Europas Roma durch vierte COVID-19-Welle stark gefährdet

In den ersten Monaten der Pandemie waren die Roma verstärkt mit institutionellem Rassismus und Diskriminierung konfrontiert. Hassreden und Desinformationen richteten sich auch gegen Roma, die oft für die Verbreitung des Virus verantwortlich gemacht wurden. [Shutterstock/au_uhoo]

Dieser Artikel ist Teil des special reports (Anti)-Diskriminierung in Europa: Wie geht es weiter?

Europas Roma-Gemeinschaften werden in der vierten COVID-19-Welle weiterhin einem erhöhten Risiko ausgesetzt sein, wenn die europäischen Länder die Impfungen nicht beschleunigen und keine gezielte Unterstützung entwickeln, sagen Expert:innen.

Zeljko Jovanovic, Direktor des Open Society Roma Initiatives Office, erklärte gegenüber EURACTIV, dass sich die Bedingungen für Roma wahrscheinlich verschlechtern werden.

„Ich denke, dass es schlimmer werden wird, weil sich die negativen Folgen der ersten Welle summiert haben“, sagte er.

In den ersten Monaten der Pandemie waren die Roma verstärkt mit institutionellem Rassismus und Diskriminierung konfrontiert. Hassreden und Desinformationen richteten sich auch gegen Roma, die oft für die Verbreitung des Virus verantwortlich gemacht wurden.

In einigen Ländern wie Rumänien, der Slowakei und Bulgarien gab es Quarantänen, die auf die mehrheitlich von Roma bewohnten Gebiete abzielten, so Jonathan Lee, ein Roma-Aktivist, der für das European Roma Rights Centre (ERRC) arbeitet.

„Es würde mich nicht überraschen, wenn sich dies wiederholen würde, vor allem, wenn man dem Beispiel des Lockdowns für Ungeimpfte folgen würde. Es könnte sehr einfach sein, dies auf ethnischer Basis auf Roma-Gemeinschaften anzuwenden“, sagte er.

Positiv zu vermerken sei, dass aus dem ersten Lockdown Lehren gezogen wurden, sagte Gabriela Hrabanova, die Geschäftsführerin des Netzwerks European Roma Grassroots Organizations (ERGO).

Sie erklärte, dass Sozialarbeiter:innen nun in der Lage seien, gezielte Unterstützung zu leisten, während es ihnen während der ersten Welle nicht erlaubt war, Roma-Gemeinschaften zu erreichen, um wichtige Dienstleistungen zu erbringen.

Die Lage dieser Gemeinschaften war bereits vor der Pandemie katastrophal: 80% lebten in überfüllten Siedlungen und 30% hatten keinen Zugang zu Leitungswasser.

Darüber hinaus waren sie aufgrund medizinischen Grunderkrankungen anfälliger für das COVID-Virus, während der Mangel an digitalen Hilfsmitteln und Fähigkeiten die meisten Kinder vom Schulbesuch abhielt.

„Wie kann man Zugang zu digitalem Lernen haben, wenn man keinen Strom, geschweige denn WLAN hat?“ sagte Lee und fügte hinzu, dass eine ganze Generation von Roma-Kindern keinen Zugang zum Unterricht hatte.

Infolgedessen brachen viele junge Roma in mehreren Ländern, darunter auch Italien, die Schule ab.

„Viele Kinder waren anderthalb Jahre lang von der Schule isoliert“, sagte Carlo Stasolla, Vorsitzender der Associazione 21 Luglio, einer italienischen NPO, die Randgruppen hilft.

Obwohl der Unterricht im September letzten Jahres wieder aufgenommen wurde, „war es schwierig, wieder zur Schule zu gehen, und nicht alle Kinder, die vorher zur Schule gegangen waren, gingen danach wieder hin“, sagte er.

Die EU und ihre Schwierigkeiten beim Thema Bildung für Roma-Kinder

Angegangen werden müssten das niedrige Bildungsniveau, die vielen Schulabbrüche, die Segregation in einigen Mitgliedstaaten und auch die Auswirkungen der Pandemie.

 

Stasolla zufolge haben die eingeführten Schutzmaßnahmen, obwohl sie notwendig waren, mehr Schaden angerichtet als der Coronavirus selbst.

„Diese Personengruppen sind noch mehr ausgegrenzt, noch mehr an den Rand des städtischen Lebens gedrängt als zuvor.“

Ein weiteres Element der Ausgrenzung ist das COVID-Zertifikat, denn die meisten Roma sind bisher nicht geimpft worden.

Die zögerliche Haltung der Roma gegenüber Impfungen war bereits vor COVID-19 weit verbreitet, da sie den medizinischen Behörden generell misstrauen. Eine Umfrage der Agentur für Grundrechte aus dem Jahr 2020 ergab, dass sich viele Roma beim Zugang zur Gesundheitsversorgung diskriminiert sahen.

„Wenn Ihre einzige Erfahrung mit dem Staat und dem medizinischen Personal Diskriminierung, Terror und Missbrauch ist, warum sollten Sie ihnen dann plötzlich vertrauen, wenn sie Ihnen sagen, dass Sie einen Impfstoff brauchen?“ sagte Lee.

Obwohl die Leitlinien der Europäischen Kommission zu Impfstoffen die Länder auffordern, gefährdeten Gruppen Vorrang einzuräumen, hat nur die Slowakei eine Impfstrategie für Roma-Gemeinschaften entwickelt.

Hinzu kommt, dass Anti-Impf-Propaganda die Menschen davon abhält, sich impfen zu lassen, insbesondere in mittel- und osteuropäischen Ländern wie Rumänien und Bulgarien, wo die meisten Roma leben.

Der Kampf gegen Desinformationen über Impfstoffe in diesen Ländern sei nicht nur als „kollektive Verteidigung gegen das Virus“ entscheidend, sondern auch für die wirtschaftliche Erholung, sagte Jovanovic gegenüber EURACTIV.

„Wenn Europa sich von der Finanzkrise erholen will, sind die Roma definitiv ein Teil der Lösung“, sagte er.

Die Konjunkturpläne gehen jedoch nicht auf die informelle Wirtschaft ein, einen Sektor, in dem die meisten Roma arbeiten.

Seiner Ansicht nach ist die Sicherung von Chancengleichheit, Qualifikationen und Arbeitsplätzen für Roma „keine Frage der Wohltätigkeit“, sondern eine Frage der Investition in die Arbeitskräfte.

Szabolcs Schmidt, Leiter der Koordinierungsstelle für Nichtdiskriminierung und Roma bei der Europäischen Kommission, hält Investitionen in Bildung und Beschäftigung für entscheidend.

Schmidt äußerte sich besorgt über die wachsende Zahl junger Roma, die weder studieren noch arbeiten – ein Trend, den die Pandemie aufgedeckt und weiter verschärft hat.

„Es ist ganz klar, dass wir etwas dagegen tun müssen, wenn wir langfristig Probleme vermeiden wollen“, sagte er.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic/ Alice Taylor]

Subscribe to our newsletters

Subscribe