geschlecht. Dadurch sehe sich dieser Kampf einem „Phänomen der Asexualisierung“ gegenüber.

Dabei seien Frauen mit Behinderungen weitaus stärker von Diskriminierung betroffen als ihre männlichen Pendants.

Eingeschränkter Zugang zum Arbeitsmarkt

„In der allgemeinen Vorstellung ist der behinderte Mensch, der arbeitet, ein Mann,“ erklärt Dumont. „Es wird davon ausgegangen, dass ein Mann mit einer Behinderung autonom sein muss, dass er seinen Platz in der Gesellschaft haben muss – eben weil er ein Mann ist.“

Im Gegensatz dazu „gelten Frauen mit Behinderungen – noch mehr als Frauen im Allgemeinen – als sensibler und verletzlicher, weniger einsetzbar, weniger profitabel,“ heißt es auch im Aufruf von APF France Handicap. Sexismus betreffe zwar alle Frauen – Frauen mit Behinderungen aber tendenziell noch stärker.

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Die Nichterwerbsquote von Frauen mit Behinderungen liegt in Frankreich bei 55 Prozent, wie aus einem Bericht der nationale Grundrechteschutz-Agentur (Défenseur des droits) aus dem Jahr 2016 hervorgeht. Für alle Frauen zwischen 15 und 64 Jahren betrage sie „nur“ 32 Prozent.

Unter den behinderten Männern sind hingegen 45 Prozent nicht erwerbstätig.

Diese Lücke besteht trotz der Tatsache fort, dass Frauen mit Behinderungen im Allgemeinen höher qualifiziert sind als ihre männlichen Pendants. Dennoch: unter behinderten Menschen mit Universitätsabschluss nehmen rund 67 Prozent der Männer nach dem Studium einen Job auf, im Vergleich zu 22,8 Prozent der Frauen.

Hinzu kommt, dass die für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Studienbereiche, die ohnehin lediglich begrenzt verfügbar sind, meist in den sogenannten „männlichen“ Sektoren angesiedelt sind. Bei Berufsausbildungen sei dies ähnlich: „Die inkludierende Ausbildung scheint sich in erster Linie an Männer mit Behinderungen zu richten,“ so APF France Handicap.

Darüber hinaus sind Frauen mit Behinderungen mit größerer Arbeitsplatzunsicherheit konfrontiert. Fast die Hälfte der behinderten weiblichen Arbeitnehmerinnen ist in Teilzeit eingestellt (47 Prozent), im Vergleich zu nur 16 Prozent der arbeitenden behinderten Männer.

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„Ökonomische Gewalt“, körperliche Gewalt, Abhängigkeit

„Es gibt dieses Phänomen der ökonomischen Gewalt, das für behinderte Frauen ähnlich ist wie für nichtbehinderte Frauen,“ erklärt Dumont mit Verweis auf bekannte Phänomene wie den Gender Pay Gap (das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen), unterbrochene Karrieren aufgrund von Geburten und unzureichenden Vater- und Elternurlaubszeiten, oder drohende Armut nach Scheidungen.

Als Folge dieser Probleme seien Frauen, „aber gerade Frauen mit Behinderungen stark von Armut betroffen“, so APF France Handicap.

In einer Entschließung aus dem Jahr 2018 hatte das Europäische Parlament bereits vor einer „Feminisierung der Armut“ gewarnt.

Angesichts einer Erwachsenen-Behindertenzulage (AAH) in Frankreich, die unterhalb der Armutsgrenze liegt, haben allein lebende Behinderte Schwierigkeiten, ihre Grundbedürfnisse zu decken. Die Mehrheit der Frauen mit Behinderungen, die an eine Umfrage von APF France Handicap teilnahmen, war demnach alleinstehend und arbeitslos.

