Vielfalt im Mediensektor: Noch viel Raum für Diversität

Vor allem in Deutschland und Schweden sind Medienschaffende mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert - als Gründe nannten die Chefredakteure mangelnde Sprachkenntnisse oder einen unzureichenden Bildungshintergrund. [Shutterstock/Salivanchuk Semen]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Die Medienwelt und Anti-Diskriminierung: Wird genug getan?

Europas Nachrichtenredaktionen sind immer noch überwiegend weiß und bürgerlich, obwohl sich die Gesellschaften in rasantem Tempo verändern. Experten fordern die Branche auf, sich anzupassen und Journalistinnen und Journalisten die Möglichkeit zu geben, die Gesellschaft, über die sie berichten, widerzuspiegeln.

Viele Jahrzehnte lang galten Menschen mit Migrationshintergrund in den Redaktionen als Ausnahme. Mittlerweile hat sich das geändert. Heutzutage sind Journalistinnen und Journalisten mit Migrationshintergrund zunehmend als Kolumnisten, Nachrichtensprecher oder Moderatoren sichtbar.

Eine kürzlich vom Reuters Institute for Journalism Research durchgeführte Studie, die die Besetzung der Redaktionsbüros der wichtigsten Online- und Printmedien in verschiedenen Ländern untersuchte, lieferte jedoch ernüchternde Ergebnisse.

Im vergangenen Jahr wurden Chefredaktionen von 100 Online- und Printmedien in verschiedenen Ländern auf ihr Personalwesen hin untersucht, unter anderem in Deutschland, Schweden und Großbritannien.

Laut der Studie hat keines der großen Medienunternehmen in Deutschland und Großbritannien einen nicht-weißen Chefredakteur beziehungsweise eine nicht-weiße Chefredakteurin.

Wie viele ungarische Medien Diskriminierung befeuern

Medienbeobachter schlagen Alarm: In Viktor Orbáns Ungarn gebe es immer weniger Medienpluralismus. Auch Minderheiten werden gezielt ignoriert oder diffamiert.

Vor allem in Deutschland und Schweden sind Medienschaffende mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert – als Gründe nannten die Chefredakteure mangelnde Sprachkenntnisse oder einen unzureichenden Bildungshintergrund.

Das Bild in den meisten europäischen Nachrichtenredaktionen ist ähnlich.

Die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission Věra Jourová hat gegenüber EURACTIV erklärt, dass die Unterrepräsentation von Menschen mit einem rassischen oder ethnischen Minderheitenhintergrund in den Medien, auch in den Nachrichtenredaktionen selbst, ein Problem bleibt, das angegangen werden muss.

Die Kommission wird diese Bemühungen auch finanziell unterstützen, beispielsweise mit dem Programm „Kreatives Europa“, wo wir zum ersten Mal einen eigenen Bereich für Medienpluralismus und Medienkompetenz haben. Vielfalt ist ein Schlüsselthema für das gesamte Programm„, so Jourová.

Auf die Frage nach den Fortschritten bei der Diversifizierung der europäischen Nachrichtenredaktionen antwortete Jourova, dass der Medienpluralismus-Monitor „Daten und Informationen darüber sammelt, wie sich die Situation entwickelt“, damit sich die Kommission ein umfassendes Bild machen kann.

„Der Monitor zeigt deutlich, dass es noch einiges an Hausaufgaben für uns alle zu erledigen gibt, auf europäischer und nationaler Ebene sowie im Mediensektor selbst“, sagte sie.

Die Medienwelt und Anti-Diskriminierung: Wird genug getan?

Gerade die Medien sollten eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung von Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft übernehmen.

Bislang gibt es jedoch nur wenige fundierte Umfragen, die Aufschluss über die Zusammensetzung und den Grad der Vielfalt der europäischen Nachrichtenredaktionen geben.

Experten sind der Meinung, dass es schwierig ist, über konkrete Maßnahmen zur Förderung von Vielfalt oder Integration zu sprechen, solange die Redaktionen keine Statistiken über den Hintergrund ihrer Kolleginnen und Kollegen haben.

Gleichzeitig zeigen nur sehr wenige Medienunternehmen tatsächlich Interesse daran, Daten zur innerbetrieblichen Vielfalt zu sammeln oder sich einer Quote zu widmen.

„Medienunternehmen, die keine – auch keine internen – Metriken über die Zusammensetzung der Redaktionen und des Personals oder über Inhalte und Experten führen, leisten keine gute Arbeit in Sachen Vielfalt“, befand Alexandra Borchardt, eine leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin am Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford.

