Der Afrozensus – erste Datenerfassung seiner Art zu Rassismus

Der Afrozensus ist die erste umfassende Studie, die sich mit den Lebensrealitäten, Perspektiven und Diskriminierungserfahrungen von Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Menschen in Deutschland befasst. [AleFron/Shutterstock]

Eine am Dienstag (30. November) veröffentlichte Studie zeigt das strukturelle Problem von Rassismus in Deutschland auf und fordert eine konkrete, in die Zukunft weisende Infrastruktur zur Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung.

Der Afrozensus ist die erste umfassende Studie, die sich mit den Lebensrealitäten, Perspektiven und Diskriminierungserfahrungen von Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Menschen in Deutschland befasst.

Die Studie wurde vom Bildungs- und Empowerment-Projekt Each One Teach One (EOTO) und Citizens for Europe (CFE) durchgeführt und von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) gefördert.

“Der Afrozensus ist ein Meilenstein der deutschen Geschichte”, so Anne Chebu, Moderatorin der digitalen Fachtagung. Er ist ein “bisher einzigartiges Projekt”, kommentierte auch Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

“Nie zuvor wurde so tiefgehend untersucht, welche speziellen Formen anti-Schwarzen Rassismus nehmen kann. Die Ergebnisse machen sehr deutlich, was viele schwarze, afrikanische und afrodiasporische Menschen aus dem eigenen Leben leider bereits lange und gut kennen”, erklärte Franke.

Der Afrozensus umfasst nicht nur eine Auswertung der Befragung von circa 6.000 Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Menschen in Deutschland, sondern auch Interviews mit Expert:innen und Handlungsempfehlungen für die Politik, Verwaltung und Gemeinschaft. Er zeigt auch, wie Betroffene mit Diskriminierungserfahrungen umgehen und welchen großen gesellschaftlichen Beitrag die Befragten in Form von sozialem und politischem Engagement einbringen.

Bereiche des freiwilligen Engagements [Afrozensus Bericht]

 

Daniel Gyamerah (EOTO) fasste die Ergebnisse des Afrozensus so zusammen: “Der Afrozensus zeigt, das Problem ist strukturell, nicht individuell”. Er bietet laut Gyamerah neben einer Datengrundlage aber auch eine “Validierung der individuellen und kollektiven Erfahrung von Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Menschen und ein ‘empowerement’ gegen das Gefühl der Isolation“.

Das Problem der Datenerhebung

Die Erhebung von Daten zum Thema Rassismus und Gleichstellung ist historisch gesehen ein sensibles Thema für viele europäische Staaten, Deutschland mit inbegriffen. Trotzdem sei dies für die Verabschiedung von effektiven Gesetzen im Bereich anti-Rassismus und anti-Diskriminierung unablässlich, : “Daten, die in Beweise umgewandelt werden können, ermöglichen es politischen Entscheidungsträgern, ihre Strategien besser zu konzipieren, anzupassen, zu überwachen und zu bewerten”, so die EU-Antirassismusbeauftragte Michaela Moua,

“Die Bedeutung des Afrozensus hängt mit der Erhebung dieser Art von Daten zusammen”, so Moua. “Sie zeigen die Realitäten von schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Menschen in Deutschland. Außerdem bietet der Community-basierte Ansatz eine wunderbare Ergänzung zu offiziellen Daten”.

“Diese Art der Datenerhebung sollte geschätzt werden und wird hoffentlich für die politische Entscheidungsfindung in Deutschland verwendet werden”, fügte Moua hinzu.

Die anderen Teilnehmer:innen der Veranstaltung stimmen Moua bei diesem Thema zu. „Unsere Daten im Moment reichen nicht aus in Deutschland, um strukturelle Diskriminierung aufzuzeigen“, so Franke.

Prof. Dr. Maisha Maureen Auma fügt hinzu, dass sie die Hoffnung hat, dass mit dem Afrozensus „eine neue Zeitrechnung beginnen kann, in der wir viele weitere an den komplexen Realitäten angepassten Versionen des Afrozensus gestalten können. Solange eben, wie rassistisch geprägte Normen einen Teil unserer Realität bleiben“.

“Der Afrozensus unterstreicht unsere langjährige Forderung”, so Franke. “Nötig sind flächendeckende Beschwerdestrukturen, wie zum Beispiel unabhängige Polizeibeauftragte. Es ist gut, dass die künftige Ampelkoalition hier auf Bundesebene tätig werden will.“

Frankes weitere Forderungen beinhalten “Landes-antidiskriminierungsgesetze in allen Bundesländern” und eine “Ausweitung des Schutzes des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG)”. Damit Betroffene besser vor Diskriminierung durch staatliches Handeln geschützt werden.

