25 Jahre Holocaust-Gedenken im Deutschen Bundestag

Seit 25 Jahren gedenkt der Bundestag den Menschheitsverbrechen im Nationalsozialismus. In den Reden Gäste wird stets gelobt, aber auch deutliche Kritik geübt. [EPA-EFE/ADAM BERRY]

Seit 1996 erinnern vor allem Auschwitz-Überlebende und Staatspräsidenten an die Menschheitsverbrechen im Nationalsozialismus. Oft geht es dabei auch um Gefahren in der Gegenwart – überall auf der Welt.

Dies ist ein Artikel von EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle.

„Völkermord“ – ist dieser Rechtsbegriff ein passendes Wort für die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden in der Zeit des Zweiten Weltkriegs von 1939 bis 1945? Offenkundig nicht. In Israel wird das größte Menschheitsverbrechen „Shoah“ genannt und bedeutet „Katastrophe“ oder „großes Unglück“. Außerhalb des 1948 gegründeten jüdischen Staates ist meistens von „Holocaust“ die Rede. Das aus dem Griechischen abgeleitete Wort bedeutet „vollständig verbrannt“.

Der Versuch, den von Deutschen begangenen Zivilisationsbruch in Worte zu kleiden, wird immer eine Herausforderung bleiben. Das spiegelt sich auch in der offiziellen Bezeichnung des 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog proklamierten „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ wider. Mit dem Datum, dem 27. Januar, wird an die Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Soldaten erinnert. „Opfer des Holocaust“, sagt jedoch das deutsche Staatsoberhaupt vor 25 Jahren, „wäre ein zu enger Begriff gewesen, weil die nationalsozialistische  Rassenpolitik mehr Menschen betroffen hat als die Juden.“

Zwei Jahre nach Herzogs Premierenrede spricht der 1926 in Prag geborene israelische Historiker Yehuda Bauer im Deutschen Bundestag in Berlin. Dabei erinnert er an die Völkermorde in Ruanda (1994), Kambodscha (1975-79) und Armenien (1915/16). Alle diese Völkermorde hätten auf bestimmten, wenn auch manchmal sehr ausgedehnten Territorien stattgefunden, sagt der Holocaust-Forscher. Aber „der Mord an den Juden war universell, weltweit gedacht“. Und er könne sich wiederholen – bestimmt nicht in derselben Form, aber sehr ähnlich vielleicht. „Und ich kann Ihnen nicht sagen, wer das nächste Mal die Juden und wer die Deutschen sein würden.“

"Erinnerung ist nicht genug"

Heute vor 75 Jahren wurde das deutsche Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. EU-Kommissionsvizepräsident Margaritis Schinas schreibt zu diesem Anlass: „Erinnerung ist nicht genug.“

Elie Wiesel: „Wie soll man den Kult von Hass und Tod begreifen?“

Im Jahr 2000 spricht erstmals ein Auschwitz-Überlebender in der Gedenkstunde zu den Abgeordneten im Plenarsaal und den Gästen auf der Zuschauertribüne: Elie Wiesel. Man glaube ihm hoffentlich, „dass ich ohne Hass und Bitterkeit spreche“, sagt der aus Rumänien stammende Schriftsteller mit US-amerikanischem Pass. „Werden meine Worte Sie verletzen?“, fragt Wiesel. Das sei nicht seine Absicht. „Wie soll man den Kult von Hass und Tod begreifen, der in Ihrem Lande herrschte?“ Er glaube nicht an Kollektivschuld, sagt er seinem ganz überwiegend deutschen Publikum im Land der Täter – und warnt zugleich vor einem Schlussstrich. „Wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal.“

2001 hält Roman Herzogs Nachfolger als Bundespräsident, Johannes Rau, die Gedenkrede. Sie steht unter dem Eindruck eines erstarkenden Rechtsextremismus, aber auch gesellschaftlicher Debatten über deutsche Schuld und Verantwortung. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte sich Deutschland gerade dazu durchgerungen, NS-Zwangsarbeiter mit umgerechnet knapp fünf Milliarden Euro zu entschädigen. Zudem tobte eine heftige Debatte über den Bau des Holocaust-Denkmals in Berlin.

Bronislaw Geremek „Als Nächstes sind immer Menschen dran“

Seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 hat sich das gesellschaftliche Klima stark verändert. Immer wieder gibt es Tote bei Angriffen auf Menschen mit Migrationshintergrund und Flüchtlingsunterkünfte. Gewalttätiger Rechtsextremismus müsse politisch und juristisch bekämpft werden, mahnt Rau: „Die Menschenwürde ist ja nicht erst dann in Gefahr, wenn Häuser angezündet und Menschen durch Straßen gehetzt werden.“

Als 2002 der Holocaust-Überlebende und ehemalige polnische Außenminister Bronislaw Geremek in der Gedenkstunde an die Opfer des Nationalsozialismus spricht, steht die Welt unter dem Schock der islamistischen Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA. Die zeitgenössische Geschichte habe das „Kapitel des Hasses“ nicht abgeschlossen, sagt Geremek und fordert ein „gemeinschaftliches, internationales Handeln“. Er zieht eine Linie von den Verbrechen der Nazis über Völkermorde nach 1945 bis in die Gegenwart. Die Welt hätte nicht hilf- und machtlos dastehen dürfen, als man in Deutschland Bücher verbrannt oder in Afghanistan Kulturdenkmäler zerstört habe. „Als Nächstes sind immer Menschen dran.“

Das umgedrehte B und die Erinnerung

Die Coronavirus-Pandemie hat auch Auswirkungen auf das Weltkriegsgedenken: Viele Veranstaltungen morgen und am Samstag fallen aus oder finden in anderer Form statt. Dies gibt aber Anlass, über das Erinnern und das Lernen aus der Geschichte nachzudenken.

