Umgekehrte Migration: Russland wird zum Auswanderungsland in Eurasien

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Diese neue Welle der Auswanderung aus Russland ist etwas Besonderes, weil sie aus vielen Gründen unumkehrbar sein wird. Russland wird von seinen buchstäblich besten Köpfen verlassen – von der akademischen Elite über IT-Spezialisten, Journalisten, politische und ökologische Aktivisten bis hin zu anderen qualifizierten Fachkräften. [Pavel L Photo and Video/Shutterstock]

Der Krieg in der Ukraine hat einen Massenexodus von Fachkräften und Unternehmern aus Russland losgetreten. Dabei wandert ein Großteil der Russen aufgrund der Sanktionen und bürokratischen Schwierigkeiten nicht in westliche Länder, sondern in die Länder Zentralasiens und des Kaukasus aus, schreibt Olga Gulina.

Dr. Olga Gulina ist eine russischstämmige deutsche Migrationsforscherin, die beim RUSMPI- Institute on Migration Policy tätig ist.

Die Länder Zentralasiens und des Kaukasus – Usbekistan, Kirgisistan, Kasachstan, Armenien und Georgien – sind bereits jetzt mit einem Zustrom von Staatsangehörigen Russlands konfrontiert, die angesichts des Krieges in der Ukraine das Land verlassen. Aufgrund der fehlenden Flugverbindungen und der bürokratischen Schwierigkeiten, die mit der Erlangung eines legalen Aufenthalts in westlichen Ländern verbunden sind, wandern die russischen Staatsbürger in all jene Staaten aus, die Inhaber russischer Pässe noch reinlassen.

Wer geht weg?

Diese neue Welle der Auswanderung aus Russland ist etwas Besonderes, weil sie aus vielen Gründen unumkehrbar sein wird. Russland wird von seinen buchstäblich besten Köpfen verlassen – von der akademischen Elite über IT-Spezialisten, Journalisten, politische und ökologische Aktivisten bis hin zu anderen qualifizierten Fachkräften.

Es ist bislang noch schwierig, die Größenordnung der Abwanderung zu quantifizieren. Einigen Experten zufolge sind etwa 200 Tausend Russen ausgewandert, hauptsächlich nach Armenien (80 Tausend), nach Georgien – etwa 25 Tausend (nach Angaben des georgischen Innenministeriums sogar 30 Tausend) und in geringerer Zahl nach Kirgisistan, Israel und in die baltischen Länder. Es ist vorläufig schwierig, diese Zahlen zu bestätigen, da in allen Aufnahmeländern noch keine offiziellen Statistiken vorliegen und die Aussagen der Beamten oft widersprüchlich sind.

Dutzende von Social-Media-Seiten wurden eingerichtet, um hochqualifizierten Fachleuten aus Russland zu helfen, nach Usbekistan, Kasachstan oder Israel auszuwandern. Armenien hat ein Programm zur Repatriierung aus Belarus, der Ukraine und Russland aufgelegt, das den Teilnehmern einen Flug nach Armenien, armenische Sprachkurse und Unterstützung bei der Arbeitssuche und Integration garantiert.

Bei der Abwanderung handelt es sich nicht nur um einen Exodus von Menschen, sondern auch einen Abfluss von Ideen, Unternehmen und Zukunftspotenzial. Die Verlagerung von Unternehmen aus Russland nach Zentralasien und in den Kaukasus ist bereits Realität.

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine gingen nach Angaben von Vartan Marashlyan, dem Partner der ReArmenia-Plattform, von mehr als 10.000 russischen Staatsangehörigen Fragen hinsichtlich der Verlegung der Unternehmen und Fachkräfte nach Armenien ein. Inoffiziellen Informationen zufolge meldeten sich Vertreter von etwa 250 Unternehmen in den ersten zwei Märzwochen 2022 bei der Hotline des armenischen Wirtschaftsministeriums mit einer Anfrage zwecks der Unternehmensumsiedlung. Gleichzeitig wurden 6.500 neue Unternehmen, deren Eigentümer nicht in Armenien ansässig sind, im Land angemeldet.

