Deutsches Bildungssystem benachteiligt Kinder mit Migrationshintergrund weiterhin

"Das deutsche Bildungssystem ist relativ perfekt dazu geeignet, die soziale Herkunft im Bildungserfolg zu verfestigen," so Albert Scherr, Direktor des Instituts für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. [EPA-EFE | Sascha Steinbach]

Wie gut ein Kind in der Schule abschneidet, hängt in Deutschland eng mit dem Elternhaus zusammen – und Personen mit Migrationsgeschichte scheinen von strukturellen Ungleichheiten besonders betroffen zu sein. OppositionspolitikerInnen fordern Reformen, doch Fachleute befürchten, dass es an politischem Willen für die notwendigen Umwälzungen mangelt.

Die Ungleichheit im deutschen Bildungssystem ist ein gut dokumentiertes Problem. Seit Jahrzehnten bestätigen Studien, dass SchülerInnen aus besser gestellten sozioökonomischen Verhältnissen auch bei gleichen kognitiven Fähigkeiten durchweg besser abschneiden als ihre AltersgenossInnen. Diese Kinder werden eher für die höchsten Bildungsschienen empfohlen und haben eine höhere Wahrscheinlichkeit eine Universität zu besuchen.

Der im Januar veröffentlichte Bildungsbericht 2020 der Bundesregierung stellt fest: „Die [sozioökonomische] Herkunft prägt nicht nur den Übergang auf die weiterführenden Schulen, sondern spielt auch für die weitere Schullaufbahn eine wichtige Rolle.“

Anfang des Monats forderten OppositionspolitikerInnen der Grünen, der Linken und der FDP während einer Debatte über den Bericht im Bundestag daher Reformen. Man müsse die strukturelle Ungleichheit im Bildungssystem angehen.

Fachleute gehen jedoch davon aus, dass der politische Wille für diese Art von Umwäzungen, die für einen echten Wandel notwendig wären, fehlt.

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Probleme für SchülerInnen mit Einwanderungsgeschichte

Besonders deutlich werden die Probleme bei SchülerInnen mit „Migrationshintergrund“. Laut Bericht ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder gleichzeitig von sozialen, finanziellen und bildungsbezogenen Risikofaktoren betroffen sind, viermal höher als bei anderen Schülerinnen und Schülern. Das macht ihre Situation zu einer einzigartigen Herausforderung.

„Es wird insbesondere dann schwierig, wenn sich Risikolagen aufhäufen – und wenn Diskriminierung und Rassismus hinzutreten,“ so der Migrantendachverband BV-NeMO gegenüber EURACTIV.de.

In der Altersgruppe der 30- bis 35-Jährigen haben „nur“ 18,7 Prozent der in Deutschland geborenen Personen mit Migrationshintergrund einen Hochschulabschluss. Bei denjenigen mit zwei in Deutschland geborenen Elternteilen sind es hingegen 29,6 Prozent.

Strukturelle Ungleichheiten variieren je nachdem, woher die Familie stammt, stellt auch der Bericht fest. Diejenigen aus den westlichen und nördlichen EU-Ländern hatten weitaus häufiger einen Hochschulabschluss als diejenigen mit einem Hintergrund aus Osteuropa oder der Türkei.

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Strukturelle Nachteile

“Soziale Benachteiligung und Migration sind in Deutschland historisch eng gekoppelt,“ erklärt Albert Scherr, Direktor des Instituts für Soziologie der Universität Freiburg, gegenüber EURACTIV.

Scherr betont weiter, dass die Nachteile auch durch die Art und Weise, wie das deutsche Bildungssystem aufgebaut ist, verstärkt werden. “Die Frage ist, ob Schulen mehr oder weniger [für mögliche Nachteile] kompensieren,“ sagt Scherr und weist dabei auf zwei Elemente des deutschen Systems hin, die einen Ausgleich eher weniger wahrscheinlich machen als dies anderswo der Fall ist.

Erstens werden in Deutschland die SchülerInnen nach ihren schulischen Fähigkeiten „getrennt“. Während andere Länder typischerweise erst zwischen dem sechsten und zehnten Schuljahr damit beginnen, SchülerInnen dementsprechend zu „tracken“, ist in den meisten deutschen Bundesländer dieses Prozedere nach der vierten Klasse Usus. “Die Bildungsforschung zeigt: Vier Jahre Schule ist viel zu früh,“ erklärt Scherr.

Klaus Kohlmeyer, Geschäftsführer von BQN Berlin, einem Verein, der sich für die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Migrationsgeschichten einsetzt, stimmt dieser Ansicht zu: „Der frühe Selektionsprozess und der permanente Bewertungs- und Benotungsdruck demütigt Kinder und Jugendliche, statt sie zu stärken,“ kritisiert er gegenüber EURACTIV.

Zweitens läuft die öffentlichen Schulbetreuung in Deutschland in der Regel nur bis zum frühen Nachmittag – was einen Teil der Ausbildung der SchülerInnen an die Eltern delegiert, die besser oder eben weniger gut in der Lage sind, ihre Kinder zu unterstützen, so Scherr.

Noch schwieriger wird die Situation, wenn das Erlernen von Sprachen hinzukommt. “Die Sprachförderung ist in Deutschland unterentwickelt,“ meint Scherr und fügt hinzu, dass das System schlichtweg nicht für SchülerInnen ausgelegt sei, die Deutsch nicht als Erstsprache sprechen.

Auch die LehrerInnen hätten eine Rolle zu spielen. “Es gibt bei deutschen LehrerInnen immer noch die starke Haltung: ‚Ja, das liegt halt an den Familien […] Das kann man nicht mir anrechnen,'“ so Scherr. Es herrsche die Auffasung: „Das ist Schicksaal, ich komme gegen die Familie nicht an.“

Aus diesen Gründen sei das deutsche Bildungssystem „relativ perfekt dazu geeignet, die soziale Herkunft im Bildungserfolg zu verfestigen” , so Scherr weiter.

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„Damit gewinnt man keine Wahl“

Die Bildungspolitik ist Sache der 16 Bundesländer, was zu einem bundesweiten Flickenteppich im Bildungswesen führt. Einige Länder, wie beispielsweise Berlin, haben diese traditionellen Strukturen verändert, indem sie die SchülerInnen erst nach der sechsten Klasse auf getrennte Schulen verteilen. Die Stadt verfügt außerdem über ein ausgedehntes System integrierter Gesamtschulen, die alle SchülerInnen unabhängig von ihren akademischen Fähigkeiten „zusammenhalten“.

Scherr würde es bevorzugen, wenn das bisherige Tracking und die Trennung sogar noch später, bestenfalls nach der 10. Klasse, kommen würde. Kohlmeyer hingegen würde sich wünschen, dass die Schulen komplett auf diese „Selektion“ der SchülerInnen für verschiedene Berufswege verzichten.

Scherr geht jedoch davon aus, dass der politische Wille für die notwendigen drastischen Reformen einfach nicht vorhanden ist: “Jeder Politiker weiß: Wenn er jetzt eine substanzielle Veränderung des Bildungssystems anstreben würde, würde das einen großen Teil der einheimischen Mittelschicht-Eltern gegen ihn aufbringen. Das fasst niemand ernsthaft an, weil jeder weiß: Damit gewinnt man keine Wahl.“

[Bearbeitet von Josie Le Blond und Tim Steins]

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