Shimon Peres warnt vor der atomaren Bedrohung durch Iran

Bis 2007 sprechen dann ausschließlich Überlebende aus Vernichtungs- und Konzentrationslagern beim Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Der spanische Schriftsteller Jorge Semprún (2003) und die erste Präsidentin des Europa-Parlament Simone Veil (2004) blicken mit Hoffnung auf die bevorstehende Osterweiterung der Europäischen Union (EU). Zum ersten Mal in der langen Geschichte von Kriegen und Eroberungen habe sich die Einigung Europas nicht mit Gewalt vollzogen, betont Simone Veil. „Kann man ermessen, welchen moralischen Sieg es darstellt, dass der Beitritt der neuen Mitgliedsstaaten aus dem ehemaligen Ostblock heute in Freiheit und friedlich und demokratisch vonstatten geht?“

Shimon Peres ist 2010 der erste Präsident Israels, der im Reichstagsgebäude, dem Sitz des Bundestages, die Gedenkrede hält. Reuven Rivlin folgt ihm 2020. Peres warnt eindringlich vor den Bedrohungen seines Landes durch Massenvernichtungswaffen, „die im Besitz irrationaler Hände“ und von Menschen seien, „die nicht zurechnungsfähig sind“. Gemeint ist Israels Erzfeind Iran. Um eine zweite Shoah zu verhindern, „ist es an uns, unsere Kinder zu lehren, Menschenleben zu achten und Frieden mit anderen Ländern zu wahren“. 1994 hatte Peres den Friedensnobelpreis erhalten. Zusammen mit dem früheren israelischen Regierungschef Jitzchak Rabin und dem damaligen Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), Jassir Arafat.

Sinto Zoni Weisz beklagt Antiziganismus in Europa

Ein Jahr nach Shimon Peres ist 2011 Zoni Weisz als Gastredner in den Deutschen Bundestag eingeladen. Der 1937 in Den Haag (Niederlande) geborene Sinto verlor fast seine ganze Familie in NS-Vernichtungslagern. Der Völkermord an den Sinti und Roma sei ein „vergessener Holocaust“, sagt Weisz. Eine halbe Million Männer, Frauen und Kinder seien ausgerottet worden. Die Gesellschaft habe aber fast nichts daraus gelernt, „sonst würde sie heute verantwortungsvoller mit uns umgehen“.

Neben Italien und Frankreich beschuldigt er vor allem osteuropäische Länder wie Rumänien und Bulgarien, seine Minderheit „menschenunwürdig“ zu behandeln. In Ungarn zögen Rechtsextremisten umher und überfielen Juden, Sinti und Roma. „Wir sind doch Europäer und müssen dieselben Rechte wie jeder andere Einwohner haben, mit gleichen Chancen, wie sie für jeden Europäer gelten.“  Im Jahr nach seiner Rede wiederholt Weisz 2012 seine Vorwürfe – bei der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas. Errichtet wurde es direkt neben dem Reichstagsgebäude.

Österreichs Antisemitismus-Strategie: „Beste Antwort ist jüdisches Leben“

Österreich präsentierte seine Antisemitismus-Strategie. Sie ist ambitioniert – aber umsetzbar, sagt ein Experte. Auf europäischer Ebene will man stärker kooperieren, etwa sollen Daten zu Vorfällen vergleichbar werden.

Zwei Holocaust-Überlebende loben die deutsche Grenzöffnung 2015

Seit in Europa hunderttausende Flüchtlinge aus Bürgerkriegsländern Afrikas und Asiens nach Europa kommen, spielt dieses Thema auch in den Gedenkreden im Bundestag eine Rolle. Die aus Österreich stammende Literaturwissenschaftlerin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger würdigt 2016 die Grenzöffnung Deutschlands für rund eine Million Flüchtlinge. Das Land, das für die „schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts“ verantwortlich gewesen sei, habe den „Beifall der Welt“ gewonnen. Sie sei eine von den vielen Außenstehenden, „die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind“.

Die deutsch-britische Cellistin Anita Lasker-Wallfisch knüpft 2018 an diese Gedanken an. Für die Juden hätten sich in der Nazi-Zeit die Grenzen hermetisch geschlossen und nicht wie 2015 in Deutschland geöffnet, „dank dieser unglaublich generösen, mutigen, menschlichen Geste, die hier gemacht wurde“. Dass sie im Land der NS-Massenmörder einmal solche Worte sprechen würde, hätte sich die Musikerin aus dem sogenannten Mädchen-Orchester in Auschwitz Jahrzehnte lang nicht vorstellen können. Denn sie hatte sich geschworen, „nie wieder meine Füße auf deutschen Boden zu setzen“. Ihren Sinneswandel bereue sie aber nicht. Denn Hass sei ein Gift, „und letzten Endes vergiftet man sich selbst“.

Heute (27. Januar) findet die nächste Gedenkstunde statt

Die nächste Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus findet am Mittwoch, 27. Januar 2021, statt. Dieses Mal sind zwei Gastrednerinnen in den Bundestag eingeladen: Charlotte Knobloch und Marina Weisband. Die eine ist 88, die andere 33. Knobloch, bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, wurde vor der Deportation in das KZ Theresienstadt gerettet. Weisband ist Grünen-Politikerin und Publizistin. Beide Frauen verbindet ihr jüdischer Glaube – und ihr Engagement gegen Antisemitismus.

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