Doch auch in Paar-Konstellationen sei die Situation nicht unbedingt besser, da die AAH vom Einkommen des Ehepartners abhängt. Für viele Frauen mit Behinderungen führt dies laut APF France Handicap zu einer „nicht hinnehmbaren finanziellen Abhängigkeit“.

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Hinzu kommt: Das Risiko, von einem Partner körperlich oder sexuell missbraucht zu werden, ist für behinderte Frauen wesentlich höher als für nichtbehinderte Frauen. Laut dem interministeriellen Referat für den Schutz von Frauen vor Gewalt und für die Bekämpfung des Menschenhandels (MIPROF) haben im Jahr 2019 insgesamt 34 Prozent der Frauen mit Behinderungen in Frankreich solche Gewalt erlitten. Unter Frauen ohne Behinderung waren es – nicht weniger erschreckende – 19 Prozent.

Die Organisation FDFA, die eine Not-Hotline für behinderte Frauen, die Gewalt ausgesetzt sind, eingerichtet hat, teilte mit, während des ersten coronavirusbedingten Lockdowns in Frankreich habe „die Zahl der Anrufe explosionsartig zugenommen“. Dabei müsse man laut Dumont außerdem davon ausgehen, dass viele Frauen mit Behinderungen nicht in der Lage waren, „zu entkommen oder sich so zu isolieren, dass sie einen entsprechenden Anruf tätigen konnten“.

Im zweiten, etwas „sanfteren“ Lockdown, habe es tatsächlich einen erneuten Anstieg gegeben, fügt Dumont hinzu. Ihre Erklärung: „Gewalttätige Menschen, in der Regel Ehepartner, können [im zweiten Lockdown] das Haus verlassen, um zur Arbeit zu gehen, was es für Menschen in einer schwierigen Situation einfacher macht, uns anzurufen.“

Laut APF France Handicap ist es für Frauen mit Behinderungen des Weiteren schwierig, sich vor Gericht Gehör zu verschaffen: „Neben der mangelnden Barrierefreiheit der Räumlichkeiten und dem Fehlen von qualifiziertem Personal, wie beispielsweise Gebärdensprachdolmetschern, sehen sie sich oft mit Unverständnis seitens der Polizei und der Gerichte oder sogar mit Missachtung konfrontiert,“ so der Verband.

In gewisser Weise sei dies eine weitere Form der Gewalt, „zusätzlich zu der Gewalt, die diese Frauen bereits erlitten haben“.

Keine „echten Frauen“

Ein weiteres Phänomen sei laut APF France Handicap, dass Frauen mit Behinderungen oft als „unvollständige“ Frauen, asexuelle Wesen oder nicht als „echte Frauen“ betrachtet werden.

Gegenüber einem behinderten Mann gebe es oftmals eine Mischung aus „Mitleid, aber auch der Erwartung, gewisse Qualitäten in ihm zu finden, wie Mut oder sogar eine Art übergroße Lebenskraft und Lebensfreude,“ erklärt Dumont. „Und man sagt sich: Diese armen Männer, sie haben natürlich auch sexuelle Bedürfnisse, es ist ein natürlicher Impuls. Eine behinderte Frau fragen wir viel eher, warum sie Mutter werden will oder warum sie ein erfülltes Sexualleben haben möchte. Das würde sie doch überhaupt nicht brauchen.“

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Bleibt die Frage, was gegen diese vielfältigen Formen von Diskriminierung und Gewalt getan werden kann.

Gegenwärtig berücksichtigen Studien zur Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen die Geschlechterdimension nur wenig bis gar nicht, erklären die Verbände.

In Ermangelung aussagekräftiger Statistiken sei es schwierig, die spezifischen Probleme von Frauen mit Behinderungen zu bekämpfen.

Aus Sicht von Isabelle Dumont wäre daher ein erster wichtiger Schritt, „überhaupt anzuerkennen, dass die Geschlechtergleichstellung alle Frauen, also auch Frauen mit Behinderungen, betrifft.“

[Bearbeitet von Tim Steins] 

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