Frankreich: Die Pandemie und der anti-asiatische Rassismus

Nicht nur in den USA (Bild von einer Demonstration in Kalifornien), sondern auch in Frankreich scheint der Rassismus gegenüber asiatisch gelesenen Menschen zuzunehmen. [EPA-EFE/ETIENNE LAURENT]

Gut eine Woche nach dem Massaker an acht Menschen – die meisten von ihnen Frauen asiatischer Abstammung – in drei Massagesalons in den USA erklärt eine Forscherin gegenüber EURACTIV, dass die Pandemie auch in Frankreich zu einem Anstieg des anti-asiatischen Rassismus geführt hat. Insgesamt gibt sie sich dennoch hoffnungsvoll.

Anti-asiatischer Rassismus ist bei Weitem kein rein amerikanisches Problem, unterstreicht Ya-han Chuang, Post-Doc am französischen Institut für Demografische Studien (INED). Das zeige unter anderem der aktuell in Paris anstehende Prozess gegen fünf Twitter-User, die der Aufstachelung zum Hass beschuldigt werden und online gegen „die Chinesen“ gewettert hatten.

Das erste, was man über die asiatische Community in Frankreich klarstellen sollte, sei, dass diese sehr vielfältig ist, erklärt Ya-han Chuang. Die heterogene Gruppe umfasse Menschen, deren Wurzeln in rund 40 Ländern liegen.

Von COVID, Medien und anti-asiatischem Rassismus

Mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie sind Diskussionen über Rassismus, insbesondere über antiasiatischen Rassismus, wieder in den Fokus der Medien gerückt. Vor allem online breitet sich der antiasiatische Hass aus.

Zweitens sei die Einwanderung aus asiatischen Staaten historisch gesehen anders verlaufen als in den Vereinigten Staaten oder auch im Vereinigten Königreich, wo die Mehrheit der asiatischen Community ihre Wurzeln in Südasien, in Pakistan oder Sri Lanka hat.

In Frankreich hingegen stammen die Menschen vor allem aus Ost- und Südostasien, allen voran aus China und aus den Ländern, die einst die französische Kolonie Indochina ausmachten – Kambodscha, Laos und Vietnam. Hinzu kommen Immigranten und deren Nachfahren aus Japan und Korea.

Unterschiedliche Integration

Gerade die Integration der chinesischen Migrantinnen und Migranten in die französische Gesellschaft habe sich jedoch als schwieriger erwiesen als die der vietnamesischen, kambodschanischen oder laotischen, so Ya-han Chuang: „Die Menschen, die aus Kambodscha oder Vietnam geflohen waren, kamen als Geflüchtete und erhielten in den 1950er und 1960er Jahren den entsprechenden Status, sich hier legal niederlassen zu dürfen. Die katastrophale Situation in ihren Heimatländern machte jede Möglichkeit zur Rückkehr zunichte, also investierten sie hart in ihr Leben hier.“

„Neuere“ chinesische Gastarbeiter, die in den 1980er Jahren nach der Öffnung der Grenzen oder durch Familienzusammenführung nach Frankreich kamen, „blieben lange Zeit in einer nicht regulierten Lage, einer rechtlichen Grauzonen“ und eigneten sich daher „eine andere politische Einstellung“ an, erklärt die Forscherin. Insbesondere angesichts des wirtschaftlichen Wachstums Chinas in den 2000er Jahren hätten gerade junge Französinnen und Franzosen chinesischer Herkunft nun ein „Gefühl der doppelten Zugehörigkeit“ entwickelt.

Ein weiteres Merkmal der asiatischen Communities in Frankreich ist die lokale Verteilung auf das Land: Etwa 90 Prozent dieser Menschen leben in Paris und seinen Vororten im Nordosten. Die einzigen anderen nennenswerten „Ansammlungen“ gibt es in den Großstädten Lyon und Marseille. Im Rest des Landes sind asiatisch gelesene Menschen demnach kaum anzutreffen.

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Tradierte Stereotype

Ya-han Chuang unterstreicht, dass der Rassismus gegen Menschen asiatischer Herkunft in Frankreich weiterhin auf tradierten rassistischen Stereotypen beruht. Er äußere sich vor allem in „‚Mikro-Aggressionen‘ im Alltag“ und weniger in direkten (Gewalt-) Taten.

Zu diesen Stereotypen gehören vermeintliche Verbindungen zur Mafia sowie die Übersexualisierung asiatischer Frauen. Viele davon würden in den Medien und auch von gewählten Abgeordneten nur allzu oft und gerne wiederholt. Der Forscherin zufolge habe die Pandemie und das erste Auftreten des Coronavirus in China weitere „Fantasien“ in Bezug auf schlechte Hygiene, Essgewohnheiten und Verschwörungen reaktiviert.

Allerdings betont sie auch: „Frankreich ist definitiv weniger gewalttätig als die USA mit ihren White Supremacists […] So weit sind wir hier noch nicht.“

Sie bedauere zwar die weiterhin zahlreichen Vorfälle von anti-asiatischem Rassismus, insbesondere in Schulen und in den sozialen Medien, die zunehmende Online-Debatte über das Thema sei jedoch zu begrüßen: „Seit 2016 haben wir angefangen, darüber zu sprechen. Davor dachten wir, es sei weniger gravierend. Das lag unter anderem daran, weil beispielsweise Nordafrikaner sehr stark unter systemischem Rassismus durch Polizeigewalt leiden.“

Abschließend zeigt sich Ya-han Chuang zuversichtlich bezüglich der Community: Ihr Gefühl sei, dass sich junge Menschen mit asiatischem Migrationshintergrund „inzwischen meist voll und ganz als Französinnen und Franzosen fühlen. Sie schauen französisches Fernsehen, gehen auf französische Schulen, sprechen französisch. Sie integrieren sich gut. Und ihre Kritik und das Kämpfen gegen Rassismus zeigt auch, dass sie am republikanischen Modell [Frankreichs] festhalten.“

[Bearbeitet von Josie Le Blond und Tim Steins]

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