Corona-Rassismus: „Es geht um Leib und Leben“

Rechtsextremismusforscherin Judith Rahner sprach mit EURACTIV Deutschland über einen Anstieg des Coronavirus-bezogenen Rassismus, der langfristig anhalten könnte. [Sybille Reuter/shutterstock]

Als sich Anfang des Jahres das Coronavirus auszubreiten begann, entwickelte sich gleichzeitig eine zweite Pandemie: Die des Corona-Rassismus. Rechtsextremismusforscherin Judith Rahner spricht mit EURACTIV Deutschland über die Flexibilität und Anschlussfähigkeit der rassistischen Erzählungen an jahrhundertealte Vorurteile und darüber, warum dieser Rassismus länger grassieren könnte als das Virus selbst. 

Judith Rahner leitet die Fachstelle Gender und Rechtsextremismus bei der Amadeu Antonio Stiftung.

Frau Rahner, wieso erleben wir seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie vermehrt Rassismus?

Momentan erleben wir eine gesellschaftliche Ausnahmesituation, in der viele Menschen einen Kontrollverlust empfinden. Eine solche Situation ist prädestiniert dafür, Leute anfällig für verschwörungsideologische und rassistische Erzählungen zu machen.

Welche Rolle spielt dabei die Suche nach einem Sündenbock?

In einer gesellschaftlichen Krise wird eine Dynamik freigesetzt, in der Menschen Angst bekommen. Damit beginnt auch die Suche nach Sündenböcken, weil es natürlich viel einfacher ist zu gucken, wer die Schuld an der Situation trägt, anstatt auf sich selbst zu gucken und Verantwortung zu übernehmen.

Welche Formen von Rassismus sind Ihnen im Rahmen Ihrer Arbeit bei der Amadeu Antonio Stiftung in den letzten Wochen begegnet?

Wir in der Stiftung haben es so wahrgenommen, dass es verschiedene Phasen gab, in denen unterschiedliche Rassismen kursiert sind. In einer ersten Phase waren rassistische Anfeindungen häufig mit der Frage danach verbunden, wie das Virus nach Deutschland gelangen konnte. Vor allem der anti-asiatische Rassismus ist am Anfang der Corona-Krise in die Höhe geschnellt und war eine ganz eigene Pandemie. Dazu zählten rassistische Kommentare und verbale Gewalt, auch Husten und Spucken auf Personen, Beschimpfungen auf Social Media oder Diskriminierung in öffentlichen Verkehrsmitteln bis hin zu physischen Attacken. Vereinzelt gab es auch Übergriffe auf italienische Restaurants. Und auch Geflüchtetenunterkünfte wurden unter Generalverdacht gestellt. Es wurden sozusagen alle Nichtdeutschen dafür verantwortlich gezeichnet, dass das Virus nach Deutschland kommt.

Welche Annahmen liegen diesen Schuldzuweisungen zugrunde?

Eine wichtige Rolle spielt das Bild des “deutschen Volkskörpers”. Die Erzählung, dass dieser Volkskörper, der eigentlich stark und immun ist, von Parasiten oder generell von außen befallen wird, gibt es schon seit Jahrhunderten. Sie wird in der aktuellen Situation neu ausgewertet.

Und in der zweiten Phase?

Hier ging es eher darum, einen Schuldigen zu finden, falls es zu erneuten Ausbrüchen in Deutschland kommt. In der Erzählung rechter Gruppierungen lautete der Vorwurf dann so, dass vor allem Geflüchtete und Muslime sich nicht an “unsere deutschen Regeln” halten würden und “wir alle dafür bezahlen müssen” und dass südosteuropäische Migrant*innen das Virus nach Deutschland bringen würden.

Das entspricht doch dem, was wir aktuell in Berlin-Neukölln oder in Göttingen beobachten können, wo Roma-Familien unter eine Art Generalverdacht gestellt werden? 

Genau, die Rassismen knüpfen dabei  an Jahrhunderte alte Feindseligkeiten an, hier vor allem an anti-chinesische Feindbilder oder tief verwurzelte Ressentiments gegen Roma. Beispielsweise wenn nichtdeutsche Menschen als unrein und unhygienisch beschrieben werden. Ein rassistisches Narrativ, dass in Zeiten von erhöhten Hygieneregeln natürlich enorme Wirkung erzielen kann. Für die rechte Szene sind solche Corona-Ausbrüche eine willkommene Gelegenheit, an diese, im deutschsprachigen Raum immer noch stark grassierenden Erzählungen anzuknüpfen.

