Scheitert China?

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Sind wir Zeugen einer historischen Machtverschiebung vom Westen nach Asien? [Foto : [Luciano Mortula / Shutterstock.com]

Krise, Turbulenzen, Stagnation: China gilt zunehmend als „stotternder Motor“, der die Weltkonjunktur gefährdet. Droht das Land tatsächlich zu scheitern?

Ein kritischer Blick offenbart, dass solche Untergangsszenarien in der internationalen Debatte seit längerem Konjunktur haben, aber bereits ebenso oft daneben lagen – teils aufgrund vereinfachender Annahmen, teils aufgrund westlichen Wunschdenkens. Dass China durch seine wirtschaftliche Entwicklung mit zahlreichen profunden Schwierigkeiten zu kämpfen hat, ist nicht zu bestreiten. Daraus auf einen bevorstehenden Kollaps der Volksrepublik zu schließen, wäre jedoch überzogen. Stattdessen empfiehlt sich eine differenzierte und längerfristig orientierte Betrachtung der politischen und ökonomischen Strukturen, um auf die weitere Entwicklung Chinas vorbereitet zu sein.

Jahrelang dominierte das rasante Wirtschaftswachstum die öffentliche Wahrnehmung über China. Neben Bewunderung für die Effektivität eines „chinesischen Modells“ wurde der Aufstieg Chinas und dessen Folgen für die Weltpolitik und den internationalen Wettbewerb aber auch als bedrohlich empfunden. Inzwischen kreist die Debatte über die weitere wirtschaftliche und politische Entwicklung Chinas um Begriffe wie Krise, Turbulenzen, Stagnation, Absturz oder Kollaps. Und wieder wird China als Bedrohung interpretiert, diesmal als „stotternder Motor“, der die Weltkonjunktur gefährdet. Zweifellos ist Chinas weitere Entwicklung von hoher internationaler Bedeutung, und das Land ist als Folge der anhaltenden wirtschaftlichen Dynamik mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Statt schriller Horrorszenarien sollte aber ein differenzierender Blick die Diskussion über Chinas weitere Entwicklung leiten.

Droht der Zusammenbruch?

Alle Jahre wieder erregen Vorhersagen über den bevorstehenden Zusammenbruch Chinas öffentliche Aufmerksamkeit. Schon anlässlich der studentischen Protestbewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989 wurde diskutiert, wie lange die Kommunistische Partei sich noch würde an der Macht halten können. Aus den frühen 1990ern datieren Überlegungen zu einem Auseinanderbrechen Chinas in mehrere Teilstaaten. Dieser Zerfall wurde wahlweise in Analogie zum Zusammenbruch der Sowjetunion, mit wachsenden innerchinesischen Spannungen oder dem erwartbaren Tod der einflussreichen Führungspersönlichkeit Deng Xiaoping begründet. Die Ökonomin He Qinglian beschrieb das Land dann in ihrem 1998 auf Chinesisch erschienenen Buch „China in der Falle“ als nahezu „gescheitert“. Wachsende Einkommensunterschiede, der Niedergang zentralstaatlicher Autorität, schwache wirtschaftliche Strukturen und der als Begleiterscheinung der Öffnungspolitik zu verzeichnende moralische Verfall seien systemgefährdend.

Vor dem Hintergrund des chinesischen WTO-Beitritts prognostizierte Gordon Chang 2001 in seinem Bestseller „The Coming Collapse of China“ den Niedergang innerhalb von einer Dekade und begründete dies mit der Ineffizienz der staatlichen Banken und der hohen Verschuldung der Staatsbetriebe. Im Zusammenhang mit der Re- Copyright: Bundesakademie für Sicherheitspolitik | Arbeitspapier Sicherheitspolitik, Nr. 16/2016 Seite 2/5 volution in Tunesien 2011 und den in China folgenden „Jasmin-Kundgebungen“ sprachen Beobachter davon, dass China dem „demokratischen Druck“ auf längere Sicht nicht werde widerstehen können.

2015 schließlich diagnostizierte David Shambaugh, Professor an der George Washington Universität und anerkannter Chinabeobachter, im Wall Street Journal die „Endphase der kommunistischen Herrschaft“. Kapitalflucht, eine wohlhabende Elite, die das Land in Scharen verlasse, wachsende politische Repression, die verbreitete Korruption sowie die drakonischen Versuche ihrer Bekämpfung, der Zynismus staatlicher Kader und eine sich abkühlende Wirtschaft seien Merkmale eines „gebrochenen Systems“, welches volkswirtschaftlich am Beginn einer Stagnation und politisch vor dem Niedergang stehe. Auch ein gewaltsam-chaotisch verlaufender völliger Zusammenbruch sei nicht auszuschließen. In seinem im März 2016 erschienen Buch mit dem Titel „China’s Future“ unterstreicht er nochmals diese Position. Das Land befände sich an einem kritischen Punkt, denn ohne politische Reformen könne keine weitere Prosperität garantiert werden.

Prognosen zu Chinas Zukunft

Chinawissenschaftler diskutieren seit vielen Jahren denkbare Zukunftsszenarien. Die Hoffnung auf eine von oben eingeleitete, sich in geregelten Bahnen vollziehende Demokratisierung wird dabei ebenso erörtert wie eine „Singapurisierung“, ein repressiver Neo-Totalitarismus oder ein durch sozio-ökonomische Krisen eingeleiteter politischer Schlingerkurs mit offenem Ausgang. Im Zeitverlauf kann festgestellt werden, dass Einschätzungen zu Chinas Zukunft zwischen optimistischen Prognosen und apokalyptischen Prophezeiung oszillieren. Viele Beobachter halten jedoch eine noch länger andauernde Kontinuität des gegenwärtigen politischen Status Quo für wahrscheinlich. Aus theoretischer Perspektive jedoch gelten autoritäre Systeme aufgrund ihrer schwachen Legitimität, einer Überzentralisierung von Entscheidungsstrukturen sowie dem Einsatz von Zwangsmitteln als instabil, was die bisherige Kontinuität des chinesischen Systems erklärungsbedürftig macht. In der Chinawissenschaft ist daher das Transformationsparadigma der Resilienz-These gewichen. Resilienz, das heißt die Belastbarkeit eines politischen Systems, kann dabei als Kapazität zum Management akuter Probleme und dem „Aushaltenkönnen von Krisen“ verstanden werden.

Hinweis: Bei dem vorliegenden Beitrag handelt es sich um einen Auszug eines Textes, der auf der Seite der Bundesakademie für Sicherheitspolitik . Den vollständigen Beitrag lesen Sie hier.

 

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