“Auch hier befinden sich erfreuliche positive Signale im Koalitionsvertrag”, so Franke. “Angekündigt wird nicht ‘nur’ eine weitere Evaluation des AGG, sondern auch eine Schließung von Schutzlücken, eine Verbesserung des Rechtsschutzes, sowie die Ausweitung seines Anwendungsbereichs”.

Der Afrozensus im globalen Kontext

Im Jahr 2018 veröffentlichte die EU-Agentur für Grundrechte (FRA) ihre Studie “Schwarz sein in der EU” und die UNO brachte dieses Jahr ihre “Agenda für einen transformativen Wandel für ‘Rassengerechtigkeit’ und Gleichberechtigung” heraus. Laut Moua zeigen diese Berichte ganz deutlich, wie weit verbreitet die Diskriminierung Schwarzer und Menschen mit afrikanischer Abstammung ist und dass viele Menschen auf globaler Ebene rassistische Belästigung und Gewalt erfahren, auch durch Strafverfolgungsbehörden.

Moua ging auch weiter auf den EU-Aktionsplan gegen Rassismus ein: “Der Plan besteht aus umfassenden, horizontalen und intersektionalen Maßnahmen, die ich auch im Afrozensus gesehen habe”. Dieser Intersektionalitätsansatz ist laut Moua bedeutend: “Es ist wichtig zu erkennen, dass die Machtstrukturen des Rassismus zwar ähnlich funktionieren, aber die Erscheinungsformen von Rassismus sehr unterschiedlich sein können”, so Moua.

EU-Aktionsplan gegen Rassismus auf einer Wellenlänge mit UN-Rassismusbericht

Der EU-Aktionsplan gegen Rassismus deckt sich nach Ansicht von Experten mit dem UN-Rassismusbericht. Es fehlt jedoch ein integrierter Ansatz, wie die Maßnahmen in die Praxis umgesetzt werden können.

Auch Teresa Bremberger, Sozialwissenschaftlerin und Mitglied von EOTO, hebt die Bedeutung von Intersektionalität hervor: „Schwarze Lebensrealitäten sind nicht eindimensional, sondern von Mehrfachzugehörigkeiten und Mehrfachdiskriminierung geprägt“, dazu gehören zum Beispiel verschiedene Einkommenslevel, Geschlechteridentitäten und Behinderungen.

“Rassismus muss auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen angegangen werden, aber der Ausgangspunkt muss struktureller Rassismus sein“, fährt Moua fort. „Struktureller Rassismus ist die gefährlichste Art von Rassismus. Er ist schwer sichtbar, aber sehr schädlich, da er den Zugang zu Arbeitsplätzen, Wohnraum, Gesundheitsversorgung beeinträchtigt und Gewaltaktionen unterstützt. Das ist etwas, das der Afrozensus deutlich zeigt: Rassismus passiert tatsächlich in allen Lebensbereichen”.

Laut Moua zeigt der Afrozensus ebenfalls, dass die Mehrheit der Teilnehmer:innen den Schutz vor rassistischer Diskriminierung nicht als ein existierendes Menschenrecht ansehen. Hier spielen nationale Gleichstellungsstellen eine wesentliche Rolle, um sicherzustellen, dass die Menschen ihre vollen Rechte genießen können. Die Realität ist allerdings derzeit, dass diese Stellen mit unterschiedlichen Kompetenzen, (Un-)abhängigkeiten und Ressourcen zu kämpfen haben.

Die EU-Gleichstellungsgremien und der Kampf gegen rassistische Diskriminierung

Die EU-Gleichstellungsstellen haben ein erhebliches Potenzial, zu einer gleichberechtigteren Gesellschaft beizutragen – und sie haben sich als effektive Akteure für Wandel erwiesen.

In der EU werde derzeit an einer Lösung dieses Problems gearbeitet, so Moua, mit dem Ziel, bis Ende 2022 verbindliche Rechtsvorschriften zu Standards für Gleichstellungsstellen zu verabschieden.

Dieser Artikel ist Teil des MINDSET-Projekts, das von der Europäischen Kommission (GD JUST) über das REC-Programm kofinanziert wird. Weitere Informationen über MINDSET und unsere Inhalte zum Thema Nichtdiskriminierung in Europa finden Sie auf unserer Website.

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