Seit Anfang 2022 sind über dreitausend ausländische IT-Spezialisten, vor allem Staatsangehörige von Belarus und Russland, im Rahmen des TashRush-Relocation-Programms nach Usbekistan gezogen. Ab dem 1. April 2022 wird Usbekistan den qualifizierten IT-Spezialisten ein spezielles IT-Visum für bis zu 3 Jahren ausstellen, das automatisch verlängert werden kann. Dieses Visum garantiert ein vereinfachtes Verfahren zur Erlangung eines Aufenthaltstitels für den Antragsteller selbst und ein Besuchsvisum für seine Familienangehörigen, medizinische Leistungen und eine Ausbildung zu den gleichen Bedingungen wie für die Bürger Usbekistans.

Wohin wandert man aus?

Die Länder der Eurasischen Union sind ideal für die Auswanderung aus Russland. Erstens sind die Länder Zentralasiens und des Kaukasus, mit Ausnahme Georgiens, offiziell neutral gegenüber dem Krieg in der Ukraine und haben sich bei der Abstimmung über die UN-Resolution zur „Aggression in der Ukraine“ der Stimme enthalten. Zweitens stehen die Länder Zentralasiens und des Kaukasus nicht auf der Liste der Russischen Föderation feindlich gesinnten Länder, die durch eine Verfügung der russischen Regierung vom 5. März 2022 verabschiedet wurde.

Dies ist ein sehr wichtiger Aspekt, der die Rückkehr nach Russland ermöglicht (falls erforderlich) und keine Einschränkungen bei der Nutzung von Eigentum in Russland mit sich bringt. Dem Sinn der Präsidialerlasse vom 1. März nach führt eine doppelte Staatsbürgerschaft oder eine Aufenthaltsgenehmigung in den Ländern, die von der russischen Regierung als „unfreundlich“ eingestuft werden, automatisch zu einem Verbot des Verkaufs, Kaufs oder Umsatzes von Immobilien in Russland.

Drittens haben die Länder Zentralasiens und des Kaukasus liberale Migrationsverfahren für die Staatsangehörigen der Russischen Föderation. Nach den derzeitigen Vorschriften dürfen sich russische Staatsbürger 30 Tage lang ohne Registrierung im Hoheitsgebiet der Staaten der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) aufhalten und sich dann in einem Meldeverfahren im Hoheitsgebiet des EAWU-Landes registrieren lassen. Georgien erlaubt den russischen Staatsangehörigen den Aufenthalt in seinem Hoheitsgebiet mit einem russischen Pass für bis zu einem Jahr. Danach muss der russische Staatsbürger Georgien verlassen oder eine befristete oder unbefristete Aufenthaltsgenehmigung vom georgischen Standesregister erhalten. Usbekistan hat sogar ein E-Visum-Portal für ausländische Staatsangehörige und Staatenlose wieder in Betrieb genommen, das wegen der Coronavirus-Pandemie ausgesetzt worden war.

Außerdem erfordert der Umzug nach Zentralasien und in den Kaukasus keine besondere kulturelle oder sprachliche Anpassung für Russen. In den meisten Ländern der Region ist Russisch nach wie vor die Sprache der täglichen Kommunikation, und die Regeln und Gesetze für den Aufenthalt sind denen in Russland ähnlich.

Die meisten Menschen, die heute Russland verlassen, sind Expats, keine Flüchtlinge. Das Verlassen Russlands ist einerseits eine erzwungene Maßnahme, andererseits aber auch ihre freie Entscheidung. Die Menschen verlassen ihre Heimat, um freier und unter weniger Einschränkungen leben zu können. Diese Menschen haben nicht den Wunsch, in das heutige Russland zurückzukehren, obwohl – und das ist sehr wichtig – sie rechtlich dazu im Stande wären.

Die Länder Zentralasiens werden durch die Umsiedlung von Fachleuten und die Verlegung russischer und belarussischer Unternehmen hochqualifizierte Fachkräfte gewinnen. Inwieweit sie jedoch in der Lage sein werden, diese unerwarteten Vorteile aus Russlands militärischem Einmarsch in der Ukraine zu nutzen, hängt weitgehend von ihnen selbst ab.

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