Afrikanische Community in Frankreich kritisiert mangelnde Integration, hofft auf Unternehmertum

Präsident Emmanuel Macron spricht während einer Debatte mit dem Titel "Parlons d'Afrique" (Lasst uns über Afrika sprechen) mit Mitgliedern der afrikanischen Diaspora in Frankreich. (Archivbild aus Paris, 11. Juli 2019.) [EPA-EFE/LUDOVIC MARIN]

Eine Anfang Februar veröffentlichte Umfrage des französischen Präsidialrats für Afrika zeigt die wahrgenommenen Schwierigkeiten bei der Integration von Menschen ausländischer Herkunft in die französische Gesellschaft – insbesondere bei Personen aus der afrikanischen Diaspora.

Die Gründung des sogenannten Präsidialrats für Afrika (Conseil présidentiel de l’Africa, CPA) war bereits im August 2017 von Präsident Emmanuel Macron angekündigt worden. Der Rat, der sich aus führenden Persönlichkeiten der französischen und afrikanischen Zivilgesellschaft zusammensetzt, soll unter anderem ein neues Licht auf die französische Politik gegenüber dem afrikanischen Kontinent werfen und die wechselseitigen Beziehungen verbessern.

„Die Zukunft der Welt wird sich zu einem großen Teil in Afrika abspielen,“ erklärte Macron damals in seiner Rede vor der Botschafterkonferenz. Frankreich dürfe nicht „dieses postkoloniale Land“ sein, dessen Vergangenheitsbewältigung die politische Kooperation schwächt: „Die Länder Afrikas werden unsere großen Partner sein,“ so der Präsident.

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Parallel zu ihrer Bestandsaufnahme des Diaspora-Unternehmertums im September 2020 hat die CPA nun eine neue Umfrage vorgelegt, „um Feedback vor Ort mit einem wissenschaftlichen Ansatz zu ergänzen“, so der Generalsekretär des Rates, Tony Bernard, gegenüber EURACTIV Frankreich.

Unter dem nüchternen Titel „Französinnen und Franzosen aus der afrikanischen Diaspora“ sind die Ergebnisse beim Thema Integration allerdings alles andere als hoffnungsfroh: 73 Prozent der 1.000 Befragten sind demnach der Meinung, dass die Integration von Menschen ausländischer Herkunft in die französische Gesellschaft „sehr schlecht“ oder „recht schlecht“ verläuft.

Von den übrigen 27 Prozent der Befragten waren des Weiteren nur sieben Prozent der Ansicht, dass die Integration „sehr gut“ verlaufe; 20 Prozent meinten, die Integration funktioniere „recht gut“.

Befragt worden waren französische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die entweder selbst in einem afrikanischen Staat geboren worden sind oder deren Vorfahren dorther stammen.

Als Negativ-Beispiele wurden die mangelnde Chancengleichheit (75 Prozent der Befragten), anderweitige Diskriminierung (73 Prozent), Rassismus (66 Prozent), und schließlich ein nicht möglicher wirtschaftlicher Aufstieg sowie Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche (jeweils 62 Prozent) genannt.

Bezüglich der Lösungsansätze sahen 81 Prozent der Befragten Bildung als ein wirksames Mittel zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund an.

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80 Prozent der Befragten stellten auch fest, dass die afrikanische Diaspora im öffentlichen Raum – in den Medien, im öffentlichen Dienst, in den gewählten Parlamenten – nicht gut vertreten sei. Schlimmer noch: 55 Prozent glauben, dass ihre schulische oder berufliche Laufbahn aufgrund ihrer Herkunft erschwert wurde. Davon geben 25 Prozent den Medien, 24 Prozent der Gesellschaft allgemein und 15 Prozent der Politik die Schuld.

Auch die Geschichtsschulbücher sind Gegenstand der Kritik: Fast 90 Prozent der Befragten waren demnach der Meinung, dass die französische Kolonialgeschichte schlecht aufgearbeitet und unterrichtet wird. Bei Menschen mit Migrationshintergrund aus dem Afrika südlich der Sahara steigt dieser Anteil sogar auf 97 Prozent.

Wirtschaft und Unternehmertum als Chance?

Zwar sind die Meinungen im Großen und Ganzen recht eindeutig; Uneinigkeit herrschte aber bei der Frage nach der französischen Politik gegenüber afrikanischen Staaten: 52 Prozent der Befragten waren demnach der Meinung, dass die Außenpolitik Frankreichs keinen Einfluss auf ihr Leben in Frankreich selbst hat; 48 Prozent sahen es genau umgekehrt.

Zu den positiven Punkten, die die Studie aufzeigt, gehört indes, dass 83 Prozent davon ausgehen, dass Afrika „wirtschaftliche Chancen“ für Frankreich bietet. Außerdem zeigten sich 71 Prozent der Französinnen und Franzosen aus der afrikanischen Diaspora gewillt, sich für ein Projekt in Verbindung mit ihrem Herkunftsland zu engagieren. Dieser Anteil stieg bei den 18- bis 24-Jährigen auf 76 Prozent.

Aus Sicht von CPA-Koordinator Lauriano Do Rego könnten vor allem das Unternehmertum und die Wirtschaft positive Akzente setzen. Er glaubt: „Es gibt innerhalb der Diaspora ein starkes, noch ungenutztes Potenzial für Unternehmensgründungen und Innovationen.“

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Unter anderem empfiehlt der CPA die „Entwicklung einer neuen Phase“ des MEETAfrica-Programms. Mit diesem wollen die Europäischen Union und die Mitgliedsstaaten, allen voran Frankreich und Deutschland, zur „Förderung von Wohlstand und Arbeitsplatzschaffung“ in Afrika beitragen.

In einem aktuellen Dreijahresprogramm (2020-2023) zielt die zweite Phase darauf ab, Talente aus der afrikanischen Diaspora in Europa ebenso wie auf dem afrikanischen Kontinent zu fördern. Das Gesamtbudget von 8,5 Millionen Euro fokussiert sich insbesondere auf Tunesien, Marokko, den Senegal, die Elfenbeinküste, Mali und Kamerun.

Das Programm umfasst insbesondere die technische Unterstützung von 140 Existenzgründern bei der Gründung oder Weiterentwicklung ihrer Unternehmen sowie die Finanzierung von 170 Projekten, die von der Diaspora getragen werden, sowie die Identifizierung von zusätzlichen Finanzierungsmechanismen, die mobilisiert werden können.

„Es ist notwendig, Lösungen zu finden, um Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Diaspora besser zu unterstützen, ihren Zugang zu Informationen und Finanzierung zu verbessern, ihnen zu helfen, von Skaleneffekten zu profitieren, sowie die Mobilität von Diaspora-Talenten zu fördern,“ so der CPA-Koordinator Do Rego.

Er zeigte sich optimistisch: „Daran arbeiten wir und das werden wir dem Präsidenten der Republik vorschlagen.“

[Bearbeitet von Tim Steins]

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