USA: globale Macht ohne globale Interessen?

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Die USA können fast überall in der Welt militärisch tätig werden - doch werden sie das in Zukunft auch tun? [Foto: Shutterstock]

Die USA sind seit Jahrzehnten unumstrittener Hegemon der Weltpolitik, das Land besitzt beispiellose militärische Macht. Doch gerade unter Donald Trump zeigt sich: die USA müssen nichts, sie können nur. Wird sich das auf dem anstehenden NATO-Gipfel wieder bestätigen?

Die Amerikaner kommen vom Mars, die Europäer von der Venus. Erstere sorgen in einer hobbschen Welt der Großmachtrivalität für Ordnung und Stabilität, gerade auch militärisch. Letztere fahren Trittbrett und können nur deshalb ungestört in ihrem „kantschen Paradies“ leben, weil sich die Vereinigten Staaten um die internationale Sicherheit kümmern. Solche und ähnliche Vorwürfe an Europa und Deutschland sind nicht neu. Und so wundert es nicht, dass sie auch im Vorfeld des NATO-Gipfel von dieser Woche aufgetaucht sind.

Doch während hierzulande rauf und runter debattiert wird, ob Präsident Trump in Brüssel einen weiteren Eklat provozieren wird; ob es sinnvoll wäre bis 2024 zwei Prozent de BIPs für Verteidigung auszugeben (im deutschen Fall wären dies immerhin 85 Mrd. Euro bei einer jährlichen Steigerung von 6,8 Mrd. Euro), deutet das US-amerikanische Taktieren der letzten Monate und Jahre auf ein weitaus wichtigeres Phänomen hin.

Ein Machtmonopol ohne Anreize zum Handeln

Entgegen der weitläufigen Meinung leben wir in einer unipolaren und nicht in einer multipolaren Welt. Die Vereinigten Staaten verfügen über ein in der modernen Geschichte beispielsloses Machtpotential. Ökonomisch effizient und produktiv, demografisch gut aufgestellt und belastbar, geografisch von „Fisch und Freunden“ umgeben, militärisch in der Lage überall auf dem Globus binnen einer Stunde zuzuschlagen, gestützt durch eine Globalisierung, die Technologie und Vermögen in den USA konzentriert anstatt zu zerstreuen, gibt es keine Nation, die Trumps Amerika umfassend herausfordern kann, auch nicht China oder Russland. Und es spricht vieles dafür, dass dies auch in den nächsten Jahrzehnten so bleiben wird.

Das Paradox ist, dass genau von dieser unipolaren Konstellation eine Gefahr für die liberale Weltordnung ausgehen kann. Denn die Vereinigten Staaten sind als einzige Supermacht besser als jede andere Nation dazu in der Lage für eine funktionierende Global Governance zu sorgen und kollektives Handeln zu ermöglichen. Doch haben sie wegen ihrer dominanten Stellung im internationalen System, ihres deutlichen Vorsprungs gegenüber den engsten Verfolgern, der geschützten Geografie, des großen Binnenmarktes und einer breiten Ressourcenbasis weniger Anreize als jede andere Land dies auch tun.

Unter Trump und im Vorfeld des NATO-Gipfels am kommenden Mittwoch und Donnerstag zeigt sich genau das: Die USA müssen nichts, sie können nur. Das heißt auch, dass sie sich zu einer „globalen Macht ohne globale Interessen“ entwickeln könnten. Zu einem Land, das seine Ziele eng definiert, die Lasten der liberalen Weltordnung auf andere verlagert und bei Bedarf disruptiv tätig wird, da die Folgen davon zuerst die anderen treffen, bevor sie in die Vereinigten Staaten hineinwirken.

Krisenhafte Zeiten voraus

Doch der Ausfall von wohlwollender Systemführung ist unter den Vorzeichen von Unipolarität besonders schwer zu kompensieren. Einerseits aufgrund des beispiellosen Machtpotentials in den Händen der Amerikanerinnen und Amerikaner, andererseits durch das Problem kollektiven Handelns. Rüstungswettläufe, unsichere Seewege, sich abschottende Märkte, schwierige Antworten auf Klimawandel, Wasserknappheit, Flüchtlingskrisen oder Epidemien, sind die offensichtlichsten Folgen dieser Entwicklungen. Weniger offensichtliche sind hybride Kriege („das vernetzte Handeln der Schwächeren“), imperiale Versuchungen wie die US-Militärintervention gegen Irak von 2003, der Ausstieg Amerikas aus dem Atomabkommen mit Iran und Obsoleterklärungen von Bündnissen wie der NATO.

Kurzum: Wir müssen uns auf eine disruptive und krisenbehaftete Epoche einstellen. Frei nach Cofer Black, dem ehemaligen Chef des Counterterrorism Center der CIA, hat der US-amerikanische Hegemon seine Samthandschuhe ausgezogen. Es bleibt das unipolare Imperium, das in fast jede Ecke der Welt wirkt, wenn es denn möchte. Auf dieser Basis sollte Politik(-beratung) ansetzen – auf keiner anderen. Daran ändert auch der NATO-Gipfel nichts.

Über den Autor:

Tobias Fella ist Referent für deutsche und europäische Außen- und Sicherheitspolitik bei der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Berlin. Zuvor war er als Projektmanager bei der Hertie School of Governance und Fellow der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) tätig. Momentan arbeitet er an einer Monografie über den Niedergang der Vereinigten Staaten.

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