Borchardt, die kürzlich Empfehlungen für die European Federation of Journalists (EJF) verfasst hat, glaubt nicht, dass die meisten europäischen Nachrichtenredaktionen den Diversitätstest bestehen würden.

Ihr Bericht enthält zehn Empfehlungen für Nachrichtenredaktionen, vielfältiger zu sein, um es ihnen zu ermöglichen, Talente zu erkennen und die Gesellschaft zu reflektieren, über die sie berichten.

Jourova über Diversität in den Medien: "Noch viele Hausaufgaben zu erledigen"

Die Unterrepräsentation von Menschen mit einem ethnischen Minderheiten-Hintergrund in den Medien, auch in den Redaktionen selbst, bleibt ein Problem, das angegangen werden muss – und die Europäische Kommission ist bereit, mit finanziellen Mitteln zu helfen, so Kommissarin Věra Jourová.

„Es gibt immer mehr Algorithmen, und ich empfehle den Redaktionen dringend, ihre eigenen Algorithmen zu entwickeln. Das stellt sicher, dass bestimmte Themen den Leuten zur Kenntnis gebracht werden“, betonte Borchardt und verwies auf den Ansatz des Schwedischen Öffentlichen Rundfunks, der einen ethischen Algorithmus entwickelt, der sicherstellen soll, dass die Inhalte vielfältiger sind.

„Redakteure können, genau wie Menschen, voreingenommen sein, und Algorithmen können zumindest Vorschläge für Vielfalt und Verschiedenartigkeit machen – das ist auch eine Möglichkeit, Stereotypen zu bekämpfen“, fügte sie hinzu.

Gleichzeitig glaubt Borchardt auch, dass sich in vielen europäischen Medienorganisationen die Einstellungsverfahren ändern müssen.

„Wenn man Talente rekrutiert, muss man sicherstellen, dass man eine Mischung von Talenten einstellt, und besonders im Journalismus waren es die Leute gewohnt, Bewerbungen von hochqualifizierten Kandidaten zu erhalten, aus denen sie auswählen konnten. Dabei dachten sie nicht viel über die [Vielfalt] in der Redaktion nach – das hat sich inzwischen geändert“, erläuterte sie.

„Doch wenn man verschiedene Kandidaten einstellt und nichts an der Kultur ändert, dann hat die Vielfalt keinen Einfluss auf beispielsweise das Programm oder den Inhalt“, hob Borchardt ferner hervor.

Ihrer Meinung nach fallen auch Medienorganisationen oft in die Minderheiten-Journalisten-Falle.

„Wenn man Minderheiten die ganze Zeit nur über ihre eigenen Gemeinschaften schreiben lässt, werden Stereotypen aufrechterhalten und sie und ihre Interessen und Bedürfnisse auch nicht ernst genommen“, fügte sie hinzu.

Kritik an Viktor Orbán wegen Förderung ihm wohlgesonnener Medien

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Für viele Experten gilt die BBC, die engagierte Diversitätspläne erstellt und diese transparent überwacht und weiterentwickelt, als Vorbild.

„Ein Blick auf die BBC ist wirklich interessant, weil ich glaube, dass sie in vielerlei Hinsicht und in Bezug auf die Integration von Vielfalt und auch die Diskussion darüber wirklich einen Schritt voraus ist“, sagte Borchardt.

Renate Schroeder, Direktorin der Europäischen Journalistenföderation (EJF), räumte dennoch ein, dass es „keinen Konsens darüber [gebe], ob eine Quote das Richtige wäre“.

Auf die Frage, ob finanzielle Anreize das Verhalten in diesem Sektor, insbesondere in den privaten Medien, ändern könnten, erklärte sie, es sei unwahrscheinlich, da man Organisationen nicht zwingen könne, sich für Vielfalt zu engagieren.

„Sie müssen verstehen, dass es bei der Vielfalt auch um die Einbeziehung des Publikums geht. Es ist besonders wichtig, Vertrauen aufzubauen, denn die Medien werden im Moment nicht ernst genommen bei dem, was wir beobachten“, so Schroeder.

Ein Beispiel wäre die Debatte um Fake News in den USA, wo liberale Medien als Feind angesehen werden, weil sie hauptsächlich weiß, bürgerlich und angelsächsisch geprägt sind und andere Teile der Gesellschaft nicht widerspiegeln.

„Natürlich ist es der ethnische Hintergrund, es ist das Geschlecht, das einen Unterschied macht. Aber es ist auch der soziale Hintergrund der Journalisten. Die meisten Journalisten kommen aus der Mittelschicht“, verdeutlichte Schroeder.

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[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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