Wenn in einem Haus, in dem angeblich nur Roma-Familien leben, Corona ausbricht, dann „wissen“ natürlich alle gleich, wer die Schuld daran trägt. Da werden sozioökonomische Faktoren nicht mehr beachtet, sondern nur eine Verknüpfung mit der Herkunft vorgenommen. Dieses Muster erkennen wir auch in anderen europäischen Ländern, in denen Regierungen ganze Siedlungen abgeriegelt haben, um der eigenen Bevölkerung zu suggerieren, dass man alles im Griff hat.

Auch von Seiten der Politik werden solche rassistischen Erzählungen befeuert, wenn Donald Trump vom “Wuhan-Virus” spricht, oder der nordrhein-westfälische Ministerpräsident öffentlich darlegt, dass die Corona-Ausbrüche in seinem Bundesland dadurch bedingt seien, dass Arbeiter aus Rumänien und Bulgarien das Virus in die Fleischfabriken eingeschleppt hätten. Welche Wirkung erzielt eine solche Rhetorik?

Solche Äußerungen, wie die von Herrn Laschet, geben rassistischen Erzählungen nochmal so richtig Vorschub. Das darf nicht passieren. Indem Herr Laschet in dem “bösen Fleischbaron” und den “ausländischen Arbeitern” Schuldige findet, entzieht er sich selbst der Verantwortung. Gleichzeitig fragen die Leute nicht weiter, denn er bedient ja die Stereotype. Laschets Aussagen halte ich auch deshalb für sehr gefährlich, da er im Prinzip argumentiert, dass dies eine Folge der europäischen Freizügigkeit ist. Und das wiederum ist Wasser auf die Mühlen der AfD und anderer rechtsextremer Kräfte und damit politisch äußerst gefährlich.

Welche Folgen hat es für die Integration, dass auch öffentlich die „Schuld“ auf bestimmte Gruppen abgewälzt wird?

Das hat einen sehr großen Effekt, über den wir äußerst besorgt sind. Denn wo wird das aufgefangen, was an Vorurteilen geschürt wird? Durch die Einschränkungen des öffentlichen Lebens gab es kaum noch Möglichkeiten einer Korrektur oder Konfrontation von Verschwörungsideologien und Rassismen. Für die Gruppen, die sich Diskriminierung ausgesetzt sehen, fehlten ebenfalls Ansprechpartner und Unterstützung und das ist fatal. Denn man findet auch keine politischen Mehrheiten mehr, das irgendwie auszuhebeln und aufzuarbeiten, weil die Bekämpfung der Corona-Pandemie Priorität hat und alles andere warten muss.

Weil Corona sozusagen alles überdeckt?

Genau, nach dem Motto, wir müssen unsere ganzen Ressourcen in die Wirtschaft stecken und in den Schulen muss der Unterrichtsstoff nachgeholt werden. Dabei bleiben keine Kapazitäten, um sich mit Fragen von Rassismus und Stigmatisierung zu beschäftigen.

Haben Sie den Eindruck, dass diese Stereotype und Rassismen langfristig bestehen bleiben?

Ja, ich glaube nicht, dass die rassistischen Ideen, die in den vergangenen Monaten wieder aufgebrochen wurden, einfach wieder verschwinden werden. Denn die “Legitimität” des Rassismus ist dieses Mal die Gesundheit und damit geht es um Leib und Leben jedes Einzelnen. Corona wird instrumentalisiert, um rassistische Vorurteile zu schüren, Ängste zu mobilisieren und Feindbilder aufzubauen.

Zudem darf man nicht unterschätzen, dass das dicke Ende möglicherweise noch kommt. Wenn die wirtschaftlichen Folgen der Krise erstmal in Gänze abzusehen sind, werden wir erleben, dass die Suche nach Sündenböcken noch viel mehr grassieren wird. In jedem Fall täten wir gut daran, langfristig darüber nachzudenken, wie man so etwas durch Präventionsprojekte wieder einfangen kann.

Melden Sie sich für "The Capitals" an

Vielen Dank für das Abonnieren des The Capitals Newsletters!
  • Mit EURACTIV immer auf dem Laufenden!

Unterstützer

Measure co-financed by the European Union

Diese Publikation spiegelt ausschließlich die Ansichten des Autors wider. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung (Mitteilung) trägt allein der Verfasser. Die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN